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02.09.2016

14:15 Uhr

Ausländerbehörde in Russland

Die Tagediebe von Moskau

VonAndré Ballin

Wer mit der Ausländerbehörde in Russland zu tun hat, sollte besser viel Geduld mitbringen. Nicht selten verbringen Antragssteller ganze Tage mit ergebnislosem Warten – und stehen am Ende trotzdem als Schuldige da.

Die meisten, die ihr Glück in Russland suchen, stammen aus den zentralasiatischen GUS-Ländern, aber auch aus der Ukraine hat sich der Andrang deutlich erhöht. André Ballin

Ausländerbehörde in Moskau

Die meisten, die ihr Glück in Russland suchen, stammen aus den zentralasiatischen GUS-Ländern, aber auch aus der Ukraine hat sich der Andrang deutlich erhöht.

MoskauDer Dienstag verhieß nichts schlimmes. Morgens schien noch die Sonne, ein warmer Spätsommertag, einer der letzten, den man in Moskau für einen Ausflug in die Parks mit der Familie nutzen sollte, wenn es die Zeit erlaubt. Doch die Zeit erlaubt es nicht, auch wenn ausnahmsweise mal nicht die Pflicht zur Arbeit ruft. Dafür ruft die Registrierungspflicht. Die Aufenthaltsgenehmigung, ein vor Jahren mit viel Ärger, Mühen und Blasen an den Füßen erworbenes Dokument, läuft ab. Ein neues Papier muss her.

Zum Glück sind die Bedingungen für die Verlängerung laut der offiziellen Internetseite des russischen Innenministeriums wesentlich einfacher als für die Erstbeantragung damals. Kein Drogen-, kein Aids-, kein Psychotest sind nötig, kein Besuch im Tuberkulose-Zentrum (dem zugleich mit dem Attest, völlig gesund zu sein, eine böse Grippe folgte), keine Vorsprache bei der Steuerbehörde und keine sieben Monate Wartezeit.

Vier Punkte werden aufgeführt: ein vollständig ausgefüllter Antrag, ein Ausweisdokument, die gültige Aufenthaltserlaubnis und vier Fotos. Das ist alles – jedenfalls laut der behördlichen Webseite. Telefonische Auskünfte gibt es nicht. Leider auch keine Terminvereinbarung per Internet, also heißt es hinfahren und hoffen, dass die Schlange nicht allzu lang ist.

Der erste Eindruck ist positiv. Die neue Zentrale der Ausländerbehörde ist hell und geräumig, es gibt sogar Sitzplätze für die Ausländer. Kein Vergleich zum engen muffigen Kellerflur, wo sich vor Jahren die Antragsteller drängelten in der Hoffnung, zu einer Audienz herein gewunken zu werden.

Doch die Schlange ist lang, eine Polizistin steht am Automaten und verteilt Nummern. 341 steht auf meinem Schein. Zur Beruhigung in kleiner Schrift darunter „Vor ihnen sind 18 Personen“. Tatsächlich hat das behördliche Nummernsystem weniger mit Chronologie als der Chaostheorie zu tun. Nach der 28 kommt die 214, dann eine Hunderternummer, und dann wird es wieder zweistellig. Nachbar Juri hat eine 200er-Nummer bekommen, obwohl der Ukrainer seit fünf Uhr morgens ansteht. Die meisten, die ihr Glück in Russland suchen, stammen aus den zentralasiatischen GUS-Ländern, aber auch aus der Ukraine hat sich der Andrang deutlich erhöht.

„Wir haben noch Glück“, sagt Juri. Vor kurzem war es noch viel chaotischer. Leute übernachteten vor dem Gebäude, um sich in der Frühe einschreiben zu können. Wer morgens auftauchte, brauchte sich keine Hoffnung mehr auf einen Termin zu machen. „Doch vor ein paar Tagen kam Bürgermeister Sergej Sobjanin“, erzählt Juri. Der sah das Chaos, verabreichte den Beamten einen Einlauf und seitdem arbeitet die Behörde von 8 bis 20 Uhr. So besteht zumindest Chance auf die Abgabe des Antrags.

Doch wer die 18 Antragsteller vor der 341 sind, bleibt unklar. Die Türen gehen auf und zu. Auf der Anzeigetafel tauchen stets neue Nummern auf, über einhundert, die 341 ist nicht dabei. „Nein, ich kann nicht sagen, wie lange es noch dauert, ich weiß auch nicht, wie viele noch vor ihnen stehen“, wehrt die Polizistin am Nummernautomaten Fragen wie lästige Fliegen mit einer unwirschen Handbewegung ab, ehe sie sich wieder in ihr Telefon vertieft. Die ersten Stunden bis zur Mittagspause vergehen in quälender Erwartung, doch die Erwartung wird enttäuscht. Die Beamten gehen ins Päuschen.

Am Nachmittag ist die Wartezeit von zunehmender Unsicherheit und Nervosität geprägt. Igor, ein Student aus Weißrussland, muss für seine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ganz andere Papiere vorlegen als im Internet verlangt. Kurz vor 18 Uhr kommt dann auch endlich die 341 an die Reihe. Hurra! Die Ernüchterung folgt auf dem Fuße: „Auf dieser Basis kann ich Ihren Antrag nicht annehmen, sie haben ja praktisch gar keine Dokumente mit“, belehrt die Beamtin.

Der Einwand, dass die offizielle Webseite eben nur vier Punkte aufgelistet hat, prallt von ihr ab wie ein Gummiball von der Hauswand. Alle Reklamationen an die Designer der Webseite!

Die vier Fotos waren unnütz, wie sich herausstellt, dafür fehlt die notarielle Beglaubigung der Passübersetzung. Zudem eine Bestätigung der Bank über ein Depotguthaben. Das soll ein Mindesteinkommen sicherstellen, man will ja schließlich keine Bettler im Land. Der vorsichtshalber mitgenommene Einkommensbescheid des (ausländischen) Arbeitgebers beeindruckt sie genauso wenig wie die Quittung über die Bezahlung der Einkommenssteuer in Russland. Nein das reicht nicht. Und überhaupt: „Wo ist eigentlich Ihr staatliches Zertifikat über den Erwerb der Russischkenntnisse?“ – „Nun wir sprechen doch jetzt miteinander russisch.“

Immerhin der Einwand ruft ein Lächeln auf ihrem Gesicht hervor. Es ist ein kurzes Lächeln. „Sie wissen doch, ohne Papiere…“ Natürlich weiß ich. Ich weiß, dass der Tag im Eimer ist. Ein ganzer Tag, verbracht mit ergebnislosem Warten, weil die Behörde selbst falsche Informationen über die nötigen Unterlagen verbreitet. Beraubt seiner Zeit und Nerven steht der Antragsteller am Ende trotzdem als Schuldiger da.

Dafür hat die russische Beamtin einen guten Rat: „Kommen Sie doch ein andermal mit allen Papieren wieder. Viel Erfolg beim nächsten Mal“

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