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Special

09.11.2016

21:29 Uhr

Märkte nach dem Trump-Sieg

„Nicht mit dem Brexit zu vergleichen“

VonJessica Schwarzer

Heftige Kursausschläge an der Börse sind nach dem Sieg von Trump ausgeblieben. Größere Schwankungen gab es aber beim Dollar. Das könnte ein Vorgeschmack darauf sein, was Aktionären noch blüht, sagt Anlegeexperte Galler.

Die Märkte haben auf seinen Wahlsieg überraschend ruhig reagiert. AP

Donald Trumps Rede wird an der Wall Street übertragen

Die Märkte haben auf seinen Wahlsieg überraschend ruhig reagiert.

Für viele Investoren kam der Wahlsieg von Donald Trump überraschend - ebenso wie die Kursgewinne, die dann an der New Yorker Wall Street folgen. Tilmann Galler, Chefanlagestratege von JP Morgan Asset Management in Europa, fühlt sich zwar an den Brexit erinnert, doch dafür, dass die Märkte dieses Mal nicht so extrem reagiert haben, hat er eine einfache Erklärung.

Anlagestratege von JP Morgan Asset Management.

Tilmann Galler

Anlagestratege von JP Morgan Asset Management.

Herr Galler, wie viel haben Sie in der Wahlnacht geschlafen?
Nicht so viel. Nachdem die Ergebnisse aus den ersten Bundesstaaten reinkamen und nicht so gut aussahen für Hillary Clinton, bin ich mehr oder weniger wach geblieben. Ich fühlte mich an den Brexit erinnert.

Auch damals hatten die Umfragen einen anderen Wahlausgang vorausgesagt.
Die US-Präsidentschaftswahl ist nach dem Brexit ein weiteres Ereignis, bei dem die Meinungsforschungsinstitute total danebengelegen haben. Nur die LA Times lag mit ihrer Prognose vor der Wahl richtig.

Auch die Märkte haben auf Clinton gesetzt.
Ja, nach dem hastig hinterhergeschobenen Freispruch durch das FBI am Wochenende hatte man gehofft, dass Clinton gewinnt.

Wie Ökonomen und Finanzexperten den Sieg Donald Trumps beurteilen

Peter Praet, Chefvolkswirt EZB

„Es ist zu früh, um Schlüsse aus der US-Wahl zu ziehen. Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte. Die EZB wird ihre konjunkturfördernde Geldpolitik so lange beibehalten, bis die Inflation im Euro-Raum wieder zur Zielmarke der Notenbank zurückkehrt. Die EZB strebt als optimalen Wert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent Inflation an.“

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

„Natürlich wird es kurzfristig zu Verwerfungen an den Finanzmärkten kommen. Das sieht man ja bereits jetzt, und das dürfte sich in den kommenden Tagen fortsetzen. Aber ähnlich wie nach dem Brexit-Votum der Briten werden sich die Wellen wieder glätten. Schnell wird man feststellen, dass sich eigentlich nicht so viel ändern wird. Viele der verrückten Pläne Donald Trumps – etwa in der Steuer- und Handelspolitik – wird er nicht umsetzen können. Wir haben eine funktionierende Demokratie in den USA. Auch der mächtigste Mann der Welt kann nicht tun, was er will.“

Michael Hüther, Direktor IW Köln

Wenn Trump zu machen versucht, was er im Wahlkampf so ziemlich wirr und zusammenhanglos erzählt hat, dann heißt das Abschottung, Isolation, Diskriminierung und explodierende Staatsverschuldung. Die deutsche Wirtschaft wird nicht mehr so einfach auf die USA als Exportzielland Nummer eins setzen können. Kurzfristig werden nicht nur die Aktienmärkte von Ungewissheit in neuer Dimension geplagt werden, sondern auch das ohnehin schon schwache Investitionsgeschehen - und zwar global. Die Abwertung für den Dollar wird ein Übriges tun.

Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz

„Mit Donald Trump zieht ein Präsident in das Weiße Hause ein, der außergewöhnlich hohe Unwägbarkeiten und Risiken für die Politik der nächsten Legislaturperiode mit sich bringt. Auch wenn die Realitäten des Amts sowie der Kongress als Korrektiv wirken können und Trump davon abhalten, seine Wahlversprechen etwa im Hinblick auf Zölle oder Zuwanderung eins zu eins umzusetzen, ist der langfristige Wachstumsausblick für die US-Wirtschaft eher negativ beeinflusst.“

Kathleen Brooks, Brokerhaus City Index

„Das ist unbekanntes Territorium für die USA, das politische Establishment könnte über den Haufen gerannt werden, was weitreichende Konsequenzen für die Finanzmärkte für eine geraume Zeit nach sich ziehen würde. Ein weiteres Risiko ist, wie die Bevölkerung auf einen Sieg von Trump reagiert. Kommt es zu gewalttätigen Protesten könnte das noch mehr Volatilität für die Märkte bedeuten.“

Stefan Kreuzkamp, Chefstratege Deutsche Asset Management

„Der Sieg von Donald Trump hat die Märkte sicherlich auf dem falschen Fuß erwischt, wie auch die ersten Marktreaktionen zeigen. Wir erwarten, dass uns die Marktvolatilität aufgrund der gestiegenen politischen Unsicherheit zunächst erhalten bleiben dürfte. Die Unberechenbarkeit Trumps und seine politische Unerfahrenheit sind Grund genug, die kommenden Monate etwas vorsichtiger anzugehen. Die Berichterstattung dürfte negativ dominiert bleiben. Würde er nur die Hälfte seiner markigen Versprechungen aus dem Wahlkampf einlösen, dürfte dies bereits für viel Unruhe sorgen.
Allerdings glauben wir, dass die Anleger auch nicht die Nerven verlieren sollten. Vergessen wir nicht, dass es die große Konstante in Trumps Wahlkampf war, das Publikum immer wieder zu überraschen. Gut möglich, dass er nach der Wahl aus Marktsicht auch mal positiv überraschen könnte. Unsere Hoffnungen beruhen auf dem Pragmatismus, der Adaptionsfähigkeit und der insgesamt geringen politischen Festlegung Trumps. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er die Politveteranen im Kongress ein weitgehend klassisch republikanisch geprägtes Wahlprogramm durchziehen lässt.“

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden Deutsche Bank

„Darauf waren die Märkte nicht eingestellt. Noch ist unklar, wie weit Trump tatsächlich geht. Doch in seinen Äußerungen im Wahlkampf zog er zum Beispiel den freien Welthandel in Zweifel. Er könnte so eine Belastung (nicht nur) für Schwellenländer werden. Auch daheim droht eine Rezession. In der ersten Phase der Ungewissheit dürften viele Märkte daher von Verlusten geprägt sein. Der Höhenflug des US-Dollar könnte jetzt vorerst ein Ende finden. Denn es ist unklar, ob sich die Fed angesichts der Unruhe an den Märkten zu einer raschen Zinserhöhung durchringt – obwohl die volkswirtschaftlichen Rahmendaten zuletzt dafür sprachen. Oder tritt sogar Notenbankchefin Janet Yellen ab?“

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt DZ Bank

„Die Folgen der Wahl sind – wie der Kandidat Trump – völlig unberechenbar. Einige seiner Pläne sind radikal, viele nur rudimentär bekannt. Die Unklarheit über die künftige Wirtschaftspolitik ist groß, die Finanzierung der Steuerpläne ungewiss und die Aussagen zur Handelspolitik lassen sogar einen Handelskrieg befürchten. Die Beziehungen zu Europa und zur Nato dürften sich eintrüben. Wenn Donald Trump seine Wahlversprechen tatsächlich umsetzt und er ein spürbares Konjunkturprogramm für die US-Wirtschaft initiiert, sollte die US-Konjunktur zunächst profitieren und damit auch die wichtigsten Handelspartner. Mittelfristig dürfte der Politikentwurf von Donald Trump jedoch zu einer spürbar geringeren Wachstumsdynamik binnenwirtschaftlich wie global führen. Somit wird die zunächst negative Entwicklung an den Kapitalmärkten wohl kurzfristig überzeichnet sein, mittelfristig aber als berechtigt erscheinen.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

„Der US-Wahlausgang ist schwere Kost für die Börsen. Die Aktienmärkte weltweit werden unter einer hohen Volatilität leiden, der US-Dollar dürfte sich zum Euro abschwächen, und auch die Zinswende könnte nochmals verschoben sein. Ganz bitter könnte es sogar für die Emerging Markets Märkte kommen. Gold als Krisenwährung wird gewinnen.“

Thomas Glitzel, Chefvolkswirt VP Bank

„Bleibt Trump bei seiner harten außenwirtschaftlichen Linie, verspricht dies nichts Gutes. Wahrscheinlich muss sich Donald Trump aber den Fakten stellen und zurückrudern. Der Freihandel kann so einfach nicht auf den Kopf gestellt werden, ansonsten wäre die US-Wirtschaft selbst stark gefährdet. Kehrt Trump von seiner extremen außenwirtschaftlichen Positionierung ab, blieben Steuersenkungen und eine deutliche Erhöhung der Staatsausgaben als Kernelemente seiner Wirtschaftspolitik. Dies wäre dann positiv für die US-Wirtschaft und somit auch für die Weltökonomie als ganzes. Die US-Notenbank wird in den kommenden Wochen die Reaktion an den Finanzmärkten abwarten, auch das Verhalten wichtiger konjunktureller Frühindikatoren wird für US-Notenbankchefin Yellen entscheidend sein. Bleiben die Aktienmärkte unter Druck und leidet darunter die Unternehmens- und Verbraucherstimmung, dürfte die US-Notenbank von einer weiteren Zinserhöhung im Dezember absehen.“

Es kam anders. Doch der befürchtete Kursrückgang oder sogar Crash an den Märkten blieb aus, anders als nach dem „Ja“ der Briten zum Brexit.
Ich glaube, das hat mehrere Gründe. Der Brexit wurde als eine wirtschaftlich ziemlich unsinnige Entscheidung eingeschätzt, auf die die Märkte entsprechend reagiert haben. Auch war die Vorfreude auf einen Verbleib der Briten in der EU größer als die Vorfreude auf einen Sieg Hillary Clintons. Donald Trump und sein überraschender Sieg stoßen zwar nicht auf Gegenliebe der Märkte, aber sind nicht mit dem Brexit zu vergleichen.

Investoren mögen aber doch eigentlich keine Überraschungen und reagieren entsprechend emotional.
Viele haben in der Tat mit höheren Ausschlägen gerechnet. Es wundert mich, wie frühzeitig die Märkte differenzieren. Vielleicht hat man vom Brexit gelernt, dass es dauert bis sich politische Events wie eben auch der Wahlsieg Trumps in Gesetzen niederschlagen. Auch wird Trump nicht alle seine Maximalforderungen durchbringen, der Kongress ist ein gewisses Korrektiv, auch wenn er republikanisch dominiert ist.

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