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14.04.2017

13:00 Uhr

Ein Kater gegen Theresa May

Blutige Machtkämpfe in der Downing Street

VonKerstin Leitel

Die britische Premierministerin Theresa May hat einen Widersacher in ihrem eigenen Haus: Ein Kater, der seinen Frust über den Brexit mit hunderttausend Followern auf Twitter teilt. Eine Weltgeschichte.

Larry ist die neueste Stimme gegen den Brexit. Reuters

Larry, der Kater

Larry ist die neueste Stimme gegen den Brexit.

LondonBei meinem letzten Besuch in der berühmten Nummer 10 der Londoner Downing Street, Wohn- und Arbeitsplatz der britischen Premierminister, empfing mich der Hausherr faul auf der Fensterbank: Der weiß-braungetigerte Kater namens Larry, offizieller „Chief Mouser to the Cabinet Office“. Fotografieren durfte ich ihn dort nicht – aber eine Autogrammkarte bekam ich.

Vor rund sechs Jahren wurde Larry aus einem Tierheim geholt und hat sich seitdem zu einer festen Größe im Londoner Regierungsviertel Whitehall erarbeitet. Der plüschige Staatsdiener ist länger im Amt als viele der Politiker, die in den letzten Jahren in der Londoner Regierungsbezirk ein- und ausgingen.

Selbst der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat ihm schon den Kopf gestreichelt. Larry ist eine wahre Berühmtheit und, so sagen manche in London, der eigentliche Herrscher in der Downing Street. Larry nimmt es sogar mit der britischen Premierministerin auf. Obwohl Theresa May in einem Interview zugab, „eher ein Hundemensch“ ist, flaniert Larry weiterhin über die dicken Teppiche in ihrem Haus und fläzt sich in die Ledersessel.

Aber das Verhältnis zwischen der amtierenden Premierministerin und Larry ist nicht sehr gut – und das ist keine Überraschung. Denn Larry ist die bei weitem der politischste Kater, die in der kleinen, abgeschotteten Seitenstraße in dem Londoner Regierungsbezirk lebt. Und im Gegensatz zur May ist Larry ein lautstarker Brexit-Gegner.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Unbekannte haben dem Chief Mouser auf Twitter eine Stimme gegeben. Nun meldet sich Larry regelmäßig zu Wort und gibt Kommentare zum Geschehen in der internationalen und nationalen Politik ab. „Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt der Tod, und die Unterwelt zog hinter ihm her. #Article50“, twitterte Larry an dem Tag, als Premierministerin May offiziell den Artikel 50 zum Austritt aus der EU auslöste. Und tröstete dann die Brexit-Gegner mit einem Foto von May bei der Unterschrift des Brexit-Briefes und kommentierte: „Keine Sorge, ich hab das im Griff: ich habe den Füller mit sich auflösender Tinte gefüllt.“

Auch auf die Ernennung des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson zum britischen Außenminister reagierte Larry mit bissigen Worten. „Boris Johnson ist Außenminister von Großbritannien – da braucht man keine weitere Pointe“, vermeldete der Kater.

109.000 Followers lesen die Tweets von „Larry the Cat“. Dabei ist twittern eigentlich nicht seine Aufgabe: Vielmehr ist Larry offiziellen Angaben zufolge mit „der Begrüßung der Gäste“ betraut worden, „der Inspektion der Sicherheitsanlagen und des Komforts der antiken Sessel“ – und natürlich dem Fangen von Mäusen. Aber das ist nicht Larrys Stärke. Larry schlafe lieber, ihm fehle der Killerinstinkt, wird gemunkelt.

Die Mäuse in den alten Gebäuden der Downing Street seien wirklich ein Problem, erzählt man sich in London. Einmal habe David Cameron während eines Dinners sogar versucht, eine Maus mit einer Gabel zu erledigen. Und erst vor kurzem berichteten britische Zeitungen ausführlich, wie Larry einer Maus zuschaute, wie diese auf dem Bürgersteig vor seinem Haus entlanglief.

In dieser Situation ist es natürlich fatal, dass Larry vor einem Jahr Konkurrenz bekommen hat: Den schwarz-weißen Kater Palmerston, der als „Chief Mouser at the Foreign & Commonwealth Office“ in das Außenministerium im Nachbarhaus einzog. Die beiden können sich nicht leiden. Auf der Straße liefern sie sich zum Entsetzen der anwesenden Presse heftige Kämpfe – manchmal sogar bis auf das Blut.

Beim Mäusejagen ist Palmerston erfolgreicher: Eine Ratte und 26 Mäuse hat der schwarz-weiße Kater seit seiner Ankunft in der Nummer 11 der Downing Street vor einem Jahr auf dem Gewissen. Eine beachtliche Bilanz. Da müssen die Fans von Larry hoffen, dass das Theresa May nicht die willkommene Chance gibt, ihren plüschigen Widersacher aus dem Weg zu räumen.

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