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12.09.2016

18:59 Uhr

Skandal in Russland

Brennender Quark und unschuldige Behörden

VonAndré Ballin

Russischer Quark hat bei einem Test gebrannt. Das Online-Magazin, das den Skandal aufdeckt, muss eine Strafe zahlen. Dagegen kommt eine korrupte Behörde straffrei davon. Was das über Russland lehrt.

Ein Lebensmittelskandal verdirbt Russen den Appetit. AFP; Files; Francois Guillot

Supermarkt in St. Petersburg

Ein Lebensmittelskandal verdirbt Russen den Appetit.

MoskauAls zu Sommerbeginn russische Journalisten über brennenden Quark berichteten, sorgten sie landesweit für Schlagzeilen. Der Skandal wurde selbst im Ausland beachtet. Dort gab es Schadenfreude, hat Russland doch den Import von Milchprodukten aus der EU verboten. Dagegen herrschte in Russland vor allem Verunsicherung und Empörung über die skrupellosen Geschäftemacher und laxe Kontrollen vor.

Eine Reporterin hatte mit Quark aus St. Petersburg ein Experiment gemacht. Sie hatte einen Löffel Quark in Brand gesetzt – und das Lebensmittel brannte minutenlang lichterloh. In einem aufgezeichneten Video sagt die Journalistin des kritischen Online-Magazins „Fontanka.ru“: „Es riecht wie Plastik“. Das Experiment verschlug vielen Russen den Appetit.

Der Hintergrund: Milchprodukte werden Medienberichten zufolge mit Palmöl, Stärke, Kreide oder Gips gestreckt – weil es für die Hersteller billiger ist.

Die Verbraucherbehörde reagierte auf das Video und entzog sowohl der Vertriebsorganisation „Lenregionprodukt“, als auch dem Hersteller, der Molkerei „Lew Tolstoi“, die Lizenz. Doch dann gingen die Journalisten von „Fontanka.ru“ der Obrigkeit zu weit: Wollten sie doch nun auch noch herausfinden, wie die Molkerei überhaupt an das Gütezertifikat kam. Für ihre Recherchen gründeten die Journalisten eine Scheinfirma. Diese erhielt für ihren Quark gegen einen geringen Aufschlag die Nummer für angeblich erfolgreiche Labortests, obwohl die Tests nie stattgefunden hatten.
Doch „Initiative wird bestraft“ heißt es im russischen Volksmund nicht umsonst: Als die Journalisten das Ergebnis ihrer Ermittlungen der föderalen Registrierbehörde mitteilten, folgte zwar zunächst ein Dankesschreiben und die Versicherung, den Fall zu untersuchen. Doch nur eine Woche später unterrichtete das Amt Fontanka.ru, dass ihre zu Recherchezwecken gegründete Firma zu einem Schadenersatz von 300.000 Rubel (umgerechnet mehr als 4000 Euro) verdonnert werden soll.
Der Witz dabei: Die Behörde, die die Zertifikate ausgestellt hat, wird deswegen nicht zur Rechenschaft gezogen. Laut der geltenden Rechtslage „trägt der Antragsteller die Verantwortung für die Deklarierung“. Das erinnert an ein weiteres geflügeltes Wort der Russen – bekannt aus dem sowjetischen Kultfilm „Der Brilliantenarm“. In einer Filmszene schreit die Verführerin des naiven Haupthelden (gespielt von Juri Nikulin) beim Eintreffen der Miliz laut: „Ich bin nicht schuld, er ist zu mir gekommen“.

Die Gleichsetzung von Verantwortungslosigkeit mit Unschuld scheint ein weit verbreitetes Phänomen in russischen Amtsstuben zu sein, wenn es die eigene Tätigkeit betrifft. Fontanka.ru hingegen muss hoffen, dass auch eine dritte russische Volksweisheit sich bewahrheitet, die da lautet: „Die Härte des russischen Gesetzes wird durch seine Nichteinhaltung gemildert“. Am Ende sollte sich in diesem Fall auch in Russland der gesunde Menschenverstand durchsetzen.

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