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Special

02.11.2016

01:28 Uhr

US-Kongresswahlen

Ein Couchsurfer auf dem Weg nach Washington

VonVera Münch

Neben dem Präsidenten wird am 8. November auch ein Teil des US-Kongresses gewählt. Auf einen Platz hofft Dimitri Cherny. Er war IT-Manager, verlor 2008 alles und wurde obdachlos. Dann machte er sich auf eine große Reise.

„Ich bin kein Politiker und will mich auch nicht so bezeichnen.” privat

Dimitri Cherny

„Ich bin kein Politiker und will mich auch nicht so bezeichnen.”

CharlestonEin undefinierbares Fahrradkonstrukt rollt auf den Schotterparkplatz der lokalen Brauerei Holy City Brewing im Norden von Charleston, South Carolina. Halb Boot, halb Fahrrad. Die Besucher auf der Terrasse der Brauereibar schauen interessiert und neugierig. Im Sattel: Dimitri Cherny, einer der wohl ungewöhnlichsten Politiker in den USA.

Die Ärmel seines durchschwitzten Hemds sind hochgekrempelt, auf dem Unterarm zeigt sich ein Tattoo von Bernie Sanders, dem unterlegenen Parteirivalen von Hillary Clinton. Cherny steigt ab und gesellt sich unter die Menschen. Die scharen sich interessiert um ihn, um mehr über den Mann mit der Tropenmütze und der blauen Krawatte zu erfahren. Cherny schüttelt viele Hände, hört zu und beantwortet Fragen. Manche rollen die Augen, drehen sich wieder weg, doch die meisten bleiben stehen und hören seine Geschichte.

Die wichtigsten Fakten zur Präsidentenwahl

Wer darf wählen?

Wahlberechtigt ist zunächst jeder der rund 322 Millionen US-Bürger, der mindestens 18 Jahre alt ist. Das sind etwa 219 Millionen. Ausgenommen sind unter anderem illegale Einwanderer und Häftlinge. Ohne vorherige Registrierung aber darf man nicht abstimmen, und die Registrierung ist oft sehr kompliziert. Bis jetzt haben sich etwa 146 Millionen Amerikaner in die Wahlregister eintragen lassen. Nachdem die Beteiligung 2012 auf 58 Prozent gesunken war, sah es für 2016 lange nach einer Rekordbeteiligung aus. Das ist nun schwer zu sagen: Womöglich wollen viele Menschen nach einem extrem intensiven Wahljahr am 8. November nicht mehr wählen - oder eben erst recht. Es gibt für beide Thesen schlüssige Argumentationen.

Wer steht zur Wahl?

Die Demokratin Hillary Clinton (69) könnte als erste Frau in der US-Geschichte Präsidentin werden. Sie liegt derzeit in allen Umfragen klar vorne, sowohl landesweit als auch in den besonders umkämpften Staaten. Vizepräsident der ehemaligen First Lady und Ex-Außenministerin soll Tim Kaine werden, ein Senator aus Virginia.

Für die Republikaner tritt der New Yorker Milliardär Donald Trump an (70). Er hat bisher noch kein politisches Amt bekleidet. Sein Vizepräsident soll Mike Pence werden. Der 57-Jährige ist Gouverneur im Bundesstaat Indiana.

Welches sind die zentralen Positionen der Kandidaten?

Hillary Clinton würde einen Großteil der Politik von Amtsinhaber Barack Obama weiterführen. Sie stünde für eine weitere internationale Vernetzung der USA. Sie will gegen den Klimawandel vorgehen, die Waffenschwemme in Amerika eingrenzen und das Recht auf Abtreibung nicht beschneiden.

Donald Trump will die Außen- und Verteidigungspolitik ausschließlich an US-Interessen ausrichten, Motto: „Amerika zuerst“. Er will Einwanderung durch eine Mauer an der mexikanischen Grenze bekämpfen, die Gesundheitsvorsorge „Obamacare“ abschaffen, internationale Handelsabkommen kündigen und das Waffenrecht in den USA nicht antasten.

Welche Staaten sind besonders umkämpft?

Während die Demokraten an den Küsten und die Republikaner im Süden und im mittleren Westen der USA Hochburgen haben, sind die Mehrheiten vor allem in den «Battleground» oder «Swing States» relativ unsicher. Dazu gehören Florida, North Carolina, Ohio, Indiana, Missouri, North Dakota und Montana. Allerdings liegt Clinton derzeit fast überall vorne. Das gilt auch für die traditionell eher umkämpften Staaten Virginia, Pennsylvania, Colorado, New Mexico und Nevada.

Wann schließen die Wahllokale?

Die Wahl findet am Dienstag 8. November statt. Wegen mehrerer Zeitzonen in den USA schließen die Wahllokale nach deutscher Zeit zeitversetzt in der Nacht zum Mittwoch, 9. November. In Indiana und einem Teil Kentuckys können die Wähler bis 00.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) wählen. Zwischen 1.00 und 4.00 Uhr MEZ schließen die Wahllokale in vielen Staaten der Ostküste, des Südens und des Mittelwestens. In Kalifornien und Oregon sowie auf Hawaii ist die Wahl um 05.00 Uhr MEZ beendet. Ganz zum Schluss kommt Alaska um 06.00 Uhr MEZ.

Wann gibt es Ergebnisse?

Mit ersten Prognosen der TV-Sender auf der Basis von Wählerbefragungen wird bereits direkt nach der Schließung der Wahllokale in den einzelnen Staaten gerechnet. Bis um 06.00 Uhr MEZ könnte es ein Ergebnis geben. 2012 meldeten US-Medien die Entscheidung für Barack Obama gegen 05.15 Uhr (MEZ).

Wie funktioniert das Wahlsystem?

Das Volk entscheidet nur indirekt über den Präsidenten. Nach der Wahl am Dienstag müssen zunächst 538 Wahlmänner aus den Bundesstaaten und dem „District of Columbia“ mit der Bundeshauptstadt Washington ihr Votum abgeben. Die Mitglieder dieses „Electoral College“ richten sich dabei nach der Entscheidung der Wähler in ihrem Bundesstaat. Mindestens 270 Wahlmänner-Stimmen sind nötig, um Präsident zu werden.

Wann beginnt die Amtszeit des neuen Präsidenten?

41 Tage nach der Wahl, das ist in diesem Jahr der 19. Dezember, wählen die Mitglieder des „Electoral College“ Präsident und Vize. Am 6. Januar 2017 zählt der Kongress aus und verkündet offiziell das Ergebnis der Wahl. Der neue Präsident legt seinen Amtseid am 20. Januar um 12.00 Uhr Ortszeit ab (18.00 Uhr MEZ).

Worüber wird noch abgestimmt?

Zeitgleich mit der Präsidentenwahl stimmen die Amerikaner über alle 435 Mandate im Repräsentantenhaus sowie über ein Drittel der 100 Sitze im Senat ab. In den Bundesstaaten werden zwölf Gouverneursposten neu vergeben. Außerdem sind 160 Volksabstimmungen in 35 Staaten bestätigt. Ihre Themen reichen von der Todesstrafe über eine Kondompflicht bis hin zur Legalisierung von Marihuana. Im Bundesstaat Colorado wird auch über die Abschaffung der Sklaverei abgestimmt, die dort noch im Gesetzbuch steht.

Der 56-Jährige ist Wahl-Obdachloser und fährt derzeit mit seinem selbstgebastelten Fahrradboot durch South Carolina. Er verbindet damit seine politische Kampagne mit seiner Leidenschaft fürs Tüfteln, Radeln und Segeln. Er übernachtet bei Freunden und Bekannten auf der Couch. Nach wie vor kann er sich keine Wohnung leisten. Natürlich könne Cherny einen Job auf Mindestlohnbasis annehmen und sich eine kleine Wohnung mieten. Doch er möchte etwas verändern in den Vereinigten Staaten. Und so fließt all seine Energie und seine finanziellen Mittel in seine persönliche Kampagne.

Auf seiner Fahrradtour vom 29. Juni bis 30. September durch den Bundesstaat an der Ostküste hat er rund 1700 Kilometer zurückgelegt. So wollte er mit möglichst vielen Leuten in Austausch kommen und erfahren, was dem Durchschnittsamerikaner wirklich wichtig ist.

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Denn das sei es, was ihm in seinem Heimatland fehle, sagt er: Eine Stimme, die fürs Volk spricht und dessen Interessen durchsetzt. „Es wird Zeit, dass das amerikanische Volk wieder gehört wird. Während meiner Tour wurde mir klar, dass Wähler von Demokraten und von Republikanern im Grundsatz das Gleiche wollen“, so der selbsternannte progressive Demokrat. „Es wird Zeit, dass wir die Barrieren im Kopf, die durch die politischen Labels entstanden sind, abbauen.”

Cherny ist Ingenieur und arbeitete als Projektmanager im Bereich Computeranimation. Einst riss er 50 Stunden pro Woche ab, verdiente sehr viel Geld und konnte sich alles leisten, was er sich wünschte. Er lebte den Amerikanischen Traum. Im Jahr 2008 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Patent für ein Windenergiesystem. Was vielversprechend begann, fand jedoch sein jähes Ende in der Wirtschaftskrise. Cherny verlor alles, inklusive seinem Dach über dem Kopf. Aus der Not heraus nahm er einen Job als Lastwagenfahrer an.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

02.11.2016, 08:58 Uhr

Das ist nur in Amerika möglich. Alles ist käuflich....
da lobe ich mir doch den reinen Demokraten Putin.
Der zeigt klare Kante.

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