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Special

09.11.2016

11:01 Uhr

Hillary Clintons Wahlparty

Der Untergang – ohne Kapitänin

VonFrank Wiebe

Die Bühne war in Form der USA aufgebaut, doch Hillary Clinton betritt sie nicht. Wie die treuesten Fans der Kandidatin darauf warten, einen Sieg feiern zu können – und am Ende allein die Niederlage verdauen müssen.

Wahlkampfmanager von Clinton

Nach Niederlage: „Wir haben heute Nacht nichts mehr zu sagen“

Wahlkampfmanager von Clinton: Nach Niederlage: „Wir haben heute Nacht nichts mehr zu sagen“

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New YorkNach zwölf Stunden werden wir endlich ins Allerheiligste eingelassen. Wir, das sind außer mir die verbliebenen Fans von Hillary Clinton, die Stunden vor und in dem Jakob K. Javits Convention Center von Manhattan angestanden haben, um sie zu sehen.
Ich habe mich um eins angestellt, als es schon eine lange Schlange auf der Straße gibt. Die Stimmung ist gut.

Kelly aus Mississippi läuft mit einem Hillary-Kostüm herum und erzählt, dass sie das zu Hause auch tut und manchmal aus dem Auto heraus deswegen angebrüllt wird. Eine junge Frau zeigt Fotos von einer früheren Veranstaltung mit der demokratischen Präsidentschaftskandidatin. Eine Dritte lässt ihre Beine mit ihren Leggins fotografieren, auf der Clinton abgebildet ist. Überhaupt gibt es viele junge Leute und viele Frauen. Sie tragen Hillary-T-Shirts und Anstecker. Auf manchen steht vorausschauend „We make history“. Noch ahnt niemand, dass es tatsächlich eine historische Wahl wird, die Amerika verändert. Aber Geschichte macht nicht immer Spaß, vor allem für die Verlierer.

Hillary Clinton: Keine Niederlage, eine Demütigung

Hillary Clinton

Premium Keine Niederlage, eine Demütigung

Verloren hat sie schon zuvor, 2008 im Vorwahlkampf gegen den jungen Obama. Doch nach der Niederlage gegen Donald Trump steht die Demokratin vor den Trümmern ihrer politischen Karriere. Für ihn war sie das perfekte Ziel.

So geht es Stunde um Stunde weiter. Zuerst werden wir in eine Vorhalle eingelassen. Dort ist die Stimmung auch noch aufgeräumt. Ein paar Ordner geben über Megafon Anweisungen, und weil die niemand versteht, werden sie über das menschliche Megafon, sukzessive Sprechchöre, bis hinten durchgereicht.

Das Publikum ist gemischt, jedes Alter ist dabei, sogar kleine Kinder, und jede Hautfarbe. Vom Kleidungsstil nicht ganz so bunt wie bei einer Bernie-Sanders-Veranstaltung in der Bronx, wo ich vor Monaten war, aber eben doch sehr vielfältig. Männer mit Anzug und Krawatte sehe ich am ganzen Abend aber nur zwei. Immer wieder brausen Sprechchöre auf – „Hillary, Hillay“, oder „I believe that she will win.“

Weil durchgesagt wird, dass man kein Essen mit reinnehmen darf, werden plötzlich eifrig Chips-Tüten herumgereicht, Äpfel angeboten und Schokoriegel durch die Luft geworfen. Ich entdecke zwei Reihen hinter mir meinen Freund Mike, der eine Freundin aus seinem Heimatstaat Indiana zum Feiern mitgebracht hat. Er ist Schauspieler, und vor fast genau einem Jahr hat er meisterhaft eine Donald-Trump-Parodie aufgeführt. Damals konnte man über Trump noch lachen.

Trost gesucht, Trost gespendet – in der Wahlnacht bei Hillary Clintons Anhängern. Frank Wiebe

Szene auf dem Rückweg aus der Halle

Trost gesucht, Trost gespendet – in der Wahlnacht bei Hillary Clintons Anhängern.

Um 19 Uhr, nach sechs buchstäblich durchgestandenen Stunden, kommen wir in die Haupthalle. Oder nein – eben doch nur in eine Nebenhalle. Das Allerheiligste, die innere Halle des riesigen Kongresszentrums am Hudson River, ist für auserwählte Gäste reserviert – für die nächsten Stunden jeweils. Der gewöhnliche Hillary-Fan muss sich damit begnügen, im Stehen das Geschehen auf großen Bildschirmen zu verfolgen. Die Enttäuschung auf den Gesichtern ist unverkennbar, aber die meisten tragen es mit Fassung. Einmal stimmt einer den Sprechchor an „I believe that we’ll get in“. Aber das passiert erst sehr viel später.

Dann geht das ganz lange Geduldsspiel los. Zuerst ist die Stimmung noch gut. Begeisterung kommt auf, als Hillary im großen Bundesstaat Florida vorne liegt und in Ohio offenbar auch gut im Rennen ist. Aber schon ab 21 Uhr sind die ersten Bedenken spürbar. Dass Hillary in Virginia hinter Trump liegt, ist eine unangenehme Überraschung. „Oh, mein Gott“, erklingen Stimmen hinter mir. Virginia galt als sichere Bank für die Demokraten. Am Ende behält Hillary diesen Staat, verliert aber in Florida. Und in jeder Menge anderer Staaten. Zum Beispiel in Wisconsin, auch einem Staat, wo Trump als völlig chancenlos galt.

Was Trump sich leisten konnte, ohne zu stürzen

Sexistische Aussagen

Trump fällt seit Jahren mit frauenverachtenden Sprüchen auf wie „dicke Schweine“ oder „Schlampen“. Eine Miss Universe verunglimpfte er als „Miss Piggy“, die ordentlich Gewicht zugelegt habe. Nach kritischen Fragen der Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly deutete Trump an, sie habe Menstruationsprobleme gehabt.

Der Video-Skandal

In einem Video aus dem Jahr 2005 ist zu hören, wie Trump vulgär über Frauen herzieht. Nur wenige Monate nach seiner Hochzeit mit Ehefrau Melania brüstet er sich mit sexuellen Übergriffen.

Verbal-Angriff auf Familie eines toten Soldaten

Trumps Hetze gegen andere Ethnien scheint kaum Grenzen zu kennen. Ende Juli legte er sich mit den pakistanstämmigen Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten an.

Unklarheiten um Steuererklärung

Seit Monaten weigert sich Trump, seine Steuererklärung zu veröffentlichen, obwohl das bei Präsidentschaftskandidaten überparteilicher Usus ist. Auch Hillary Clinton legte ihre Daten offen. Die „New York Times“ berichtete, dass der Geschäftsmann Trump 1995 einen Verlust von 916 Millionen US-Dollar (824 Mio. Euro) ausgewiesen habe. Steuerexperten kamen daraufhin zu dem Schluss, dass Trump auf diese Weise über zwei Jahrzehnte keine Steuern abführen musste.

Drohungen mit Waffengewalt

Mit einer zweideutigen Aussage, die sich als Aufruf zur Gewalt gegen seine Rivalin Hillary Clinton verstehen lässt, löste Trump einen Sturm der Entrüstung aus. Bei einem Wahlkampfauftritt deutete er an, dass nur Waffenfreunde Clinton aufhalten könnten.

Was Trump sich noch leistete

Trump verwechselt 9/11 mit 7/11 - Trump macht Anspielung auf die Größe seines Penis - Trump behauptet seit längerem, US-Präsident Barack Obama sei nicht in den USA zur Welt gekommen, sondern in Kenia.

Auf dem Bildschirm wird CNN eingespielt, wo Experten komplizierte Berechnungen anstellen und darüber diskutieren, warum Trump so viel besser abschneidet als vorher von anderen Experten prognostiziert. Im Grunde läuft es immer wieder darauf hinaus, wortreich zu erklären, dass man keine Ahnung habe, was los sei und warum es anders komme als gedacht. Zwischendurch werden die Reden von bekannten demokratischen Politikern eingeblendet. Etwa von New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, Senator Charles Schumer, der immerhin seine Wiederwahl gewonnen hat, und Andrew Cuomo, dem Gouverneur des Staates New York. Sie klingen immer noch wie Sieger, aber im Grunde interessiert sich keiner für sie. Jeder will nur die nächsten Ergebnisse auf dem Bildschirm sehen.

Kommentare (3)

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Herr Werner Müller

09.11.2016, 13:13 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Josef Hirsepp

09.11.2016, 14:25 Uhr

DA gibt's einen Song von Willie Nelson:
Turn-off the light, THE PARTY IS OVER ....
....an tomorrow starts the same olde shi.. again....!

oder was sang Zarah Leander, als die Bomben ueber Berlin runtersausten:
DVON GEHT DIE WELT NICHT UNTER....
und die Clintons ganz bestimmt nicht....!

Herr Götz Eckhardt

09.11.2016, 16:12 Uhr

Viele haben für sie gekämpft, aber im Zeichen der Niederlage werden sie allein gelassen.
Die Tatsache, dass Frau Clinton ihre Anhänger angesichts der Niederlage einfach stehen läßt sagt sehr viel über Ihren Charakter.
Sie bestätigt damit was ihr viele immer nachgesagt haben ...

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