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31.08.2016

08:24 Uhr

Karneval in Tokio

Zwischen Samba und Halloween

VonMartin Kölling

Sei es Samba oder Halloween – Japan ist groß im Importieren ausländischer Feste. Dies birgt wirtschaftliches Potenzial – mit unterschiedlichen Zukunftsaussichten. Unser Korrespondent hat sich das mal näher angeschaut.

In Japan orientiert man sich gerne an westlichen Festen. So auch am brasilianischen Samba. dpa

Vorbild Brasilien

In Japan orientiert man sich gerne an westlichen Festen. So auch am brasilianischen Samba.

TokioTokios Stadtteil Asakusa ist Umzüge gewöhnt. Beim Sanja-Matsuri schauen hunderttausende Japaner wie Touristen zu, wie Männer und Frauen in traditioneller Tracht schwere Holzschreine durch die Straßen tragen. Auch am Sonnabend waren einige Straßen des Viertels um den berühmten Senso-Tempel abgesperrt, dieses Mal für ein kaum weniger lautstarkes Festival, den 35. Tokioter Samba-Karneval.

Zugegeben, Hunderttausende säumten nicht die Straßen. Es waren nur Zigtausende, denn das Fest ist eher lokal. Nichtsdestotrotz zogen Samba-Gruppen Stunde um Stunde durch das Viertel. Grund- und Mittelschulorchester heizten den Samba-Fans ein, bis die eigentlichen Tänzer kamen. Und da ging es durchaus japanisch-bunt, kreativ und verspielt zu.

Eine Gruppe hatte sich Piraten als Thema gewählt. Dementsprechend rannten die Mitglieder herum, mit Segelschiffen auf dem Kopf, verkleidet als Oktopusse und mit Haien, die einigen Tänzern in den Hintern bissen. Der Höhepunkt der Japanisierung war allerdings die feminisierte Form einer japanischen Trommlergruppe.

„Washoi, washoi“ rief hoch auf dem Wagen die Haupttrommlerin, während sie auf eine große Pauke einhieb. Washoi (Hauruck), das ist der Ruf bei vielen traditionellen japanischen Festen und so gar nicht brasilianisch. Und auch die Tänzerinnen der „Wadaiko-Idol-Unit“ sahen sehr orientalisch aus, mit papierenen Schirm und an traditionelle Tracht erinnernden Kleidungsstückchen. Das Zugeständnis an das kopierte brasilianische Vorbild war die knappe Bekleidung.

Kein Wunder, dass so viele Zuschauer kommen, dachte ich. Japaner japanisieren gerne ausländische Feste, besonders wenn sie in die heimische Geschenk-, Feierkultur und Verkleidungskultur passen – mit durchaus kaufmännischen Potenzial für ausländische Firmen.

Samba ist nur ein Beispiel – und nicht einmal besonders lukrativ. Denn es ist eher zum Zuschauen da als zum Mitmachen – und vor allem bei älteren Semestern beliebt, wie ein Blick in die Menge offenbarte.

Richtig viel Geld fließt hingegen bei Halloween, ein Fest, das sich auch in Japan verbreitet hat – natürlich in seiner eigenen Form. Bei Halloween geht es in Japan weniger darum, dass Kinder von den Nachbarn unter dem Motto „Trick or Treat“ quasi durch Gewaltandrohung Süßigkeiten abpressen. Der Reiz von Halloween läge in Japan in zwei Dingen, so der amerikanische Autor Kyle Von Lanken: „Kommerzialisierung und Kostümen.“

Im Gegensatz zum Samba feiert sich bei Halloween die Jugend selbst. Vor allem jener Teil, der sich für Cosplay (fantasievolle Verkleidung), Mangas und Anime interessiert. Zu den Halloween-Umzügen in den benachbarten Millionenmetropolen Tokio und Kawasaki kamen in der Vergangenheit jeweils 100.000 Zuschauer.

Der Unterschied zum Samba: Eine deutsche Besucherin fragte mich, ob der Karneval ankam. „Da tanzt ja keiner mit.“ Meine Antwort: „Die Japaner wippen im Geiste mit.“ Und dies stimmt, zum Teil wenigstens. Wenn es sich um etablierte kulturelle Darbietungen, quasi das hochkulturelle Japan handelt, gibt es eine Trennung zwischen Darstellern und Publikum. In diesem Fall ist stilles Genießen angesagt.

Aber es gibt auch das grelle, junge, subkulturelle Nippon. Und da wird Stimmung gemacht. In Fußballstadien wird gesungen und getanzt, auch wenn das eigene Team auf dem Feld murks spielt. Auch bei Popkonzerten geht es durchaus frenetisch zu. Da ist Japan eine Publikumskultur, meinte der Trendforscher Morinosuke Kawaguchi zu mir. Darsteller und Zuschauer kreieren das Fest gemeinsam.

Und diese Menschen sind oft Hardcore-Fans, die im Falle von Halloween gerne Geld in Kostüme, Halloween-Nippes, Süßwaren oder Restaurantbesuche stecken. Experten schätzen, dass dieser junge Kulturimport damit bereits etwa eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr generiert.

Außerdem ist dies ein Markt, dem trotz schrumpfender Bevölkerung noch großes Wachtumspotenzial prophezeit wird. Denn je älter die Halloweenfans werden, desto mehr Geld

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