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Special

09.11.2016

15:32 Uhr

Niemand sah den Trump-Sieg kommen

Fast alle Meinungsforscher lagen falsch

Auch die Umfrageinstitute der USA haben eine schmerzhafte Niederlage erlitten. Nur eines von 20 Meinungsforscher-Team sah Trump konstant in Führung. Wie konnten die Profis die Wähler des Republikaners übersehen?

Die Meinungsforscher haben das Potential der Trump-Wähler unterschätzt. AFP; Files; Francois Guillot

Auch Arizona hat Trump gewonnen

Die Meinungsforscher haben das Potential der Trump-Wähler unterschätzt.

WashingtonDer Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentschaftswahl war nicht nur eine Niederlage für Hillary Clinton – sondern auch für die Meinungsforscher in den USA. Nahezu alle 20 größten Umfrageinstitute, darunter die zuständigen Abteilungen von Fernsehsendern und renommierten Zeitungen, sagten einen Sieg der demokratischen Kandidatin voraus. Einen konstanten Vorsprung des Republikaners Trump ergaben lediglich die gemeinsamen Erhebungen der „Los Angeles Times“ und der University of Southern California (USC).

Was sagten die Umfragen voraus?

Noch am Morgen des Wahltags am Dienstag errechnete die angesehene Website „RealClearPolitics“ einen durchschnittlichen Vorsprung von 3,3 Prozentpunkten für Clinton. In den frühen Morgenstunden des Mittwoch, als Trumps Einzug ins Weiße Haus nicht mehr zu stoppen war, machte sich Erstaunen breit. „Schrecklich“, kommentiert der bekannte Wahlbeobachter Nate Silver die Erkenntnis, dass die Institute so daneben lagen.

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Sollte Trump auch nur einen Teil seiner Ankündigungen umsetzen, wird auf dieser Welt nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Silvers Blog „FiveThirtyEight“ hatte vorhergesagt, dass Clinton die Schlüsselstaaten Florida, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin gewinnen würde - sie verlor alle vier Staaten. Die Umfrageabteilung der „New York Times“ errechnete eine 85-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Clinton gewinnt und sogar eine 93-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie Wisconsin holt.

„Die Kristallkugel hat ganz klar einen Sprung“, sagt der Politologe Larry Sabato von der Universität von Virginia der Nachrichtenagentur AFP. Auch er hatte auf seiner Statistik-Website „Larry Sabato's Crystal Ball“ einen Sieg Clintons vorhergesagt.

Warum lagen die Umfrageergebnisse so daneben?

„Es ist offensichtlich, dass etwas geschehen ist“, sagt Sabato zu den Fehleinschätzungen der Institute, die in diesem Wahljahr hunderte Umfragen vornahmen. Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben. „Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen“, sagt Sabato. Dagegen ging die Beteiligung unter den Schwarzen und den jungen Wählern zurück.

Fragen und Antworten: Was macht Präsident Trump?

Was wird Trump außenpolitisch tun?

Er wird sich an seinem Motto „Amerika zuerst“ orientieren. Die geopolitische Positionierung der Supermacht will er grundsätzlich ändern. Schon im April 2015 sagte er markig: „Ich möchte alles von der Welt zurück, was wir ihr gegeben haben.“ Den Sinn der Nato und den Schutz des Bündnisses will Trump neu definieren. Länder wie Deutschland, Südkorea oder Japan will er für den „Schutz“ der USA zur Kasse bitten. „Das hat sowas von Mafioso-Schutzgeld-Prinzip“, sagt Marc Redlich, Direktor des „Boston Warburg Chapter of the American Council of Germany“ in Harvard zur dpa. Temperament und Reizbarkeit des Republikaners sprächen für eine profunde Änderung des Tons zwischen den USA und dem Rest der Welt.

Wird er beim Thema illegale Einwanderung durchziehen?

Ja – ein viel härterer Umgang mit Einwanderung generell war ein roter Faden des Trump-Wahlkampfs. Das Projekt einer Mauer zu Mexiko hat er sicher hundertfach angekündigt. Auf den kompletten 3000 Kilometern Grenze soll sie stehen, zwischen gut zehn und 15 Metern hoch sein, massiv aus Stahl und „wunderschönem“ Beton. Unabhängige Analysen schätzen die Kosten auf 25 Milliarden US-Dollar und die Bauzeit auf vier Jahre. Beides macht es laut US-Medien eher wahrscheinlich, dass am Ende eine symbolische Erweiterung des bestehenden Zauns Trumps Mittel der Wahl wäre.

Und Trumps Pläne zur Deportation illegal eingereister Migranten?

Dafür wären massive Razzien nötig, in Restaurants und auf Farmen, in Fabriken und auf Baustellen. Außerdem eine immense personelle Aufstockung bei Polizei und Behörden und nicht zuletzt Beförderungsmöglichkeiten für etwa elf Millionen Menschen. Das American Action Forum, ein konservativer Washingtoner Think Tank, schätzt die Gesamtsumme auf 600 Milliarden US-Dollar. Schon deswegen wirkt eine Umsetzung nicht sehr wahrscheinlich.

Kann Trump denn eine Art Alleinherrscher werden?

Nicht ganz. Für einige Änderungen wird Präsident Trump den Kongress brauchen: In die Gesundheitsversorgung „Obamacare“ kann er ebenso wenig alleine eingreifen wie in die Steuergesetzgebung. Trump hat als Präsident die Macht, den Atom-Deal mit dem Iran neu zu verhandeln. Ebenso kann er einen Einreisebann für Muslime verhängen. Auch wenn dieser sofort unter Verweis auf Kernbestände der US-Verfassung juristisch angegriffen werden würde, mit beträchtlicher Aussicht auf Erfolg - erst einmal wären Fakten geschaffen.

Was ist mit dem umkämpften Supreme Court, dem Obersten Gericht?

Seine Besetzung wird zu den gravierendsten Änderungen unter einem Präsidenten Trump gehören. Ein Sitz ist nach dem Tod eines Richters vakant, andere Wechsel stehen aus Altersgründen an. Das Gericht hat eine Gestaltungsmacht, die es in Deutschland so nicht gibt. Abtreibung, Waffen, Gleichberechtigung, Einwanderung: Was der Supreme Court verhandelt, hat sehr oft mit der DNA der USA zu tun.

Trump hat alles versucht, rechte Zweifler davon zu überzeugen, dass er als Präsident ausschließlich Richter mit einer ultrakonservativen Agenda ernennen würde. Demokraten wie Republikaner wissen um die prägende Rolle des Gerichts sehr genau. Das Thema war im US-Wahlkampf ungleich gewichtiger als es in Europa durchdrang.

Wenn man in die USA selbst schaut, was ist dort zu erwarten?

Man weiß es nicht genau. Trump präsentierte kürzlich einen „Vertrag zwischen mir (also ihm) und dem amerikanischen Wähler“, der im Kern ein populistischer Sechs-Punkte-Plan ist. Er reicht von einer Begrenzung der Amtszeit von Kongress-Abgeordneten bis zu neuen Regelungen für politische Lobbyisten.

Wird Trump für Überraschungen gut sein?

Einerseits ja, er ist unberechenbar. Andererseits hat er immer sehr klar gemacht, was er will. „Um sich die Pläne einer Präsidentschaft Trumps auszumalen, musste man nie die eigene Vorstellungskraft bemühen“, schrieb der „New Yorker“. „Stolz hat er seine Prioritäten ausgebreitet, seine historischen Bezüge, man hat seine Instinkte unter Druck kennengelernt und kennt seine Einschätzung derjenigen, die seine Ideen in Politik umsetzen würden.“

Der „New Yorker“ kommt zum Schluss: „Angesichts einer Präsidentschaft Trumps muss die Vorstellungskraft nicht versagen, eher im Gegenteil. Nötig wäre der magische Glauben daran, dass seine Präsidentschaft irgendetwas anderes wäre als das, was seine Kampagne erschaffen hat.“

Was erwarten Begleiter, die Trump kennen?

Die „Washington Post“ hat alle Biografen Trumps nach ihren Aussichten auf eine Präsidentschaft des politischen Quereinsteigers gefragt. Antwort, unisono: Ein Präsident Trump wird tun, was der Kandidat Trump versprach. Es gebe nur diesen einen Trump. Eine verbesserte oder erweiterte Ausgabe, einen Trump 2.0, werde es nicht geben. Nie.

Zwar hätten die Wahlforscher damit gerechnet, dass sich in diesem Jahr im Vergleich zur Wiederwahl von Barack Obama 2012 weniger Schwarze und junge Bürger an die Urnen locken lassen. Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weißen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Laut einem weiteren Wahlbeobachter, der ungenannt bleiben wollte, unterschätzte selbst das Clinton-Wahlkampfteam die Stimmen der weißen Arbeiterklasse: „Sie lagen komplett falsch - und haben ein Vermögen ausgegeben.“

Haben die Institute die Anti-Clinton-Stimmung unterschätzt?

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„Nein“, meint Sabato. Die Stimmung habe sich in den Umfrageergebnissen widergespiegelt. Der Stratege Paul Begala von den Demokraten räumt allerdings im Sender CNN ein, dass die Stärke der Ressentiments unterschätzt worden sei. „Ich hatte keine Ahnung, wie tief die Spaltung ist“, sagt er.

Was bedeutet das für künftige Umfragen?

Er sei „ratlos“, weil „buchstäblich hunderte Umfragen falsch lagen“, sagt Sabato. Es werde mindestens eine Expertenkommission geben, „die etwas vorschlägt, das funktioniert“. Auch vor dem Brexit-Referendum in Großbritannien im Juni hatten die Umfragen daneben gelegen.

Umfragen ganz bleiben zu lassen, hält Sabato jedoch für keine Alternative: „Die Analyse, die auf Anekdoten basiert, ist nicht wissenschaftlich“, sagt er. „Man darf sich nicht auf Instinkte verlassen, man muss sich auf die Daten stützen.“

Sabato räumt aber ein, dass Telefonumfragen immer problematischer werden - zum einen, weil wenig Bürger Lust haben, daran teilzunehmen, zum anderen aufgrund der weniger werdenden Festnetzanschlüsse. Daher werde es in Zukunft verstärkt Online-Umfragen geben. Bedenken, Internet-Umfragen könnten leicht verfälscht werden, wischt der Politologe beiseite: „Sie sind nicht unzuverlässig - nicht, wenn man sie gut macht.“

Von

afp

Kommentare (6)

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Herr Grutte Pier

09.11.2016, 15:40 Uhr

wer braucht "Meinungsforscher", wenn er eine EIGENE Meinung hat?

Herr Werner Müller

09.11.2016, 15:45 Uhr

Die sogenannten Meinungsforscher wollten mit ihren Umfrageergebnissen die Wähler in eine bestimmte politische Richtung drängen...wahrscheinlich haben sie gewusst, dass die Chancen von Trump sehr gut waren. Man lernt schon in den ersten Semestern Kommunikationswissenschaften, dass diese veröffentlichten Meinungsumfragen tendenziell dazu benutzt werden oder dazu führen, dass unentschlossene in Richtung der angeblichen Mehrheit gedrängt werden sollen...damit sie später nicht zu den Verlierern gehören. Das könnte man dann als probates Instrument der herrschenden Politikkaste sehen. Aber das funktioniert anscheinend nicht mehr, sondern die Menschen verlassen sich wieder mehr auf ihre eigene Wahrnehmung.

Herr Peter Kastner

09.11.2016, 16:25 Uhr

Wenn Forsa heute wieder verlautbaren läßt, das 59% aller Bundesbürger eine erneute Kanzlerschaft befürworten, kann ich nur lachen. Forsa hätte auch Clinton als Präsidentin gesehen.

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