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Special

29.06.2016

19:26 Uhr

US-Wahl 2016

Donald Trump macht die Briten nach

Der Präsidentschaftsanwärter Donald Trump klaut Schlagworte der Brexit-Kampagne. Eines seiner neuen Lieblingswörter ist „Unabhängigkeit“. Gleichzeitig professionalisiert der Republikaner seinen Wahlkampf.

Die amerikanischen Arbeiter seien betrogen worden, die Löhne im Keller, die Hochhäuser im Land würden nicht mehr mit amerikanischem Stahl gebaut, sagte Trump in einer Rede. dpa

Donald Trump

Die amerikanischen Arbeiter seien betrogen worden, die Löhne im Keller, die Hochhäuser im Land würden nicht mehr mit amerikanischem Stahl gebaut, sagte Trump in einer Rede.

MonessenDonald Trump hat ein neues Lieblingswort. Der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner spricht in diesen Tagen oft von der Unabhängigkeit, die sich die USA zurückholen müssten – so auch bei einer Rede am Dienstag im Bundesstaat Pennsylvania. „Ich möchte, dass Ihr Euch vorstellt, wieviel besser unsere Zukunft sein könnte, wenn wir unsere Unabhängigkeit von den Eliten zurückerlangen, die uns ein finanzielles und außenpolitisches Desaster nach dem anderen eingebrockt haben“, erklärte er.

Wie schon in den vergangenen Tagen war es offensichtlich, dass er sich bei seiner Wortwahl vom Brexit-Lager inspirieren ließ.

Clinton versus Trump: Ein Vergleich der Kandidaten

Die Kandidaten

Trump gegen Clinton. Das wird wohl das Duell bei den US-Präsidentschaftswahl am 8. November. So unterschiedlich der republikanische Milliardär mit der Tolle und die demokratische Politveteranin mit der Betonfrisur sind – es gibt auch Parallelen bei den beiden designierten Spitzenkandidaten. Hier ein Vergleich.
(Quelle: AP)

Der Weg zur Nominierung

Die Demokratin Hillary Clinton schien als Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei zu Beginn quasi gesetzt. Die ehemalige First Lady, ehemalige Senatorin und ehemalige Außenministerin hatte ihre Bewerbung generalstabsmäßig vorbereitet – und im Frühjahr 2015 war niemand mit annähernd ähnlicher Erfahrung erkennbar. Der linke Außenseiter Bernie Sanders brachte Clinton dann doch in erstaunliche Bedrängnis, konnte sie aber nicht stoppen.
Bei den Republikanern war es umgekehrt: Der rechte Außenseiter und Politikneuling Donald Trump hatte 16 Gegenkandidaten, von denen die meisten viel mehr politische Erfahrung haben als er. Anfangs schien der Immobilienunternehmer mit seinen Verbalattacken gegen Migranten, Frauen und Muslime unwählbar. Am Ende hatte er dennoch alle Rivalen aus dem Rennen geschlagen.

Das Profil

Clinton setzt also auf ihre Erfahrung als lang gediente Staatsfrau, die sowohl das Weiße Haus und die Regierungsgeschäfte als auch den Kongress aus eigener Anschauung kennt. Trump positioniert sich als klüngelfremder Aufräumer gezielt gegen den Washingtoner Politikbetrieb und führt seine Karriere als Geschäftsmann als Qualifikation ins Feld.

Die Politik

Clinton steht für Mitte und Mäßigung – im Sinne der Wählbarkeit für verschiedene Bevölkerungsgruppen, vor allem auch Frauen und Minderheiten. Und sie steht nach dem Parteikollegen Barack Obama für Kontinuität im Weißen Haus, mit etwas anderen Akzenten in der Außen- und Handelspolitik. Auch Trump zielt auf die Mitte, in seinem Fall aber fast ausschließlich auf die weiße Mittelschicht. Statt Kontinuität will er nach Obama die Kehrtwende: weniger Zuwanderung, weniger Klimaschutz, mehr militärische Stärke.

Das Habenkonto

Trump hat im Vorwahlkampf Millionen von Amerikanern begeistert, die ihm zutrauen, das Land voranzubringen. Er trifft mit seinen Themen Wirtschaftsflaute, Fremdenangst und Furcht vor dem Niedergang der USA einen Nerv und hat im Vorwahlkampf die Schlagzeilen dominiert, auch mit seinen gezielten Provokationen.
Clinton hat in der eigenen Partei ebenfalls Millionen Stimmen gesammelt, deutlich mehr als ihr innerparteilicher Rivale Sanders. Sie gilt als politisch berechenbar und in der Welt geachtet. Und sie pocht auf ihre historische Rolle als erste Frau, die jemals Spitzenkandidatin bei Demokraten oder Republikanern wurde.

Die Minuspunkte

Clinton schleppt diverse Altlasten aus ihrer langen Karriere mit sich herum. Darunter sind politische Entscheidungen wie der Umgang der damaligen Außenministerin mit dem Angriff auf den US-Botschafter in Libyen 2012, aber auch persönliche wie die Nutzung eines privaten E-Mail-Servers für Dienstliches und die üppig dotierten Auftritte als Rednerin vor Bankern und Unternehmern. In der E-Mail-Affäre ermittelt auch die Bundespolizei FBI, so dass strafrechtliche Konsequenzen nicht ausgeschlossen sind.
Trump wird ebenfalls von Problemen aus der Vergangenheit eingeholt. Thema waren bereits seine Firmenpleiten und die zweifelhafte Wahl seiner früheren Geschäftspartner, vor allem aber der Rechtsstreit um seine sogenannte Trump University. Ehemalige Studenten des inzwischen aufgelösten Instituts haben Trump wegen Abzocke verklagt. Der wiederum attackierte den Richter in dem Verfahren wegen seiner mexikanischen Wurzeln und zog damit erneut heftige Kritik auf sich.

Das schwache Fundament

Beiden Kandidaten fehlt der starke Rückhalt in der eigenen Partei. Trump traf bei vielen führenden Republikanern zunächst auf offenen Widerstand, bis sie sich nach seinen Vorwahlerfolgen ins Unausweichliche seiner Kandidatur fügten. Zuletzt gingen sie wegen der Verbalattacken gegen den Richter, dem Trump Voreingenommenheit unterstellte, erneut auf Distanz. Der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, unterstellte dem eigenen Spitzenkandidaten Rassismus und distanzierte sich „völlig von diesen Aussagen“.
Clinton ist bei den Mächtigen ihrer Partei besser vernetzt: Die designierte Spitzenkandidatin hat die Unterstützung der meisten sogenannten Superdelegierten, also hoher Parteifunktionäre, die beim Nominierungsparteitag mitstimmen dürfen. Doch an der Basis fühlen sich viele Demokraten eher von Sanders als von Clinton inspiriert. Und etliche in der Partei sind nervös wegen Clintons politischer Altlasten.

Die Umfragen

Mehrere Umfragen weisen derzeit einen Vorsprung Clintons vor Trump aus. Trump selbst führt aber auch Erhebungen an, die ihn vorne sehen. Letztlich sind die Zahlen derzeit wenig aussagekräftig, denn erst im Hauptwahlkampf werden die Kandidaten von den Medien in extenso ausgeleuchtet. Erst dann müssen sie auch konkrete politische Positionen beziehen.

Die amerikanischen Arbeiter seien betrogen worden, die Löhne im Keller, die Hochhäuser im Land würden nicht mehr mit amerikanischem Stahl gebaut, sagte Trump. Und das alles sei internationalen Handelsabkommen geschuldet. Die Botschaft lautete einmal mehr: Amerika muss wieder an erster Stelle kommen.

Und Trump fügte seiner Rede eine neuen Dreh hinzu: Es gehe um die Wahl zwischen zwei klaren Alternativen, die das Volk nun habe: „Wir können entweder Hillary und ihrer Kampagne der Angst erliegen, oder wir können uns dazu entscheiden, an Amerika zu glauben“, sagte er.

„Hillary Clinton und ihre Freunde im globalen Finanzsystem wollen Amerika dazu bringen, sich klein zu machen. Und sie wollen die amerikanischen Menschen verschrecken und so davon abhalten, dass sie sich für eine bessere Zukunft entscheiden.“

Trumps Weg zur Kandidatur

März-Juni 2015

18. März 2015

Der damals 68-Jährige kündigt die Bildung eines Wahlkampfkomitees an. Trump hat bereits seit Jahrzehnten Interesse am Präsidentenamt angedeutet, diesmal scheint er es ernst zu meinen. „Ich bin der einzige, der Amerika wieder wirklich großartig machen kann“, erklärt er - sein späterer Wahlkampfslogan „Make America Great Again“ klingt da schon an.

16. Juni 2015

Als zwölfter Bewerber steigt Trump ins Präsidentschaftsrennen der Republikaner ein. „Meine Damen und Herren, ich bewerbe mich offiziell als Präsident der Vereinigten Staaten, und wir werden unser Land wieder groß machen“, sagt er im Trump Tower in New York City. In seiner Ansprache schießt er scharf gegen China, den Iran, Obama und mexikanische Einwanderer: „Sie bringen Drogen“, erklärt er wörtlich zu den Menschen aus dem Nachbarland. „Sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger.“

29. Juni 2015

Die Mexiko-Aussagen kosten Trump kurz nach seinem 69. Geburtstag die Geschäftsbeziehungen mit dem US-Sender NBC. Der will nicht mehr die jährlichen Schönheitswettbewerbe „Miss USA“ und „Miss Universe“ übertragen, die gemeinschaftlich produziert wurden. Trump findet: „NBC ist schwach und versucht wie jeder andere auch, politisch korrekt zu sein. Das ist der Grund, warum unser Land in Schwierigkeiten ist.“

Juli-August 2015

15. Juli 2015

Sein Wahlkampfteam legt Trumps Vermögensverhältnisse offen. Der Immobilienmogul soll mehr als zehn Milliarden Dollar besitzen. Er ist damit der reichste Bewerber, der jemals für das höchste Staatsamt in den USA kandidiert hat.

18. Juli 2015

Trump äußert sich höhnisch über den prominenten US-Senator John McCain. Dieser sei nur ein Kriegsheld, weil er im Vietnamkrieg gefangen genommen worden sei, sagt er, nachdem McCain Trumps Kommentare über die Mexikaner kritisiert hat. „Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen wurden“, fügt Trump hinzu.

07. August 2015

Der 69-Jährige hat es in Umfragen unter die Top Ten der Republikaner geschafft. Er darf damit an der ersten TV-Debatte der republikanischen Bewerber teilnehmen. Trump dominiert. Er legt sich mit Fox-Moderatorin Megyn Kelly an und äußert sich ihr gegenüber frauenfeindlich. „Aus ihren Augen kam Blut, Blut lief überall aus ihr heraus.“ Ein Tweet auf Trumps Konto, der Kelly als „dummes Blondchen“ tituliert, wird bald wieder gelöscht. Es folgt ein monatelanger Streit.

September-Dezember 2015

03. September 2015

Trump unterschreibt die Zusage, nicht als unabhängiger Kandidat bei der Präsidentschaftswahl anzutreten. Rechtlich bindend ist das Gelöbnis nicht.

07. Dezember 2015

Nach den Terroranschlägen in Paris und im kalifornischen San Bernardino fordert Trump ein völliges Einreiseverbot für Muslime in die USA. Er begründet seinen Vorschlag mit dem Ausmaß von Hass, „den große Teile der muslimischen Bevölkerung“ auf Amerikaner hätten. Später rudert er etwas zurück und erklärt, die Maßnahme solle nur vorübergehend gelten.

Januar-Februar 2015

19. Januar 2016

Die umstrittene Tea-Party-Vertreterin Sarah Palin schlägt sich auf die Seite Trumps. „Ich fühle mich sehr geehrt, Sarahs Unterstützung zu erhalten“, teilt Trump mit.

01. Februar 2016

Die Vorwahlen beginnen. Erster Sieger: nicht Trump. Stattdessen setzt sich Ted Cruz in Iowa durch.

06. Februar 2016

Trump bekräftigt seine Forderung nach Wiedereinführung des Waterboardings als Verhörmethode. Die Praktik sei nicht annähernd so extrem wie die mittelalterliche Taktiken der Terroristen im Nahen Osten, sagt Trump bei einer weiteren TV-Debatte. Und nicht nur das: Falls er ins Weiße Haus einzöge, würde er sogar noch „viel, viel schlimmere“ Methoden erlauben. Wenige Tage später ergänzt er: „Folter funktioniert.“

Februar 2015

09. Februar 2016

Trump feiert in New Hampshire seinen ersten Vorwahlsieg. Beobachter werten Trumps Erfolg als Beleg, dass der Quereinsteiger nicht länger als Polit-Neuling, sondern als Favorit für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat seiner Partei gilt.

20. Februar 2016

Trump gewinnt auch in South Carolina. Sein aggressiver Wahlkampf fordert ein prominentes Opfer unter den anfangs 17 republikanischen Bewerbern: Jeb Bush steigt aus dem Präsidentschaftsrennen aus. Er war bis dahin das liebste Ziel von Trumps Verbalattacken. Das republikanische Bewerberfeld hat sich mittlerweile etwa halbiert.

26. Februar 2016

Der ebenfalls ausgestiegene Bewerber Chris Christie unterstützt Trump. Er ist der erste Vertreter des Partei-Establishments, der sich hinter den Milliardär stellt.

Anfang März 2016

01. März 2016

„Super Tuesday“, Super-Tag für Trump, der sieben Vorwahlstaaten gewinnt. Cruz siegt in drei Staaten, Marco Rubio in einem. Trump kommt mittlerweile auf 285 Delegiertenstimmen. 1237 sind für die Nominierung notwendig.

02. März 2016

Ex-Neurochirurg Ben Carson zieht sich aus dem republikanischen Präsidentschaftsrennen zurück. Damit bleiben noch drei Trump-Gegner: Cruz, Rubio und John Kasich.

03. März 2016

Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney meldet sich mit einer Verbalattacke gegen Trump zu Wort. Eine Parteinominierung des Milliardärs müsse unbedingt verhindert werden, sagt der Kandidat von 2012. Er wird zu einem der größten Kritiker des Vorwahl-Spitzenreiters.

Mitte März 2016

10. März 2016

Der Angriff auf einen Afroamerikaner während einer Wahlkampfveranstaltung Trumps wird bekannt. Fortan kommt es auf Kundgebungen immer wieder zu Rangeleien mit Gegnern und Protesten.

15. März 2016

Trump gewinnt klar in Florida - dem Heimatstaat von Mitbewerber Rubio. Der gibt daraufhin auf. Die als moderat angesehene Alternative zu Trump ist damit aus dem Rennen.

April 2016

05. April 2016

Seltene Klatsche für Trump: In Wisconsin setzt sich Cruz deutlich durch - und spricht direkt von einem Wendepunkt. In der Partei zirkuliert die Idee einer Kampfabstimmung beim Nominierungsparteitag im Juli. Trump dürfte dafür vorher nicht die nötigen 1237 Delegiertenstimmen erreichen.

19. April 2016

Trump gewinnt seinen Heimatstaat New York. Eine Woche später legt er mit einem Fünffacherfolg in weiteren Staaten nach.

27. April 2016

Trump skizziert in seiner ersten außenpolitischen Grundsatzrede seine Vision von der Welt unter ihm als US-Präsidenten. „Amerika zuerst“ ist sein Motto. „Meine Außenpolitik wird immer die Interessen des amerikanischen Volks und der amerikanischen Sicherheit über alles andere stellen“, sagt er.

Mai 2016

03. Mai 2016

Nach einem weiteren Vorwahlsieg Trumps, diesmal in Indiana, steigt Cruz aus dem Rennen aus. Der Weg zur Nominierung ist für Trump damit praktisch frei. Einen Tag später gibt mit Kasich auch der letzte verbliebene republikanische Rivale auf. Trump gilt von nun an als „voraussichtlicher Kandidat“ der Partei.

26. Mai 2016

Trump hat nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AP die nötigen 1237 Stimmen für die Nominierung hinter sich.

Angst ist bisher ein Attribut, mit dem eher Trumps politische Agenda umschrieben wird als die seiner demokratischen Rivalin.

Wie so oft in letzter Zeit las der 70-Jährige seine Rede von einem Teleprompter ab. Während das vor einigen Wochen noch hölzern und gestelzt klang, wirkte er am Dienstag ruhiger und präsidialer.

Trump professionalisiert seinen Wahlkampf zunehmend. In den vergangenen Tagen verpflichtete er mehrere neue Berater. Darunter ist auch Jason Miller, der noch vor einigen Wochen für Trumps einstigen Konkurrenten Ted Cruz arbeitete.

Von

dpa

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