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Special

08.11.2016

22:01 Uhr

Senioren in Florida

Im Disney World der Rentner

VonMathias Brüggmann

Auch die heutige US-Wahl könnte sich wieder in Florida entscheiden. Doch der Staat ist politisch zerrissen. Während Exilkubaner den Republikanern den Rücken kehren, ziehen immer mehr weiße, wütende Rentner nach Süden.

Auch dieses Mal könnten die Bewohner des Sunshine States die Wahl entscheiden. AFP; Files; Francois Guillot

Wähler in Florida

Auch dieses Mal könnten die Bewohner des Sunshine States die Wahl entscheiden.

The Villages/MiamiTrumpland ist hier. Wo Plakate Jesus verkündigen, die Kirchen Hope oder New Life heißen, sich Auto-Schrottplätze mit Drive Inns ablösen und der Gun Shop in Leesburg vor dem Betreten zum Entladen mitgebrachter Waffen auffordert. „Wir wählen hier Trump“, erzählt der Mann, der sich Big Dick nennt. Aber für ihn ist Trump nur „das kleinere Übel, richtig mögen tut ihn hier keiner.“

Hillary Clinton und Donald Trump „stecken bis zum Hals in der Sch...", sagt der große und breitschultrige Dick und hält die Arme vor den Kopf, „nur sie eben noch tiefer“. Vor allem aber wähle er den Republikaner, da der „für Waffen“ sei, die Demokratin indes für die Einschränkung des in der Verfassung festgeschriebenen Rechts zum Tragen von Waffen. Und so ruft Kunde Joe beim Verlassen mit einem nagelneuen automatischen Karabiner FN 15 (Kosten: gut 1500 Dollar) dem Händler zu: „Ich komme vor der Wahl nochmal rein. Denn wenn Hillary gewinnt, gibt es ja keinen freien Waffenverkauf mehr.“

Zehn Meilen weiter ist von Bibel- und Schrottplatz-Gürtel keine Rede mehr. Hier boomt Florida, wenn auch auf ganz besondere Weise: The Villages nennt sich die inzwischen von 8000 Einwohnern im Jahr 2000 auf fast 120.000 angeschwollene Rentner-Großstadt.

300 Häuser pro Monat werden gebaut. Keiner, der unter 55 Jahre alt ist, darf ein Haus kaufen in der am schnellsten wachsenden Stadt der USA. Schwarze sind hier kaum zu finden. Kinder dürfen nur bis zu 30 Tage im Jahr zu Besuch kommen. Für Schulen wollen die Anwohner ihre jährlich 3600 Dollar betragenden Lokal-Steuern (Einkommenssteuern gibt es in Florida nicht) nicht ausgegeben wissen, wohl aber für noch mehr als bisher schon 37 Golfplätze und 76 Schwimmbäder und Sportanlagen.

Gated Community, Schlagbaum-Gemeinde, oder „vom Zensus designed“, also nach Alter ausgerichtet, nennt sich das Pensionärs-Paradies, oder auch – wie es vom amerikanischen National Public Radio getauft wurde – „Disneyland für Rentner“. Hier gehört dem inzwischen zum Multi-Milliardär gewordenen Developer alles: Nicht nur das Bauland, die Baufirmen, die die Häuser errichten, die Citizens First Bank, die gleich auch die Hypotheken-Kredite vergibt, die Läden und Restaurants, die er verpachtet, die Müllabfuhr und Betreiber der Golf-Anlagen.

Trump besitzt auch die örtliche Zeitung „The Villages Daily Sun“ sowie einen Radio- und TV-Sender. Sie übernehmen Teile des konservativen Fox-Programms und bedudeln durch in Palmen hängende Lautsprecher die Einwohner. Alles streng republikanisch, so wie der verstorbene Entwickler Harold S. Schwartz, der in den 1970ern mit 400 dieser typisch amerikanischen Großwohnwagen einen Trailer Park auf bis dahin als Weideland für Rinder und zum Melonenanbau genutzten Boden schuf.

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