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19.07.2017

18:56 Uhr

Weltgeschichten

Ausbruch aus dem Klingengefängnis

VonAxel Postinett

Das Leben in Amerika ist ganz schön teuer. Da kann es schon mal sein, dass man sich zwischen Rasierklingen oder einem Kleinwagen entscheiden muss. Die Frage ist gar nicht so theoretisch, wie ein Selbsttest beweist.

Nehmen wir mal an, ein Mann wird 90 Jahre alt und beginnt mit der Rasur wenn er 20 ist. Dann kommen wir auf 24.920 Tage Tortur mit der Klinge.

Weltgeschichten

Nehmen wir mal an, ein Mann wird 90 Jahre alt und beginnt mit der Rasur wenn er 20 ist. Dann kommen wir auf 24.920 Tage Tortur mit der Klinge.

San FranciscoIch hasse rasieren. Ehrlich. Es versaut einem den ganzen Tag. Nicht nur der zwangsweise Anblick des mürrischen Stoppelgesichts im Spiegel am viel zu frühen Morgen nervt. Die gerade frisch eingelegte 5-Klingenschneide hat schon am zweiten Tag gefühlt die Hälfte ihrer Schärfe eingebüßt und ist am dritten so mit Haarresten verstopft, dass auch das Säubern mit der ausrangierten Zahnbürste kaum was bringt. Die Hautirritationen nehmen zu und alle Tricks der Welt – vom Einlegen in Olivenöl bis zum Trocknen der Klingen mit dem Fön oder Aufbewahrung in einer Box mit Silikatgel zum Austrocknen – helfen wenig, um die Lebensdauer der teuren Klingen zu verlängern. Von der Umweltschweinerei sich bei fließendem Wasser zu rasieren und von den Müllbergen der Plastikgehäuse wollen wir gar nicht erst anfangen.

Im Drogeriemarkt geht dazu das demütigende Rasiererlebnis nahtlos weiter. Verbunkert hinter Panzerglas-ähnlichen Schutzwällen hängen die Ersatzpackungen fest verschlossen in Abwehrhaltung zum Kunden. Nur durch geschicktes Taktieren in den weitläufigen Regalfluchten gelingt es irgendwann, einen der wenigen Warenaufpasser die in einem Drogeriesupermarkt noch übrig sind, abzufangen und zum Klingenregal zu zerren. Mürrisch nesteln er oder sie dann die kostbaren Schneideisen aus der Verankerung.

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Nehmen wir mal an, ein Mann wird 90 Jahre alt und beginnt mit der Rasur wenn er 20 ist. Dann kommen wir auf 24.920 Tage Tortur mit der Klinge. Wir geben einer Hochleistungsklinge eine Lebenszeit von fünf Rasuren, bevor sie anfängt die Haut wie ein Reibeisen zu traktieren. Dann reden wir über einen Lebensverbrauch von 4.984 Klingen.

Der Drogeriemarkt meines Vertrauens in San Francisco will für eine Packung mit acht Klingen der Marke Gillette Fusion 5 Proshield, der Tesla unter den Gesichtsschabern, stolze 43,99 Dollar haben. Das wären dann 27.405 Dollar in einem einzigen Rasiererleben. Kein Wunder, dass es hier um viel Geld geht. P&G hat immerhin 2005 rund 57 Milliarden Dollar für die Gelddruckmaschine Gillette bezahlt. Natürlich geht es billiger, Amazon bietet diese Klingen schon ab 30 Dollar an. Wir gehen jetzt mal davon aus, dass es Originale und nicht stumpfe Kopien sind, und wir sinken mit 18.690 Dollar schon unter die magischen 20.000.

Oder wir wenden uns Start Ups wie Harry’s und Konsorten zu. Die Online-Klingenspender im Abonnement haben einen rasanten Aufschwung in den USA erlebt und setzen Gillette und Co. mächtig zu. In San Francisco tauchen immer mehr „New Price!“-Schilder an den Klingenregalen auf, zehn, 15 oder 20 Prozent Preisnachlass auf Markenware sind keine Seltenheit mehr. Doch reicht das noch?

Laut Marktforscher Slice Intelligence hat „Dollar Shave Club“ heute einen Online-Marktanteil von fast 47 Prozent. Konkurrent Unilever hat das Unternehmen für eine Milliarde Dollar gekauft. Das freche Start Up Harry’s hat sich beachtliche zwölf Prozent des US-Marktes hochgearbeitet und ist mittlerweile schon in den großen Target-Supermärkten vertreten.

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Warum dann nicht in den wirklichen „Ein-Dollar-Shave“-Club eintreten? Als Kind in Düsseldorf habe ich immer mit dem Rasierhobel meines Vaters spielen dürfen. Natürlich erst, nachdem er vorsichtig die doppelschneidige Klinge herausgenommen und mir dann das schwere, chromglänzende Zepter des wahren Mannes in die Hand gelegt hat. Vorsichtig wischte ich dann den Rasierschaum von den Wangen und fühlte mich einfach großartig.

Warum nicht noch einmal probieren? Die Online-Order war schnell platziert, ein Solinger Präzisionsmodell aus schwerem Metall sollte es sein und dazu 100 Klingen der Marke Astra. Alles zusammen 57 Dollar, wovon die Klingen elf Dollar ausmachten. 4.984 Klingen würden also keine 500 Dollar kosten.

Erinnerungen an den Frühstückstisch der Kindheit werden beim Auspacken wach, als der Vater aus dem Badezimmer kam, kleine Stückchen von Toilettenpapier auf der Wange, um kleine Rasierblutungen zu stillen. Also als erstes also mal das Web nach den Stichworten „Rasieren“ und „Blutungen stillen“ durchsucht. Man weiß ja nie.

Behutsam gleitet die fest in den kleinen Hobel eingespannte Klinge über die Wange und zerteilt den dichten Schaum der Rasiercreme, während sie die Barthaare souverän abraspelt. Zwei Lektionen sind wichtig. Erstens: Niemals Druck auf die Klinge ausüben. Sanft gleiten lassen, den Rasierer ungefähr bei 30 Grad angewinkelt. Zweitens: Gut einschäumen und wirken lassen. Dann im ersten Durchgang einmal glatt durchziehen, in einem zweiten Durchgang die Stellen rannehmen, die beim ersten Durchgang vergessen wurden.

Nach über vier Wochen kann der persönliche Rasiertest als erfolgreich bezeichnet werden. Nach fünf Rasuren wird eine Klinge ausgetauscht, obwohl sie eigentlich noch länger halten könnte. Nach jeder Morgenrasur wird der Rasierkopf gelockert, die Klinge entspannt sich und wird unter warmem Wasser ausgespült. Man könnte sie jetzt noch rausnehmen und mit Papier trockentupfen. Aber das muss bei dem Preis nun wirklich nicht mehr sein. Die Säuberungsaktionen der Zwischenräume in den Klingenboxen mit einer ausgemusterten Zahnbürste dagegen war absolute Notwendigkeit, damit sie wenigstens die erhofften fünf, vielleicht sogar sieben, Rasuren durchhalten.

Glatt rasiert mit dem angenehmen Gefühl des wuchtigen Rasierers in der Hand und noch dazu jede Menge Geld gespart. Mehr kann man sich nicht wünschen. Oder doch? Die Klingenfirma Astra aus Osteuropa hat wer gekauft? Genau: Gillette. Mal sehen, wann die Preise galoppieren lernen, wenn sich der Retro-Trend durchsetzt.

Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich immer noch einen Fünf-Klingen-Rasierer habe und nutze. Auf Reisen, wenn ich fliegen muss. Mit einer scharfen Rasierklinge im Handgepäck will man an US-Flughäfen nicht erwischt werden. Und solche Klingen am Zielort im stationären Handel zu finden ist praktisch unmöglich. Eine einsame Klinge für 25 Dollar als Gepäck einchecken ist jedenfalls keine Lösung. Also kaufe ich halt einen Satz der teuren Nachfüll-Klingen im Jahr. Damit kann ich leben. Aber kann Gillette das auf Dauer auch?

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