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23.07.2017

15:46 Uhr

Russischer Rock

Poeten voller Power und Trauer

VonAndré Ballin

Russland-Korrespondent André Ballin entdeckte seine Liebe zu Russland über Rockmusik. Bei einer russischen Interpretation von „O Bella Ciao“ ließ er sich in den Bann der Rocks reißen. Eine Weltgeschichte.

Für viele heute bekannte Rockmusiker in Russland war die Perestroika der Ausgangspunkt. Die Zensur wurde gelockert, neue Bands gründeten sich, andere konnten aus dem Underground auftauchen. dpa

Blick auf den Kreml

Für viele heute bekannte Rockmusiker in Russland war die Perestroika der Ausgangspunkt. Die Zensur wurde gelockert, neue Bands gründeten sich, andere konnten aus dem Underground auftauchen.

MoskauRussische Frauen sind schön, doch meine erste echte Leidenschaft in Russland hat ein Mann entfacht: Er war damals Mitte 40 und ziemlich hässlich, hatte schlechte Zähne und eine von Rauch und Suff kratzige Stimme. Und doch: Als Garik Sukatschow die russische Version des italienischen Partisanenlieds „O Bella Ciao“ anstimmte, wurde ich in seinen Bann gerissen. Der kleine Mann mit dem Ohrring und dem etwas lächerlich anmutenden Haarschnitt brannte an jenem Abend vor nunmehr 15 Jahren auf meinem ersten Rockkonzert in Moskau ein Feuerwerk ab. Wunderschöne Melodien unterlegt von fetzigen Rhythmen, dazu die Inbrunst und das Charisma des Sängers brachten den Saal inklusive mich zum Beben.

Virtuos spielte Sukatschow mit der Stimmung des Publikums. Beim skurrilen und überdrehten Song „Meine Oma raucht Pfeife, schwarzen, schwarzen Tabak“ kochte die Menge vor Energie und unersättlicher Lebenslust, während die Liebespärchen schon nach den ersten Flötentönen des poetischen Lieds „Tränke mich mit dem Wasser Deiner Liebe“ in Träumerei verfielen.

Sukatschow ist der wohl bekannteste Vertreter des Folk-Rocks in Russland. Er baut traditionelle Instrumente und Melodien in seine Rock- und Punksongs ein. Seine Kenntnis der traditionellen Volksmusik ist nicht verwunderlich, als Kind musste er schließlich erst das Bajan, ein russisches Knopfakkordeon erlernen, ehe er rebellierte und auf die Gitarre umstieg. Nach dem Abschluss eines Eisenbahntechnikums konzentrierte er sich ganz auf die Musik und stieg in der Perestroika-Zeit mit seinen unkonventionellen Stil schnell zu einem der erfolgreichsten Musiker auf.

Für viele heute bekannte Rockmusiker in Russland war die Perestroika der Ausgangspunkt. Die Zensur wurde gelockert, neue Bands gründeten sich, andere konnten aus dem Underground auftauchen. Von der Aufbruchsstimmung profitierten die politisch engagierten Gruppen Maschina Wremeni und Aquarium, die schon in den 70er-Jahren aktiv waren, genauso wie die jüngeren DDT oder Nautilus Pompilius. Die sozialen und politischen Botschaften in den Texten waren genauso aufmüpfig wie die Musik, die alten Funktionären die Haare zu Berge stehen ließen.

Die wohl prägendste Gruppe jener Zeit ist aber „Kino“ aus dem damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) um den Frontsänger Viktor Zoi. Auch als Schauspieler im Film „Assa“ feierte er Erfolge. Sein früher Tod bei einem Autounfall 1990 hat den Legendenstatus der Gruppe nur gefestigt. Lieder wie „Ein Stern namens Sonne“, „Ich will Veränderungen“ oder „Der letzte Held“ wurden zu Symbolen der Zeit und sind bis heute Klassiker des russischen Rocks mit einer unverändert hohen Zahl an Fans. Eine Hauswand in einer Quergasse der Moskauer Bummelmeile Arbat ist zum Pilgerort für viele Zoi-Fans geworden, die dort Liedzitate und Liebeserklärungen für den Musiker hinterlassen.

Mit Kino wurde der russische Rock düsterer. Der Einfluss des New Wave auf die Musik ist deutlich zu spüren. Ein wenig erinnert Kino an die britische Rockband The Cure, doch Kino ist politischer und philosophischer. Nicht nur die markante Stimme Zois ist tief, auch Texte und Musik tragen dunkles Pathos. „Trauer“, eins der bekanntesten Lieder Kinos, hat die Stimmung vieler Menschen zum Ende der Sowjetzeit textlich und melodisch auf den Punkt gebracht. In einem anderen Lied, „Elektritschka“ („S-Bahn“), sitzt der Protagonist im falschen Zug – eine kaum verhohlene Anspielung darauf, dass es politisch in die falsche Richtung ging.

Viele Rockgruppen in Russland lassen sich bis heute vom Stil der Gruppe inspirieren: Die bekannten Bands Alisa, Picknick, Pilot oder Ju-Piter (wohin es später auch den Kino-Gitarristen Juri Kasparjan verschlug) haben Anklänge an Kino und haben in der Vergangenheit auch schon Lieder der Gruppe nachgespielt. Auf Protestveranstaltungen im postsowjetischen Raum ist „Ich will Veränderungen“ ohnehin das wohl am häufigsten gespielte Lied.

Protest ganz anderer Art bietet die Ska-Punkband „Leningrad“. Frontsänger Sergej Schnurow ist ein talentierter Rocker, aber mehr noch der wohl begnadetste Provokateur der Szene, der mit Vulgärsprache, Nacktauftritten und Schlägereien im betrunkenen Zustand für Schlagzeilen sorgt. Um Politik geht es selten, um Alkohol und Sex fast immer. Und doch ist Schnurow auch immer mal für eine grandiose Satire gut: Das Lied „Patriotin“ beschreibt in genial überzeichneter Form einen Teil der oberflächlichen Putin-Anhänger, die Olympiashows, Militärparaden und Kanonen lieben.

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