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24.07.2017

18:38 Uhr

Weltgeschichte

Wenn das Navi lebensgefährlich wird

VonAlexander Busch

Wenn man eigentlich einen schönen Sonntagsausflug geplant hatte und das Navi einen stattdessen nach Lauro de Freitas lotst: die Stadt mit der höchsten Mordrate in ganz Brasilien. Eine Weltgeschichte.

Der Lebenszyklus der armen brasilianischen Jugendlichen wird immer kürzer: In den achtziger Jahren noch starben sie durchschnittlich mit 25 Jahren einen gewalttätigen Tod; jetzt sind sie 21 Jahre alt.

Weltgeschichte Brasilien

Der Lebenszyklus der armen brasilianischen Jugendlichen wird immer kürzer: In den achtziger Jahren noch starben sie durchschnittlich mit 25 Jahren einen gewalttätigen Tod; jetzt sind sie 21 Jahre alt.

SalvadorSo richtig überzeugen mich die Navigationssysteme in Brasilien nicht. Man kommt zwar irgendwie zum Ziel. Aber eben nur irgendwie. So wie neulich. Da war das Ziel, eine Schule in einem dichtbesiedelten Stadtteil im Großraum Salvadors, schon in Sicht. Doch die lag auf einem Hügel der anderen Seite. Uns trennte eine vom Regen glitschige, mit dicken Schlaglöchern durchsetzte „Straße“, in der man nicht wenden konnte. Was ungünstig war, als die Räder durchdrehten. Vorher waren wir eine halbe Stunde durch eher gespenstische Gegenden gefahren.

Übrig gebliebene Regenwaldstücke und wilde Müllhalden wechselten sich alle paar Minuten mit Retorten-Siedlungen ab. Meist ein Dutzend fünfstöckiger Wohnhäuser, dicht gedrängt und so willkürlich in die Landschaft gesetzt, als seien sie mit einem Zufallsgenerator dorthin gekegelt worden. Die letzten zwei Regierungen Brasiliens haben im Rekordtempo Sozialsiedlungen in ganz Brasilien hochgezogen. Vor allem dort, wo die Grundstücke billig waren. Also abseits jeder Infrastruktur, in der Peripherie der Städte. Am Sonntag wirkten die Siedlungen seltsam unbelebt. Ein paar Jugendliche lungerten vor ausgebrannten Müllcontainern herum.

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Wir fühlten uns zunehmend unsicherer. Schließlich nahmen wir eine Frau mit, die den Weg kannte. Zweimal riet sie uns ab, die vom Navi vorgeschlagene Route zu nehmen. Zu gefährlich, warnte sie. Sie erzählte, dass am Wochenende nur zweimal am Tag ein Bus die Siedlungen mit der nahen Stadt verbinde. Jeder misstraue jedem. Wenn sie mit Einkäufen nach Haue käme, würde sie die nicht in der Tüte vom Supermarkt tragen, sondern in einem Beutel. „Sonst kommen die Nachbarn sofort und wollen sich etwas leihen.“ Wer einen Job habe könne dort nicht wohnen, weil die Verbindungen so schlecht seien. Also würden nur die dort bleiben, die außer der Sozialwohnung nichts besäßen.   

Kurze Zeit später erschien der „Atlas der Gewalt“ Brasiliens. Er wird vom seriösen, staatlichen Forschungsinstitut IPEA herausgegeben sowie dem privaten Brasilianischen Forum für Öffentliche Sicherheit. Die Gemeinde mit den zweithöchsten Mordraten Brasiliens ist genau die Gegend, wo uns das Navi hingebracht hatte. Lauro de Freitas heißt die Gemeinde in der Peripherie Salvadors, nahe des Flughafens der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole. Knapp 200.000 Menschen leben dort. Die Mordrate ist mit 97,7 Ermordeten auf 100.000 Einwohner so hoch, wie sonst nur in den Kriegsgebieten der Welt.

Der „Atlas“ liefert auch sonst ein erschreckendes Bild Brasiliens. Um die Daten fassbar zu machen, sollte man sich vorstellen in einem Land zu leben, in dem jeden Tag eine vollbesetzte Boeing 737 abstürzt. Mehr als die Hälfte davon sind junge Menschen. Danach hat jeder dritte Brasilianer einen Freund oder Verwandten, der ermordet wurde. Zwischen 2005 und 2015 starben 318.000 Jugendliche. Meist durch Schusswaffen. 71 Prozent davon waren Afro-Brasilianer. Die Morde unter Brasiliens Farbigen sind in zehn Jahren um 18 Prozent gewachsen, die der weißen Bevölkerung haben sich um 12 Prozent verringert. Die Mordrate in der afro-brasilianischen Bevölkerung entspricht dem eines Landes im Kriegszustand.

Zum Vergleich: Im Vietnam-Krieg kamen in zwanzig Jahren 1,1 Millionen Menschen um. In Brasilien wurden in den zwei Dekaden seit 1995 1,3 Millionen Menschen ermordet. Der Lebenszyklus der armen brasilianischen Jugendlichen wird immer kürzer: In den achtziger Jahren noch starben sie durchschnittlich mit 25 Jahren einen gewalttätigen Tod; jetzt sind sie 21 Jahre alt. Im Trend nehmen die Mordraten jährlich weiter zu.

Daran wird sich auch nichts ändern, so die Autoren des Atlas, solange in der brasilianischen Gesellschaft Panik und Rachegedanken dominieren. Die Lösung des Sicherheitsproblems erhoffen viele durch eine brutale Polizei und durch noch mehr Gefängnisse. Damit ist auch Lauro de Freitas gesegnet: Die größte öffentliche Investition der letzten Jahre war – neben den Sozialbauten - ein Gefängnis, gegen dessen Bau die Bevölkerung in der Region öfter protestierte.

Die Gemeindepolitiker reagierten empört auf den Spitzenplatz im „Atlas“: Die Morde würden ja gar nicht in der Gemeinde stattfinden, rechtfertigten sie sich. Banden würden dort nur die Leichen derjenigen entsorgen, die sie in der Hauptstadt Salvador umgelegt hätten. Sehr tröstlich.

Noch ein Nachtrag zum Navi: Die Schule ließ sich später problemlos über eine befahrene Hauptstraße ansteuern. Das Navi hatte eben nur den kürzesten Weg gewählt. Und einen erschreckenden Einblick in einen der brasilianischen Hinterhöfe geliefert.

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