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18.04.2017

19:41 Uhr

Schuhputzer am Airport

Das Imageproblem der Touristen

VonWolfgang Drechsler

Sie wollen Geld verdienen und dafür arbeiten. Trotzdem kämpfen viele Schuhputzer am Flughafen in Johannesburg finanziell ums Überleben. Ein Grund dafür ist die Einstellung, mit der ihnen die Touristen begegnen.

Mein Sohn Nicolas mit Elvis, dem Schuhputzer.

Schuhe putzen in Johannesburg

Mein Sohn Nicolas mit Elvis, dem Schuhputzer.

JohannesburgAm Johannesburger Flughafen lasse ich mir regelmäßig die Schuhe von den emsigen „Shoeshine Boys“ putzen, die ihre Dienste in der Abflughalle für Inlandsflüge offerieren. Jeder Reisende sollte, wie ich finde, den Service nutzen, zumindest wenn die eigenen Schuhe dreckig genug sind: Zum einen unterstützt man dadurch ganz konkret das noch in den Kinderschuhen befindliche Unternehmertum am Kap. Zum anderen hat man für umgerechnet nur 2,50 Euro ein paar Tage lang wunderbar blankpolierte Schuhe.

Kürzlich ließ ich auch meinem vierjährigen Sohn, der gegenwärtig in Deutschland lebt, die Schuhe putzen. Für ihn war es eine ganz besondere Erfahrung, weil arbeitsintensive Dienstleistungen in Mitteleuropa dieser Tage eher die Ausnahme sind. Während ich auf dem mächtigen, thronähnlichen Stuhl Platz nahm, führte ihn ein zweiter Schuhputzer auf einen ebenso großen Stuhl und begann, seine winzigen blauen Plastikturnschuhe mit einer Art Rasierschaum zu säubern. Nicolas war von dem Service begeistert, weit mehr aber von der charmanten Art, mit der Elvis, wie sein Schuhputzer hieß, ihn ganz wichtig erscheinen ließ.

Leider kämpfen viele der Schuhputzer am Johannesburger Airport trotz aller Bemühungen finanziell ums Überleben. Wie ich aus einer Reihe von Gesprächen mit ihnen weiß, liegt dies nicht etwa  an der Bezahlung, die mit 30 Rand für knapp zehn Minuten Putzen eigentlich sehr ordentlich ist zumal viele Kunden noch ein ordentliches Trinkgeld drauflegen. Der Grund ist vielmehr, dass die meisten Reisenden die Offerte vor allem deshalb ablehnen, weil sie ein diffuses Unbehagen verspüren, sich auf einem protzigen Stuhl sitzend von einem Schwarzen die Schuhe polieren zu lassen. Eine Reihe von mir befragter Reisender bestätigte dies.

Dass die Schuhputzer die Situation ganz anders empfinden könnten, scheint den wenigsten Reisenden bewusst zu sein. Ihre Sorge, Umstehende könnten beim Blick auf einen Weißen und einen vor ihm knienden Schwarzen falsche Vorstellungen bekommen, scheint für viele von ihnen schwerer zu wiegen als die Annahme einer exzellenten Dienstleistung. Ähnliches kenne ich von Bustouren durch Südafrikas schwarze Townships. Viele Touristen nehmen an solchen Ausflügen allein deshalb nicht teil, weil sie sich bei den Touren nach eigener Aussage wie Zoobesucher fühlen, die sich am Leid anderer weideten. Was die Schwarzen ihrerseits denken, wird selten in Erfahrung gebracht.

Merkwürdigerweise haben die so um das eigene Image Besorgten später jedoch kein Problem damit, Bettlern Geld zu geben, die sie zum Beispiel während eines Stadtbummels bedrängen. Ein diffuses Schuldgefühl veranlasst viele dazu, Menschen zu belohnen, die, anders als die Schuhputzer am Flughafen, keinerlei Gegenleistung für das ihnen gegebene Geld erbringen. Gerade dies bestärkt wiederum viele Bettler in ihrem Handeln und setzt eine Art von Teufelskreis in Gang. Die Zahl der Bettler steigt jedenfalls, weil ihr nerviges Betteln oft erfolgreich ist.

Die Parallelen zur Entwicklungshilfe liegen auf der Hand: Statt Leistung zu belohnen und nur jenen Ländern zu helfen, die Eigeninitiative zeigen, werfen die Helfer auch hier ihr Geld seit Jahren oft blindlings auf jene Länder oder Menschen, die in einer Opferhaltung verharren  und zementieren damit oft nur die geschaffene Abhängigkeit. Ganz klar: Es ist ein weiter Sprung vom Schuhputzer über den Bettler zur Entwicklungshilfe. Aber die Mechanismen dahinter sind dennoch verblüffend oft die gleichen.

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