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02.10.2017

19:26 Uhr

Weltgeschichten

Eine Reise in die Unterwelt

VonThomas Jahn

Die U-Bahn in New York ist bei den Einwohnern so berüchtigt wie beliebt. Steinzeitalte Anlagen und steigende Nutzerzahlen sorgen für Probleme. Ein Streit zwischen dem Bürgermeister und dem Gouverneur hilft auch nicht weiter.

Mit 472 Stationen ist die New Yorker U-Bahn die größte der Welt.

Weltgeschichten New York

Mit 472 Stationen ist die New Yorker U-Bahn die größte der Welt.

New York CityNew York ist eine Stadt der Gegensätze. In Boutiquen in Soho hängen Kleider für tausende Dollar, doch wer sich die ansehen will, muss aufpassen – die Bürgersteige und Straßen sind voller Löcher und Stolperfallen. In Kneipen wie dem McSorley's Old Ale House liegen noch wie vor hundert Jahren die Sägespäne auf dem Boden, an den Tischen sitzen trotzdem Models in Stöckelschuhen.

Einer der zweigespaltenen Orte von New York ist die U-Bahn. Elegant angezogene Menschen stehen auf den unterirdischen Steigen, in denen sich Ratten auf den Gleisen tummeln oder noch Tage nach einem Regenguss das Wasser von der Decke tropft. Ich empfehle den Besuch der Station Chamber Street von der braunen J-Linie: Die Kachelkathedrale unter der Erde ist die Mühe wert.

Anzeigetafeln mit der Ankunftszeit? Gibt es so gut wie nicht. Erfahrene New Yorker strecken die Hand heraus, um am Fahrtwind die Ankunft einer U-Bahn zu erfühlen. Museumsreif sind die quietschenden Gitterböden am Union Square, die bei jedem neuen Zug ausfahren, um die Lücke zum Bahnsteig zu überbrücken. Als vor vielen Jahren ein Feuer die Schaltanlagen von der blauen A und C zerstörte, dauerte es Wochen, bis die Züge wieder gingen – so lange brauchte es, die Ersatzteile für die 1932 installierten Anlagesysteme zu besorgen.

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Ein Spaziergang durch New York offenbart: Immer mehr Läden stehen leer. Traditionskaufhäuser wie Saks versuchen, neue Wege zu gehen. Aber eines können sie nicht ändern: die unerbittlich steigenden Mieten in Big Apple.

Durchschnittlich transportiert die Metropolitan Transportation Authority (MTA) am Tag ganze sechs Millionen Menschen, mit stark steigender Tendenz. Die Stadt wächst, die U-Bahn ist verhältnismäßig schnell, preiswert und verlässlich. Alle paar Minuten jagt ein Zug in die Station, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Mit 472 Stationen ist die New Yorker U-Bahn die größte der Welt.

Aber seit einiger Zeit häufen sich die Probleme. Eine Freundin von mir saß vor wenigen Tagen ein halbe Stunde in der roten 2 Linie fest. Monatlich kommt es fast zu 75.000 Verspätungen. War die Linie 1.2007 noch 94 Prozent der Fahrten pünktlich, so liegt der Wert in diesem Jahr bei nur 70 Prozent. Ähnliche dramatische Abfälle sind bei allen anderen Linien zu verzeichnen.

Ein Teil des Problems liegt im Erfolg der U-Bahn: Rund ein Drittel der Verspätungen erfolgen aufgrund von „Overcrowding“ auf den Gleisen. Es dauert schlicht zu lange, bis sich die Menschenmassen aus und in die Wagons bewegt haben. Ähnlich gibt es in Japan zu Stoßzeiten jetzt sogenannte „Plattform Controller“, die die Passagiere in die Züge lotsen.

Auch investiert die MTA nicht genügend. Beispiel Signalanlagen: Die stammen größtenteils noch aus der Vorkriegszeit. Bislang modernisierte das öffentliche Unternehmen erst eine einzige Linie von insgesamt 22. Wenn es in dem Tempo weiter geht, wird es ein halbes Jahrhundert dauern, bis das ganze System auf Trab gebracht wurde. Allerdings wäre dann die heute installierte Technik wieder heillos veraltet.

Ein Grund für die langsamen Reformen sind die Kosten. Die Budgetkontrolle hat nicht die Stadt, sondern der Bundesstaat. Da gibt es ein großes Problem: Bürgermeister Bill de Blasio ist sich spinnefeind mit Gouverneur Andrew Cuomo. Beide streiten sich über den Haushaltsposten MTA, der sich im gegenwärtigen Fünf-Jahres-Plan auf stolze 29,5 Milliarden Dollar beläuft. Falls sie einmal in New York sind und sich in der U-Bahn wie im Museum fühlen – so ganz daneben liegen sie nicht. Schauen sie sich alles gründlich an, Zeit dazu werden sie mehr denn je haben.

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