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Special

09.11.2016

16:29 Uhr

Meuthen, Petry und Co. feiern US-Wahl

Trump sorgt für Oberwasser bei der AfD

VonDietmar Neuerer

Für die AfD markiert der Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl eine „Zeitenwende“. Die Partei sieht nun gute Chancen, im kommenden Jahr auch in Deutschland die politischen Machtverhältnisse zu ändern.

Freude nach Trump-Erfolg

Rechtspopulisten gratulieren: „Mit Trump kann es Neuanfang geben“

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BerlinIn der AfD herrschten bisher unterschiedliche Ansichten darüber, wie Donald Trump als Präsidentschaftskandidat einzuschätzen ist. Während Parteichefin Frauke Petry im April erklärt hatte, Trump stehe für einen „neuen Stil“ und sei eine „erfrischend andere Erscheinung“, erklärte dagegen ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen erst gestern noch, die Republikaner wären gut beraten gewesen, einen anderen Kandidaten als Trump zu wählen. Ihn störe an Trump auch dessen „Neureichen-Habitus“. Doch nun, da Trump tatsächlich zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde, fällt Meuthens Urteil plötzlich anders aus.

Trumps Sieg sei „ein gutes Signal für die Welt und markiert eine Zeitenwende“, sagte Meuthen. „Genauso wie die AfD in Deutschland hat Trump es im US-Wahlkampf verstanden, die Sorgen und Nöte der Menschen aufzugreifen und klar und mutig die Missstände im Establishment anzuprangern.“ Das Establishment müsse nun erkennen, dass man nicht auf Dauer am Volk vorbei regieren kann.  

Meuthen spricht dann zwar von einer „letzten Warnung für all die arroganten, abgehobenen Politiker, die sich selbst genug sind und deren einziges Ziel lediglich der Machterhalt ist“. Andererseits zeigte er sich überzeugt, dass der US-Wahlausgang „absehbar die politischen Machtverhältnisse auch bei uns in Deutschland und Europa nachhaltig verändern“ werde.

Wie Ökonomen und Finanzexperten den Sieg Donald Trumps beurteilen

Peter Praet, Chefvolkswirt EZB

„Es ist zu früh, um Schlüsse aus der US-Wahl zu ziehen. Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte. Die EZB wird ihre konjunkturfördernde Geldpolitik so lange beibehalten, bis die Inflation im Euro-Raum wieder zur Zielmarke der Notenbank zurückkehrt. Die EZB strebt als optimalen Wert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent Inflation an.“

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

„Natürlich wird es kurzfristig zu Verwerfungen an den Finanzmärkten kommen. Das sieht man ja bereits jetzt, und das dürfte sich in den kommenden Tagen fortsetzen. Aber ähnlich wie nach dem Brexit-Votum der Briten werden sich die Wellen wieder glätten. Schnell wird man feststellen, dass sich eigentlich nicht so viel ändern wird. Viele der verrückten Pläne Donald Trumps – etwa in der Steuer- und Handelspolitik – wird er nicht umsetzen können. Wir haben eine funktionierende Demokratie in den USA. Auch der mächtigste Mann der Welt kann nicht tun, was er will.“

Michael Hüther, Direktor IW Köln

Wenn Trump zu machen versucht, was er im Wahlkampf so ziemlich wirr und zusammenhanglos erzählt hat, dann heißt das Abschottung, Isolation, Diskriminierung und explodierende Staatsverschuldung. Die deutsche Wirtschaft wird nicht mehr so einfach auf die USA als Exportzielland Nummer eins setzen können. Kurzfristig werden nicht nur die Aktienmärkte von Ungewissheit in neuer Dimension geplagt werden, sondern auch das ohnehin schon schwache Investitionsgeschehen - und zwar global. Die Abwertung für den Dollar wird ein Übriges tun.

Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz

„Mit Donald Trump zieht ein Präsident in das Weiße Hause ein, der außergewöhnlich hohe Unwägbarkeiten und Risiken für die Politik der nächsten Legislaturperiode mit sich bringt. Auch wenn die Realitäten des Amts sowie der Kongress als Korrektiv wirken können und Trump davon abhalten, seine Wahlversprechen etwa im Hinblick auf Zölle oder Zuwanderung eins zu eins umzusetzen, ist der langfristige Wachstumsausblick für die US-Wirtschaft eher negativ beeinflusst.“

Kathleen Brooks, Brokerhaus City Index

„Das ist unbekanntes Territorium für die USA, das politische Establishment könnte über den Haufen gerannt werden, was weitreichende Konsequenzen für die Finanzmärkte für eine geraume Zeit nach sich ziehen würde. Ein weiteres Risiko ist, wie die Bevölkerung auf einen Sieg von Trump reagiert. Kommt es zu gewalttätigen Protesten könnte das noch mehr Volatilität für die Märkte bedeuten.“

Stefan Kreuzkamp, Chefstratege Deutsche Asset Management

„Der Sieg von Donald Trump hat die Märkte sicherlich auf dem falschen Fuß erwischt, wie auch die ersten Marktreaktionen zeigen. Wir erwarten, dass uns die Marktvolatilität aufgrund der gestiegenen politischen Unsicherheit zunächst erhalten bleiben dürfte. Die Unberechenbarkeit Trumps und seine politische Unerfahrenheit sind Grund genug, die kommenden Monate etwas vorsichtiger anzugehen. Die Berichterstattung dürfte negativ dominiert bleiben. Würde er nur die Hälfte seiner markigen Versprechungen aus dem Wahlkampf einlösen, dürfte dies bereits für viel Unruhe sorgen.
Allerdings glauben wir, dass die Anleger auch nicht die Nerven verlieren sollten. Vergessen wir nicht, dass es die große Konstante in Trumps Wahlkampf war, das Publikum immer wieder zu überraschen. Gut möglich, dass er nach der Wahl aus Marktsicht auch mal positiv überraschen könnte. Unsere Hoffnungen beruhen auf dem Pragmatismus, der Adaptionsfähigkeit und der insgesamt geringen politischen Festlegung Trumps. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er die Politveteranen im Kongress ein weitgehend klassisch republikanisch geprägtes Wahlprogramm durchziehen lässt.“

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden Deutsche Bank

„Darauf waren die Märkte nicht eingestellt. Noch ist unklar, wie weit Trump tatsächlich geht. Doch in seinen Äußerungen im Wahlkampf zog er zum Beispiel den freien Welthandel in Zweifel. Er könnte so eine Belastung (nicht nur) für Schwellenländer werden. Auch daheim droht eine Rezession. In der ersten Phase der Ungewissheit dürften viele Märkte daher von Verlusten geprägt sein. Der Höhenflug des US-Dollar könnte jetzt vorerst ein Ende finden. Denn es ist unklar, ob sich die Fed angesichts der Unruhe an den Märkten zu einer raschen Zinserhöhung durchringt – obwohl die volkswirtschaftlichen Rahmendaten zuletzt dafür sprachen. Oder tritt sogar Notenbankchefin Janet Yellen ab?“

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt DZ Bank

„Die Folgen der Wahl sind – wie der Kandidat Trump – völlig unberechenbar. Einige seiner Pläne sind radikal, viele nur rudimentär bekannt. Die Unklarheit über die künftige Wirtschaftspolitik ist groß, die Finanzierung der Steuerpläne ungewiss und die Aussagen zur Handelspolitik lassen sogar einen Handelskrieg befürchten. Die Beziehungen zu Europa und zur Nato dürften sich eintrüben. Wenn Donald Trump seine Wahlversprechen tatsächlich umsetzt und er ein spürbares Konjunkturprogramm für die US-Wirtschaft initiiert, sollte die US-Konjunktur zunächst profitieren und damit auch die wichtigsten Handelspartner. Mittelfristig dürfte der Politikentwurf von Donald Trump jedoch zu einer spürbar geringeren Wachstumsdynamik binnenwirtschaftlich wie global führen. Somit wird die zunächst negative Entwicklung an den Kapitalmärkten wohl kurzfristig überzeichnet sein, mittelfristig aber als berechtigt erscheinen.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

„Der US-Wahlausgang ist schwere Kost für die Börsen. Die Aktienmärkte weltweit werden unter einer hohen Volatilität leiden, der US-Dollar dürfte sich zum Euro abschwächen, und auch die Zinswende könnte nochmals verschoben sein. Ganz bitter könnte es sogar für die Emerging Markets Märkte kommen. Gold als Krisenwährung wird gewinnen.“

Thomas Glitzel, Chefvolkswirt VP Bank

„Bleibt Trump bei seiner harten außenwirtschaftlichen Linie, verspricht dies nichts Gutes. Wahrscheinlich muss sich Donald Trump aber den Fakten stellen und zurückrudern. Der Freihandel kann so einfach nicht auf den Kopf gestellt werden, ansonsten wäre die US-Wirtschaft selbst stark gefährdet. Kehrt Trump von seiner extremen außenwirtschaftlichen Positionierung ab, blieben Steuersenkungen und eine deutliche Erhöhung der Staatsausgaben als Kernelemente seiner Wirtschaftspolitik. Dies wäre dann positiv für die US-Wirtschaft und somit auch für die Weltökonomie als ganzes. Die US-Notenbank wird in den kommenden Wochen die Reaktion an den Finanzmärkten abwarten, auch das Verhalten wichtiger konjunktureller Frühindikatoren wird für US-Notenbankchefin Yellen entscheidend sein. Bleiben die Aktienmärkte unter Druck und leidet darunter die Unternehmens- und Verbraucherstimmung, dürfte die US-Notenbank von einer weiteren Zinserhöhung im Dezember absehen.“

Petry gratulierte Trump via Twitter. „Die Amerikaner haben sich für den politischen Neuanfang und gegen Filz/Korruption entschieden - diese Chance ist historisch“, erklärte sie. In einer Mitteilung ergänzte die AfD-Chefin, dieses Wahlergebnis mache „Mut für Deutschland und Europa, denn Trump hat tatsächlich die Karten zur politischen Zeitenwende in der Hand“. So wie die Amerikaner den Demoskopen der Leitmedien nicht geglaubt hätten, müssten auch in Deutschland die Bürger den Mut haben, ihr Kreuz in der Wahlkabine selbst zu machen und nicht resigniert zu Hause zu bleiben, forderte sie mit Blick auf die Bundestagswahl 2017.

Für Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, ist ein Regierungswechsel in Deutschland sogar schon mehr als ein realistisches Szenario. Nach der Wahl von Trump zum Präsidenten dürfe es ein „Weiter so“ in der internationalen und in der deutschen Politik nicht mehr geben. „Eine weitere Kanzlerschaft von Angela Merkel wird damit unwahrscheinlicher“, sagte Höcke.

Die Prophezeiung Höckes könnte sich erfüllen. Dafür spricht auch, dass selbst heftige parteiinterne Querelen - vor allem der Machtkampf zwischen Petry und Meuthen - den Aufstieg der AfD nicht gebremst haben. Inzwischen in zehn Landesparlamenten vertreten, nimmt die Partei Kurs auf den Bundestag. Dass sie in Umfragen derzeit bei nur zwölf bis 13 Prozent gehandelt wird, hat für Petry wenig Aussagekraft - schließlich hätten auch die Amerikaner "den Demoskopen der Leitmedien nicht geglaubt".

Auch die AfD zog häufig mit deutlich besseren Resultaten in die Landesparlamente ein als vorhergesagt. Die Worte Meuthens vom September, die AfD wolle "langfristig in Deutschland regieren", dürften für die etablierten Parteien hierzulande nach der US-Wahl an Bedrohlichkeit gewonnen haben.

Der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer glaubt indes nicht, dass der Trump-Sieg der AfD zusätzlichen Rückenwind geben wird. „Trumps Sieg wird bis zu unseren Wahlen nächstes Jahr längst wieder vergessen sein“, sagte Niedermayer dem Handelsblatt. „Das Ereignis selbst wird für das Wahlverhalten daher keine Rolle spielen, wohl aber seine Hauptursache, der Protest vieler Bürgerinnen und Bürger gegen eine politische Elite, die sie als abgehoben und überheblich wahrnehmen und von der sie ihre Interessen nicht mehr vertreten fühlen“. Diese Orientierungen seien auch in Deutschland „eine der wesentlichen Ursachen für die Wahl der AfD“.

Kommentare (12)

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09.11.2016, 13:28 Uhr

Mit Gutgläubigen, Weicheiern, Rucksackträgern und Warmduschern wird man es bald leichter haben, vornehmlich in Deutschland.

Herr Tom Schmidt

09.11.2016, 13:41 Uhr

Naja, eines wird klar sein. Merkel hat es z.B. bei der Flüchtlingspolitik geschafft so eine Art gefühlte Mehrheitsposition zu generieren. Im Zweifelsfalle wurde dann auf übelste Art Ost-Europa-bashing betrieben.

Das geschah vor dem Hintergrund, dass am Anfang nur 3 Länder (D, S, A) diesen Kurs hatten, und nach ein paar Wochen nur noch D.

Die Medienlagen wird in Zukunft so sein, dass sie das nicht mehr schaffen wird, im Gegenteil, so ein Verhalten wird sich klar gegen Deutschland auswirken...

Herr Tom Schmidt

09.11.2016, 13:44 Uhr

da kommen schon die passenden Nachrichten: Juncker und Tusk gratulieren und sprechen eine Einladung aus... Steinmeier und Flinten-Uschi haben uns endgültig ins abseits manövriert...

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