Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

Special

10.10.2016

06:35 Uhr

TV-Debatte Clinton – Trump

Erst ganz am Ende ein Funken Würde

VonMoritz Koch

Der Wahlkampf in den USA ist beleidigend und verletzend. Doch bei der zweiten TV-Debatte fällt eine der letzten Anstandsregeln: Donald Trump will seine Rivalin hinter Gitter bringen. Wahlkampf als Pausenhof-Keilerei.

TV-Debatte Clinton - Trump

Schlammschlacht statt Diskussion - das war das TV-Duell

TV-Debatte Clinton - Trump: Schlammschlacht statt Diskussion - das war das TV-Duell

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

St. LouisEin Wort twittert Hillary Clinton vor der TV-Debatte, nur eines. „Remember“ – erinnert euch. Dazu stellt sie einen Videoclip von Michelle Obama. „When they go low, we go high“, sagt die First Lady darin, was übersetzt so viel heißt wie: Wenn die anderen jeden Anstand vermissen lassen, kontern wir mit Stil. Auf diesen Satz wird Clinton im Laufe des Abends noch zurückkommen.

Kurz vor der zweiten Fernsehdebatte zwischen Clinton und ihrem republikanischen Rivalen Donald Trump ist der Präsidentschaftswahlkampf in eine Schlammschlacht ausgeartet. Um von dem sexistischen Schockvideo abzulenken, machte Trump seine Drohung wahr und veranstaltete eine Pressekonferenz mit Frauen, die nach eigenen Angaben in den 1980er und 1990er Jahren Opfer von sexuellen Übergriffen von Clintons Ehemann Bill geworden sind.

Der US-Wahlkampf nach dem zweiten TV-Duell

Ist die Wahl bereits entschieden?

Trumps Wahlkampf wird von dem Video und von seiner nur halbherzigen Entschuldigung sicher belastet. Die Debatte am Sonntag hat aber gezeigt: Trump kann einstecken und denkt gar nicht ans aufgeben. Der CNN-Kommentator John King bescheinigte ihm in St. Louis einen „definitiv stärkeren Auftritt“ als bei der ersten TV-Debatte, die er vor zwei Wochen klar verloren hatte.

Reichen die Punkte im 2. Duell für Trump?

Trumps Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence, zuletzt kritisch gegenüber Trump, gratulierte ihm zu einem „großen Sieg“. In einer CNN-Blitzumfrage sahen zwar 57 Prozent Clinton vorn, 63 Prozent aber waren von Trump positiv überrascht. Wie schon im Vorwahlkampf bediente Trump bewusst seine Klientel. Unsicher ist, ob das reicht, um die schwachen Umfragewerte bis zum 8. November zu drehen.

Wer hält vier Wochen vor dem Wahltermin noch zu Trump?

Trump hat großen Rückhalt in seiner Familie, was in der Öffentlichkeit zählt. Vor allem seine Tochter Ivanka, sein Sohn Eric und die Ehefrau Melanie weichen nicht von seiner Seite und zeigen demonstrative Solidarität – auch wenn der Weg nicht leicht ist. Zählen kann er auch auf die Anti-Establishment-Fraktion bei den Republikanern, seinen engeren Zirkel. Dazu gehören New Jerseys Gouverneur Chris Christie und der frühere Neurochirurg Ben Carson, zwei seiner Kontrahenten im Vorwahlkampf. Ted Cruz, schärfster Widersacher bei den Vorwahlen, hat sich zumindest nicht distanziert.

Und wer führt die Absetzbewegung an?

Der Rückhalt in der Republikanischen Partei ist sicher gesunken. Ein Teil der Partei denkt schon an das Wahljahr 2020. Ein anderer fürchtet, von Trump in einen Abwärtsstrudel gezogen zu werden, der die Wiederwahl vieler Abgeordneter im Senat oder Repräsentantenhaus gefährdet. Der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Paul Ryan, und der Parteiveteran und Senator John McCain stehen an der Spitze der Trump-Kritiker bei den Republikanern. Aber auch aus den streng christlichen Staaten, etwa aus der Mormonen-Hochburg Utah, kommt heftige Kritik.

Gibt es eine innerparteiliche Verschwörung gegen Trump?

Der Verdacht kam auf – immerhin war Trumps Gesprächspartner in dem Video der TV-Moderator Billy Bush, ein Cousin des Ex-Präsidenten George W. Bush und seines Bruders Jeb Bush, der sich gegen Trump um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner beworben hatte. George wie Jeb Bush gelten als ausgesprochene Kritiker Trumps, beide haben ihrem „Parteifreund“ die Unterstützung versagt. Anhänger Trumps beklagten, das Video sei ein bewusster Schlag des Partei-Establishments gegen Trump. Doch Billy Bush wurde inzwischen selbst Opfer der Veröffentlichung; der Sender NBC suspendierte ihn.

Wird der Wahlkampf noch schmutziger?

Viel tiefer kann das Niveau der Debatte fast nicht mehr sinken. Aber in der aufgeheizten Atmosphäre scheint eine rein sachliche Auseinandersetzung kaum mehr denkbar. In den vergangenen Tagen gab es bereits Hinweise, dass weitere kompromittierende Videomitschnitte aus Trumps Vergangenheit auftauchen könnten. Und die Enthüllungsplattform Wikileaks kündigte an, weitere E-Mails der Ex-Außenministerin Clinton publik zu machen.

Trump, der Mann, der gerade als Grapscher bloßgestellt wurde, versucht seine Kontrahentin als Komplizin ihres ehebrechenden Mannes zu attackieren. Die Rechtfertigung des Republikaners ist so schlicht wie verstörend. Die Demokraten haben angefangen, lautet sie. Die Debatte über den zukünftigen Kurs Amerikas, der Führungsmacht des Westens, wird auf dem Niveau einer Pausenhof-Keilerei geführt.

Die Wählerschaft verfolgt das Spektakel mit einer Mischung aus morbider Faszination und einem tiefen Unwohlsein. Die Auseinandersetzung hat mit allen politischen Konventionen gebrochen, die noch galten. Für den Restwahlkampf, dreieinhalb quälende Wochen werden es noch sein, gelten die Regeln des Reality-TV.

Reaktionen auf Trump-Video: „Ich will ihm auf die Schnauze hauen“

Reaktionen auf Trump-Video

„Ich will ihm auf die Schnauze hauen“

Donald Trump will trotz Skandal nicht aus dem Rennen um das Weiße Haus ausscheiden. Doch die Stimmung wird immer explosiver. Es wird eine heiße Nacht, wenn Clinton und Trump in nächsten TV-Duell aufeinandertreffen.

Die Debatte am Montagabend wird im Townhall-Format geführt, das hört sich gediegen an, bedeutet aber nur, dass das Moderatoren-Duo dem Publikum die meisten Fragen überlässt. Clinton und Trump betreten sie Bühne, sie von rechts, er von links. Sie geben sich nicht die Hand. Der Wahlkampf ist zu persönlich geworden, zu beleidigend, zu verletzend. Für Anstand bleibt kein Platz mehr.

Schon die erste Frage führt zurück zu Trumps vulgären Äußerungen über Frauen. Trump versucht das Unentschuldbare mit „Umkleidekabinen-Geschwätz“ zu entschuldigen und weicht auf Bill Clintons aus. Die Frauen, die dem Ex-Präsidenten sexuelle Belästigung vorwerfen, sitzen im Publikum. Ein Affront, eine in der amerikanischen Wahlkampfgeschichte beispiellose Provokation. Aber Hillary Clinton lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie zitiert Michelle Obama: „When they go low, we go high.“

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Andreas Kertscher

10.10.2016, 08:18 Uhr

Ich möchte den Mann sehen, der nach einem Skatstammtisch noch in die Politik gehen kann, wenn alle Gespräche veröffentlich werden .Mit einem Frauenkaffeeklatsch ist es nicht anders. Arme Journalisten, die das ausweiden müssen.

Herr Max Nolte

10.10.2016, 08:58 Uhr

das ist ein ganz großes Affentheater da in den USA...wie kann man die für Voll nehmen? Trump ist klar, es ist halt seine Taktik und viele naive Amerikaner mögen das. Aber was hat bitteschön Clinton zu bieten? Gut das nicht ganz so polemische Auftreten, aber gerade das was uns interessiert...die Beziehungen beispielsweise zu Russland und der EU, da ist die NULL besser als Trump.

Amerika hat die Wahl zwischen Pest und Cholera...

Herr Peter Delli

10.10.2016, 09:23 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×