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„Poetry in Motion“

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Instrument der Klage

Paul Romero lädt dazu ein, ein freundlicher, älterer Herr, ein echter Liebhaber der Dichtung, dessen gütige Stimme allein schon eine meditative Atmosphäre schafft, wenn er die eingeladenen Dichter vorstellt. Hier findet kein lärmiger Poetry-Slam statt. Sondern Amerikaner jeden Alters und jeder Herkunft tragen bescheiden, manchmal beinahe schüchtern, ihre Werke vor. Sanfte Worte fallen vor dem lärmigen Hintergrund der großen Stadt, immer wieder unterbrochen von dem Geheule vorbeifahrender Kranken- oder Polizeiwagen. Kleine Gesten behaupten sich in einer Umgebung, die an Großspurigkeit keinen Mangel hat.

Mitunter wird Poesie zum Instrument der Klage. Schwarze prangern das Schicksal Schwarzer an, vor allem die tödlichen Schüsse von Polizisten auf unbewaffnete junge Männer. Homosexuelle geben Einblick in die täglichen Schikanen ihres Lebens. Manche Gedichte sind auch einfach schön, oder geben Hoffnung, wie die Zeilen von Erika Meitner: „Wie schön/sind die Füße/derer die dir bringen/ gute Nachricht von guten Dingen“ aus dem Gedicht „Lass die Zukunft so beginnen“. Andere bewegen sich am Rand zur Unverständlichkeit. Aber alle schaffen eine Form von besinnlicher Gemeinschaft mit dem Publikum, das sogar an Regentagen kommt und sich unter eine große Plane duckt.

Weltgeschichten: Freunde und Friends

Weltgeschichten

Freunde und Friends

Als ich vor über vier Jahren in die USA gegangen bin, sagte ein deutscher Freund zu mir: „In den USA gibt es doch keine Freunde, oder? Da gibt es nur ‚friends‘.“ Diesem Vorurteil bin ich auch bei Deutschen in den USA begegnet, oder zumindest der Klage darüber, Freundschaften mit Amerikanern seien oft sehr oberflächlich.

„Poetry im Park“ gibt es nicht nur in New York, sondern auch im benachbarten Newark, einer der ärmsten Städte Amerikas, von hoher Kriminalität geplagt. Andere Städte in aller Welt haben ähnliche Konzepte. Aber vielleicht ist nirgendwo der Kontrast der kleinen Kunstform zu riesigen Stadt größer als in New York. Die Poesie zieht sichtbar ein besonderes Publikum an. Es ist gemischt in allen Farben und Altersgruppen. Aber allen gemeinsam ist eine zurückhaltende, vorsichtige Art sich zu bewegen und zu sprechen. Poesie sammelt das leise Amerika und gibt ihm eine Stimme, die nicht überhört wird.

Auf der Heimfahrt vom Büro lese ich in der U-Bahn ein Gedicht von Billy Collins mit dem Titel „U-Bahn“. Es lautet: „Während du schnell durch den Untergrund rauschst/mit einem Lied in den Ohren/oder verloren im Labyrinth eines Buchs/denke an die, die hinabstiegen/ins widerspenstige Gestein/um ein Loch durch Granit zu bohren/den Weg frei zu machen für dich/wo nur Dunkel und Fels war/denke daran, wenn du aufsteigst zum Licht.“

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