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Special

06.11.2016

12:39 Uhr

US-Wahlen

Amerikas verzweifelte Jugend

VonPaul Ostwald

Viele Amerikaner sind noch unentschieden, für welchen Kandidaten sie am 8. November stimmen sollen. Vor allem Jungwähler tun sich schwer. Ihnen fehlt ein Kandidat, mit dem sie sich identifizieren können.

Washington„Mir ist es egal, wer die Wahl gewinnt “, meint Tom Miller. Der 21-jährige Student weiß noch nicht, ob er am 8. November für Clinton oder Trump stimmen soll. Dass Trump eine Gefahr für die Demokratie sei, findet er nicht. „Unser politisches System ist sowieso kaputt, da ändert auch eine Trump-Präsidentschaft nichts mehr dran“. Nur wenn Miller vom ausgeschiedenen Demokraten Bernie Sanders redet, glühen seine Augen. „Sanders war die Chance für unsere Generation“, sagt er ein wenig wehmütig über den 75-jährigen Senator aus Vermont.

Glaubt man John Della Volpe, Politologe und Direktor am politischen Institut der Harvard Universität werden die Stimmen unentschiedener Jungwähler am 8. November den Unterschied machen. Knapp zwölf Prozent sind sich noch nicht sicher, bei wem sie ihr Kreuz setzen sollen. Das auf die Auswertung von Daten spezialisierte Onlinemagazin „FiveThirtyEight“ geht davon aus, dass insgesamt noch 15 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner zwischen den Kandidaten schwanken. Das sind dreimal so viele wie zum gleichen Zeitpunkt bei der letzten Wahl 2012. Damals genoss Barack Obama einen großen Rückhalt bei Jugendlichen. Mit seinem Slogan „Hope“ gewann der Demokrat fast 70 Prozent der Jungwähler.

„Diesmal ist alles anders“, meint Miller. Viele Jugendliche sehen das ähnlich. Sie fühlen sich beraubt: Ihr Kandidat, der Demokrat Bernie Sanders avancierte im Vorwahlsommer zur Galionsfigur der amerikanischen Jugend. „Er hätte das beste von beiden Kandidaten verbunden“, meint Miller, „die Systemkritik Trumps und Sozialpolitik Clintons“. Unter dem Hashtag „#FeelTheBern“ twitterten und posteten Jugendliche ihre Unterstützung für den 75-Jährigen.

Catherine Engelmann hingegen hat sich bereits entschieden. „Wir werden am Dienstag die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten wählen, und ich freu mich drauf“, meint die 20-Jährige. Sie kommt aus New York, der Heimatstadt beider Kandidaten. Doch selbst in ihrem eigenen Freundeskreis muss sie noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten. „Viele können sich nicht für Clinton begeistern, weil sie ihnen nicht progressiv genug ist“.

Besonders schwer haben es junge Republikaner, die sich nicht mit Trump identifizieren können. Alexandra Thompson kämpfte in den republikanischen Vorwahlen für Marco Rubio, den Nachwuchsstar der Republikaner. Wochenlang klingelte sie an Türen, rief Unbekannte an und organisierte kleine Events im US-Bundesstaat Florida. „Jetzt ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera“, meint die überzeugte Republikanerin. Flüsternd fügt sie an: „Ich hoffe, das Clinton gewinnt“.

Hinter dieser Unentschiedenheit vermutet Politologe Della Volpe eine noch viel größere Unsicherheit. Seine Analyse zeigt, dass etwa die Hälfte der amerikanischen Jugendlichen mit Sorge in die Zukunft blickt. „Weder Trump noch Clinton liefern eine Vision, auf die ich setzen kann“, meint auch Miller. Aus der „Generation Hope“, wie die Obama-treue Jugend 2012 noch genannt wurde, ist die „Generation Fear“ geworden. Für Della Volpe steht deshalb fest: "Der nächste amerikanische Präsident muss dieser Generation wieder Hoffnung geben“.

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