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Special

26.09.2016

21:37 Uhr

TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten

„Trump muss sich bremsen, dann hat er gewonnen“

VonMartin Lechtape

Politikwissenschaftler Christian Lammert analysiert im Interview die Chancen von Clinton und Trump im TV-Duell. Der Republikaner habe es leichter: Inhaltlich werde von ihm nichts erwartet, er müsse sich nur zurücknehmen.

Donald Trump und Hillary Clinton gehen in die entscheidende Phase des US-Wahlkampfes. dpa

Das Duell

Donald Trump und Hillary Clinton gehen in die entscheidende Phase des US-Wahlkampfes.

DüsseldorfEine schlecht sitzende Frisur, ein nervöser Blick, ein falscher Satz – ein Fehler bedeutet möglicherweise das Aus im Kampf um das Weiße Haus. Millionen US-Bürger werden das erste TV-Duell der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten am Montag zur besten Sendezeit verfolgen (ab 3 Uhr MESZ). Für die beiden Bewerber steht viel auf dem Spiel. Christian Lammert (47) ist seit fünf Jahren Professor für Nordamerikanische Politik an der Freien Universität Berlin und Experte, wenn es um den US-Amerikanischen Wahlkampf geht.

Herr Lammert, wer wird das TV-Duell am Montag für sich entscheiden?
Hillary Clinton hat das Problem, dass die Erwartungshaltung bei ihr sehr hoch ist. Die Öffentlichkeit glaubt, dass Clinton das Duell gegen Trump auf jeden Fall gewinnen müsste. Man spekuliert höchstens darüber, welche Fehler und Aussetzer Donald Trump wohl machen wird. Doch sobald Donald Trump nur ein wenig normaler als sonst argumentiert, sich ein bisschen zurückhält und versucht wenigstens in Ansätzen präsidial zu wirken, werden die amerikanischen Medien ihm das positiv anrechnen. Dann wird das Duell wohl als unentschieden gewertet werden.

Der Professor für Nordamerikanische Politik lehrt an der Freien Universität Berlin. FU Berlin

Christian Lammert

Der Professor für Nordamerikanische Politik lehrt an der Freien Universität Berlin.

Also Clinton kann nur verlieren?

Ja. Und das hat man schon in vergangenen Debatten gesehen. In einer Debatte ging es darum, wer als Oberbefehlshaber der Streitkräfte besser geeignet ist. Der Moderator stellte beiden Kandidaten unabhängig voneinander Fragen zur Außenpolitik. Clinton gab eindeutig die fundierteren Antworten. Trump hielt sich eher zurück. Die Medien haben es im Anschluss an die Debatte dann aber so dargestellt, als würde Clinton zu viele Fakten präsentieren und Trump sei ja gar nicht so schlimm gewesen. Und dann war es gleich unentschieden.

Ein Fehler am Montag von Clinton oder Trump reicht, um die Chancen auf das Weiße Haus zu verspielen. Warum sind die TV-Duelle für die amerikanischen Wähler so wichtig?
Während den Wahlen herrscht in den USA ein regelrechter Personenkult. Die Bürger entscheiden, anders als in Deutschland, mit ihrer Stimme direkt, wer neuer Präsident wird. Da will der Wähler natürlich auch sehen, ob der Kandidat die nötige Persönlichkeit für das Amt hat. Außerdem haben sich die meisten Zuschauer, die das TV-Duell sehen werden, noch nicht entschieden. Weil die Wahlergebnisse in den USA traditionell auch immer sehr knapp sind, kann so ein Aussetzer massive Konsequenzen haben und zu Sieg oder Niederlage führen. Wir hatten das 1992 im TV-Duell mit George Bush Senior gegen Bill Clinton: Da hat Bush Senior während der Sendung nur einmal auf seine Uhr geguckt und wirkte etwas mürrisch und schon wurde ihm vorgeworfen, er würde das alles nicht ernst nehmen. Am Ende war das auch ein Grund, warum er überraschenderweise die Wahl verloren hat.

Entgleiste Gesichtszüge und unhöfliche Fingerzeige

1960

Die mehr als 50-jährige Geschichte der TV-Debatten in den USA liefert zahlreiche Beispiele, wie Kandidaten mit zielsicheren Pointen punkteten – oder sich mit misslungener Mimik selbst ein Bein stellten. Von einer Grippe geschwächt und mit Bartschatten im Gesicht wirkt Vizepräsident Richard Nixon 1960 in seiner ersten Fernsehdebatte düster und ausgezehrt – ein scharfer Kontrast zu dem gutaussehenden und dynamischen Senator John F. Kennedy. Nixon kann den schlechten Eindruck später nicht mehr korrigieren und verliert die Wahl.

1976

Präsident Gerald Ford verblüfft die Nation mit seiner Bemerkung, dass es „keine sowjetische Dominanz über Osteuropa“ gebe – eine fragwürdige Aussage zur Zeit des Kalten Krieges. Für seine Wahlniederlage gegen Jimmy Carter machen Experten allerdings eher die Nachwehen der Watergate-Affäre verantwortlich.

1980

Herausforderer Ronald Reagan gewinnt in einem bis dahin knappen Rennen gegen Carter die Oberhand, indem er zum Schluss des Duells die pointierte rhetorische Frage an die Wähler stellt: „Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?“ Damit trifft er angesichts von Konjunkturkrise und Inflation genau ins Schwarze. Carter verliert.

1984

Präsident Reagan nimmt den Anspielungen auf sein hohes Alter die Spitze, indem er in der Debatte mit Walter Mondale ironisch bemerkt: „Ich werde Altersfragen in dieser Kampagne nicht thematisieren. Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Opponenten nicht politisch ausschlachten.“

1988

Michael Dukakis wird in seiner Debatte mit George Bush senior vom Moderator mit der Frage konfrontiert, ob er den Tod des Täters wünschen würde, sollte seine Frau vergewaltigt und ermordet werden. Dukakis gibt daraufhin ein trockenes Statement gegen die Todesstrafe ab, das wie abgelesen wirkt – und bestätigt damit sein Image als „Mann aus Eis“. Er verliert die Wahl.

1992

Präsident Bush senior lässt während der Fernsehdebatte die Wähler seine Ungeduld spüren, indem er auf seine Armbanduhr schaut. Dies verstärkt den Eindruck, Bush sei ein arroganter Reicher, der sich wenig um die Probleme der kleinen Leute schert. Der Rivale Bill Clinton gewinnt die Wahl vor allem mit dem Versprechen, die US-Wirtschaft wieder fit zu machen.

2000

Mit Kopfschütteln und wiederholtem Seufzen wirkt Vizepräsident Al Gore im ersten TV-Duell mit George W. Bush herablassend. Bei den folgenden Debatten versucht Gore, mehr zu lächeln – doch den Ruf eines arroganten Intellektuellen wird er nicht mehr los.

2004

Diesmal hat George W. Bush sein Mienenspiel nicht im Griff und wirkt im Vergleich zu seinem Gegner John Kerry gestresst und reizbar. Bush gerät ins Stocken, blickt finster und verwechselt Osama bin Laden und Saddam Hussein. Bei der zweiten Debatte eine Woche später bemüht er sich um mehr Lockerheit. „Jetzt gucke ich aber wirklich gleich finster“, scherzt er in Erwiderung auf Kerrys Antworten.

2008

John McCain macht einen wenig sympathischen Eindruck, als er mit dem Finger auf Barack Obama zeigt und ihn als „That One“ („dieser da“) tituliert, statt ihn beim Namen zu nennen. Obamas Demokraten drehen den Spieß um und verwandeln die abschätzige Aussage nach der Debatte in einen Wahlkampfslogan. Im Internet verkaufen sie T-Shirts und Aufkleber mit dem Schriftzug „That one“.

2012

Im ersten TV-Duell mit seinem Herausforderer Mitt Romney gibt Obama keine gute Figur ab und erhält viel Schelte, weil er zu defensiv war. In den nächsten beiden Debatten macht er seinen Fehler aber wieder wett und verwandelt treffsicher eine Steilvorlage Romneys: Der erfolgreiche Geschäftsmann hatte sich abfällig über „47“ Prozent der Wähler geäußert, die sich als „Opfer“ betrachteten – Obama fällt es daraufhin nicht schwer, seinen Rivalen als kalten Finanzhai dastehen zu lassen. (Quelle: afp)

Nach welchen Kriterien entscheiden die Zuschauer denn, wer der bessere Kandidat in dem Duell war – ist die Frisur von Trump am Ende wichtiger, als das was er sagt?
Analysen zeigen, dass das Aussehen der Kandidaten sehr wichtig ist. Manchmal sogar wichtiger als die Inhalte. In dem ersten amerikanischen TV-Duell, in den 60er-Jahren, hatte Kennedy eindeutig die Debatte gewonnen. Nicht, weil seine Ideen besser waren, sondern einfach nur, weil Nixon schlecht aussah. Nixon wollte sich nicht schminken lassen, schwitzte, wirkte nervös und unwirsch. In einer Untersuchung nach dem Duell haben Forscher Experimente gemacht, in denen sie Probanden nur den Ton der Debatte vorgespielten. Die Mehrheit sah Nixon als Gewinner und nicht Kennedy. Das war auch 2008 bei Obama gegen McCain zu beobachten. Nachher hieß es, Obama sei viel jünger, viel dynamischer, lässiger gewesen und McCain nur ein alter Mann.

Spielen Inhalte dann überhaupt noch eine Rolle?
Ja, Themen spielen schon noch eine Rolle, aber fast noch wichtiger ist, wie diese Inhalte präsentiert werden. Man darf nicht zu aggressiv wirken und vor allem nicht laut werden – das kommt nicht gut an.

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Was würden Sie Clinton und Trump für das TV-Duell raten?
Bei Trump ist es einfach: Er muss sich nur bremsen, dann hat er automatisch gewonnen. Wenn er einigermaßen moderat und seriös rüber kommt, wird ihm das sofort positiv ausgelegt. Clinton hat es da viel schwieriger: Sie muss zeigen, dass sie nicht die kalte, karriereorientierte Kandidatin des Establishment ist. Sie muss sich lebhaft, emotional, aber auch nicht zu emotional zeigen und versuchen, Trump aus der Reserve zu locken – ohne zu aggressiv dabei zu wirken.

Wie könnte sie Donald Trump reizen?
Das ist ziemlich einfach. Man hat ja bisher in allen Debatten gesehen, dass Donald Trump einfach keine Kritik leiden kann. Clinton muss ihn nur ein bisschen kritisieren und ihn dort erwischen, wo er anfängt zurück zu schlagen. Das würde Trump Punkte kosten. Untersuchungen zeigen, dass es nicht gut ankommt, wenn ein Mann in einer Debatte zu aggressiv gegenüber einer Frau wird.

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