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26.08.2016

17:39 Uhr

Frankreichs Protestkultur

Rebellen oder bloß Schauspieler?

VonThomas Hanke

Gewalt bei Demonstrationen bestimmt das Bild von Frankreichs Protestkultur. Doch spontan sind diese Ausschreitungen nur selten – manchmal gibt es am Abend zuvor sogar eine Generalprobe. Auftakt unserer „Weltgeschichten“.

Bei Protesten kommt es in Frankreich regelmäßig zur Eskalation der Gewalt. AP

Ausschreitungen in Frankreich

Bei Protesten kommt es in Frankreich regelmäßig zur Eskalation der Gewalt.

ParisFrankreichs Protestkultur sichert dem Land immer wieder weltweite Aufmerksamkeit. Halb belustigt, halb entsetzt verfolgt man von Frankfurt bis Washington, wie zornige Bauern Lastwagen umstürzen, eine Präfektur stürmen oder einem Personalchef den Anzug vom Leib reißen. Viele Beobachter glauben dann, hier komme roh und wild die revolutionäre Ader der Franzosen zum Ausdruck.

Sie irren sich. Auch beim Protest per Faustrecht ist Frankreich ein wohl organisiertes Land, was man allerdings erst nach einiger Zeit feststellt. Mich weihte erst kürzlich ein Diplomat in die Dramaturgie des französischen Straßenkampfes ein. „Ich dachte lange wie Sie, es ginge um spontane Gewaltausbrüche, wenn beispielsweise Bauern in der Bretagne mit einem Tieflader das Gitter zur Präfektur rammen und das Gebäude stürmen“, gestand er.

In Wirklichkeit sei es ganz anders. „Am Vorabend der Proteste gibt es vertrauliche Gespräche zwischen den Anführern der Landwirte und der Präfektur.“ Dabei werde penibel wie bei einer Generalprobe am Theater besprochen, was gehe und was nicht, also beispielsweise: Ihr dürft das Gitter auframmen, einen Anhänger voll Mist ausleeren, ihr könnt ins Gebäude stürmen, ein paar Schreibtische umstürzen und Schränke auskippen. Gewalt gegen Menschen sei tabu.

Frankreich

Bruttoinlandsprodukt

Nach Daten des IMF betrug das französische BIP im vergangenen Jahr rund 2,42 Billionen US-Dollar. Im europäischen Vergleich steht das Land damit an dritter Stelle hinter Spitzenreiter Deutschland und Großbritannien. Was zunächst positiv klingt, erscheint mit Blick in die frühe Vergangenheit gar nicht mehr allzu rosig. Nur ein Jahr zuvor hatte das Bruttoinlandsprodukt noch fast 400 Milliarden US-Dollar mehr auf dem Konto – und stand damit auch vor dem Vereinigten Königreich. Vom Allzeithoch aus dem Jahr 2008 (2,94 Billionen US-Dollar) ist Frankreich ein gutes Stück entfernt.

Einwohnerzahl

Im „französischen Mutterland“ lebten zu Beginn des zurückliegenden Jahres 64.204.247 Menschen. Nimmt man die Überseedépartements Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte hinzu, kommt die französische Republik auf über 66,3 Millionen Einwohner. Einer Prognose von Eurostat zufolge wird das zweitbevölkerungsreichste Land Europas bis 2050 sehr nah an die künftigen Zahlen aus Deutschland herankommen – knapp über 74 Millionen Menschen sollen beide Staaten dann jeweils beherbergen.

Bevölkerungsdichte

Mit rund 550 km² ist Frankreich auch ohne die dazugehörigen Überseeinseln und -gebiete bereits das flächenmäßig größte Land in Europa. Dementsprechend viel Platz steht den zahlreichen Franzosen zur Verfügung, was sich auf die Bevölkerungsdichte auswirkt. Mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer befindet sich die Republik so nah am EU-weiten Durchschnitt (116,3) wie kein anderes europäisches Land.

Staatsoberhaupt

Mit der Annahme einer neuen Verfassung im Oktober 1958 wurde in Frankreich die sogenannte „Fünfte Republik“ eingeführt. Beginnend mit Charles de Gaulle standen seither sieben Präsidenten an der Spitze des Staates. Seit Mitte 2012 hat François Hollande das höchste Amt inne, der nach der erfolgreichen Wahl den bis dahin amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy vorzeitig ablöste.

Nationalhymne

Die „Marseillaise“ ist seit 1795 die offizielle französische Nationalhymne. Drei Jahre zuvor wurde sie von Claude Joseph Rouget de Lisle verfasst – allerdings als Kriegserklärung an Österreich. Unter dem Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ („Kriegslied für die Rheinarmee“) war sie dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, Nikolaus von Luckner, gewidmet und ertönt bis heute in dessen Geburtsort, Cham in der Oberpflaz, täglich als Glockenspiel auf dem Marktplatz. Das Lied wurde beim Einzug in Paris von Soldaten aus Marseille gesungen, wodurch der bekannte Titel zustande kam.

Das Problem mit den Rechten

Der Name der rechtsradikalen Partei Front National tauchte in der jüngsten Vergangenheit häufig in den Medien auf. Dabei konnte die Partei rund um deren Vorsitzende Marine Le Pen bereits in den 1980er Jahren erste Erfolge verbuchen – und das aus denselben Gründen wie heute. Der wirtschaftliche Pessimismus innerhalb des Landes brachte dem FN zweimal in Folge mindestens einen Sitz in der Nationalversammlung. Aus der Europawahl 2014 ging der FN mit 24,86% der Stimmen als Sieger unter den französischen Parteien hervor. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr werden Le Pen gute Ergebnisse prognostiziert – wenngleich es nicht ganz für das Amt reichen solle.

Französische Revolution

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht nur der Wahlspruch der Republik Haiti sowie der heutigen Französischen Republik, sondern auch das Motto der Französischen Revolution, die ab 1789 grundlegende Werte und Ideen der Aufklärung propagierte und umsetzte. Sie hatte signifikante gesellschaftspolitische Veränderungen auf dem ganzen Kontinent zur Folge. Die heutige französische Verfassung verweist auf die zu jener Zeit entstandene „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und enthält sonst keinen eigenen Grundrechtekatalog.

So lange die Protestler sich am folgenden Tag an den vereinbarten Ablaufplan halte, verzichte der Staat auf Sanktionen. Die Landwirte könnten eine zornige, spontan sich versammelnde Menge mimen, Parolen rufen und wie beim Sturm auf die Bastille 1789 schwungvoll in den Hort staatlicher Gewalt eindringen. Auch wenn es dabei kracht und splittert, verzichten die Ordnungshüter darauf, die Ordnung zu hüten.

So konnte man in den vergangenen Monaten erleben, dass französische Winzer im Süden des Landes spanische Tanklastwagen angriffen. Antriebslos, lethargisch stand die Polizei daneben, die sonst so schnell mit Tränengas bei der Hand ist. Sie sah zu, wie der schöne Wein in den Straßengraben floss und ein Lkw in Flammen aufging. Der spanische Botschafter protestierte und erinnerte zornig an die Freiheit des Handels in der EU, wurde aber von den französischen Behörden gebeten, sich doch nicht so zu erregen: Die spanische Seite werde schon entschädigt, die Versicherung zahle. Man darf auch hier ein Arrangement mit den Winzern vermuten.

Nun ist es allerdings so, dass in den Adern des einen oder anderen Franzosen eben doch noch ein paar Tropfen Rebellenblut fließen. Diese Individuen schlagen über die Stränge – und bekommen die Folgen zu spüren. Die Angestellten von Air France, die ihrem Personalchef vor ein paar Monaten Anzug und Hemd vom Leibe rissen, erreichten weltweite Berühmtheit. Aber sie verstießen gegen das Tabu: Keine körperliche Gewalt gegen Führungspersönlichkeiten.

Vier Gewerkschafter ohne betriebliches Mandat wurden sofort entlassen. Und sogar ein Mitglied der Mitarbeitervertretung von Air France, die in der Regel unkündbar sind, bekam Mitte August seine Kündigung. Der Fall ging bis zur Arbeitsministerin hoch, weil keine der nachgeordneten Ebenen sich getraut hatte, die Entlassung zu bestätigen.

Man sieht: Die Verflechtungen der Protestkultur reichen bis in die höchsten Ebenen der Politik. Auch das Faustrecht muss penibel verwaltet werden.

In der Berichterstattung über die große Weltpolitik gehen die kleinen Themen häufig unter. Doch gerade sie prägen ein Land und helfen es zu verstehen. Und sie verändern ein Land. Deshalb gibt es ab sofort unsere Reihe „Weltgeschichten“.

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