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22.05.2017

11:38 Uhr

Weltgeschichten

Nukleare Panikmache

VonMartin Kölling

Nordkoreas Raketentests sorgen weltweit für Schlagzeilen. Doch während Südkorea noch immer relativ gelassen reagiert, beginnt in Japan plötzlich eine nukleare Panikmache.

Als Werbeeinblendung begrüßte mich auf japanisch der „Atomangriff-Überlebender-Song“. „Die Taepodong-Atomrakete ist gestartet“, ging das Lied los.

Weltgeschichten

Als Werbeeinblendung begrüßte mich auf japanisch der „Atomangriff-Überlebender-Song“. „Die Taepodong-Atomrakete ist gestartet“, ging das Lied los.

TokioAls Kind des Kalten Krieges in Europa bin ich an Diskussionen über Atombomben gewöhnt. Dennoch verblüffte mich jüngst ein Youtube-Besuch mit der mentalen Einstimmung auf einen nordkoreanischen Atomangriff auf Japan. Als Werbeeinblendung begrüßte mich der „Atomangriff-Überlebender-Song“. „Die Taepodong-Atomrakete ist gestartet“, ging das Lied los. In fünf Minuten würde sie ankommen, das wahrscheinliche Ziel ein Park in Tokios Stadtteil Shinjuku, dem Amtssitz der Stadtregierung. Es folgten eine Reihe nützlicher Überlebenstipps. Dann greife man sich Jacke und eine Flasche Wasser und renne zur nächsten U-Bahnstation.

Schließlich hat Eizo Nomura 1945 nur 170 Meter vom Epizentrum der ersten Atombombe in einem Kellerraum des heutigen Denkmals überlebt. Und dann beruhigt mich der Autor noch mit dem recht geringen Radius einer kleinen Bombe vom Ausmaß Hiroshimas, die Nordkorea wahrscheinlich besitzt. Und mit dem Gesetz der Sieben: Nach sieben Stunden ist die Radioaktivität bereits auf zehn Prozent des ursprünglichen Werts gesunken, nach 49 Stunden (sieben mal sieben) auf ein Prozent. Gut zu wissen, war meine erste Reaktion. Aber gleich danach fragte ich mich, ob der Zeitpunkt des Liedes Zufall, oder Teil eines elaborierten Plans von Ministerpräsident Shinzo Abe ist, Panik zu verbreiten und so Nordkoreas rasante Fortschritte bei der Atom- und Raketentechnik für seine politischen Pläne zu nutzen. 

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Seit langem will Abe die pazifistische Verfassung ändern, um Japans „Selbstverteidigungskräfte“ rechtlich als ordentliche Soldaten zu legitimieren und zu vollwertigen Bündnispartnern der USA zu machen. Doch um das zu schaffen, muss er zuerst den Widerstand der Bevölkerung brechen, die bis vor wenigen Monaten mehrheitlich gegen jegliche Verfassungsänderung war. Also nutzt er die Gunst der Stunde um Angst in die pazifistischen Seelen der Japaner zu kneten. Auf dem Höhepunkt der jüngsten Korea-Krise lancierte die Regierung zuerst Pläne für eine mögliche Evakuierung der Japaner aus Koreas kapitalistischem Süden, dann warnte Abe im Parlament vor Giftgasangriffen aus dem Norden. Zudem dachte die Regierung laut darüber nach, die eigene Raketenabwehr zu verstärken und sich aufzurüsten. Das Militär könnte nun Waffen bekommen, um nordkoreanische Abschussbasen anzugreifen.

Und als Sahnehäubchen seiner Eskalationsstrategie servierte Abe nun sein Endziel: Bis 2020 will er den Artikel 9 der Verfassung revidieren, der Japan den Besitz von Kriegspotenzial verbietet. Dafür braucht er nicht nur eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, sondern auch die Zustimmung des Volkes. Daher wird an den Graswurzeln der Gesellschaft Stimmung gemacht. Im März fand die erste Zivilschutzübung für einen möglichen Raketenangriff statt – im Beisein eines Abe-Beraters. Das Epizentrum der Panikmache war dabei strategisch günstig gewählt. 

Der Drill wurde in Oga durchgeführt, einer Provinzstadt in der nordwestlichen Präfektur Akita. Die Botschaft in meinen Augen: Niemand in Japan ist sicher vor Nordkoreas Raketen. Und als Teilnehmer hatte sich die Regierung Grundschüler ausgesucht, wohl um an den Beschützerinstinkt der Japaner zu appellieren. Der Schulleiter gab den Japanern seine Lehre mit auf den Weg: Erdbeben und andere Katastrophen probe man ja schon immer. Nun müsse man wohl auch Raketentests einstudieren. Weitere Übungen in anderen Teilen des Landes folgen seitdem. 

Auch die Zentralbehörden reagieren. Zugeben: Im Zivilschutzratgeber der Stadt Tokio spielt Krieg seit langem eine Rolle, allerdings nur eine kleine. Der meiste Platz wird großen Gefahren wie Mega-Erdbeben und Feuer eingeräumt. Terror-, Raketen- und ABC-Waffenangriffe werden hingegen in der Rubrik „andere Desaster und Gegenmaßnahmen“ noch hinter Taifunen, Starkregen, Erdrutschen, Tornados, Schneefall und Vulkanausbrüchen knapp abgehandelt. 

Doch plötzlich wird die Raketengefahr prominenter platziert: Auf der Internetseite des Amts für Katastrophenschutz rangiert eine To-Do-Liste für den Fall eines Raketenangriffs gleich unter dem Linkverzeichnis der Seite – noch vor einem Beispiel für den Sirenenton. Dankenswerterweise erklären die Katastrophenschützer anderswo auch die Auswirkungen einer Hiroshima-Bombe nüchtern im Detail. Beim Lesen des Schriftstücks beschlich mich das Gefühl, dass der Leitfaden dem Texter des Songs als Informationsquelle gedient hat. 

Die amtliche Nervositätsverbreitung nimmt dabei fast schon groteske Formen an: Bei einem Raketentest Nordkoreas Ende April stoppte die Tokioter U-Bahngesellschaft für zehn Minuten all ihre Züge – allein auf der Grundlage von Medienberichten. Es war vielleicht vorauseilender Gehorsam oder ein gezielter Schritt: Wie dem auch sei, er zeigte Wirkung: Auf einmal einigten sich 90 Prozent der Bahngesellschaften darauf, alle Räder zu stoppen, sobald Japans landesweites Warnsystem J-Alert offiziell vor einer Rakete warnt. Bisher dachte niemand an die Gefahr.

Zum Glück sind Japans hochentwickelte Radarsysteme so sensibel, dass sie schon früh die Flugbahn ballistischer Geschosse bestimmen können und somit zwischen Test und Angriff zu unterscheiden. Als Nordkorea am Sonntag erneut eine Mittelstreckenrakete testete, blieb J-Alert stumm und die Züge fuhren weiter. Doch die Stimmung bei den Wählern scheint sich langsam zu Abes Gunsten zu drehen. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo vom Wochenende sind inzwischen 56 Prozent der Japaner dafür, die Selbstverteidigungskräfte auch ausdrücklich in der Verfassung als Japans Militär zu bezeichnen. Das ist einer der bisherigen Höchstwerte. Ich gehe daher davon aus, dass die Panikmache vor einem Angriff Nordkoreas künftig noch zunehmen wird, um mehr Japaner ins Lager der Verfassungsänderer zu treiben.

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Das einzig Gute an der japanischen Form der Panikmache ist, dass Behörden, Medien und Organisationen nicht Fatalismus oder Zynismus verbreiten, sondern das Gefühl, dass wir Menschen unser Überleben durch gute Vorbereitung sichern können. Ich denke, dass der Umgang mit der steten Bebengefahr der Grund dafür ist. 

So fragte ich einmal einen Katastrophen-Experten, warum alle Erdbebensimulationen für Tokio nur auf einem Erdbeben mit einer Magnitude von 7 und nicht 8 basieren würden. Seine Antwort: Man müsse sich für den handhabbaren Ernstfall bereit machen, damit die Menschen sich auch wirklich vorbereiten würden. Dann könnten mehr Menschen eine noch größere Katastrophe überstehen. 

Ich finde seine Antwort noch immer sehr weise. Mein Überlebensrucksack für die kommende Erdbebenkatastrophe steht jedenfalls mit Wasser, Notrationen, Erste-Hilfe-Kit, Kleidung, Helm, kleinen Solarzellen und Kochgeschirr, fertig gepackt neben meinem Schreibtisch. Er wird mir sicher auch bei Raketenangriffen gute Dienste leisten.

Kommentare (2)

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Herr Wolfgang Wüst

22.05.2017, 12:49 Uhr

Wen bitte wundert das? Japan ist das einzige Land der Erde mit einem Kernwaffen-Trauma.

Herr Martin Koelling

22.05.2017, 15:24 Uhr

Nur ist die Bedrohung durch nordkoreanische Atomraketen nicht grundsätzlich neu. Der große Unterschied ist, dass Ministerpräsident Abe die allgemeine Aufregung nützt, um mit dem Anstochern des atomaren Traumas seine politische Agenda voranzubringen. Übrigens haben beide Koreas ebenfalls ein riesiges Trauma, den Korea-Krieg. Und im Süden ist es immer noch recht ruhig, was Übungen angeht. Denn die Regierung will wohl die schwelenden Ängste vor einem Angriff nicht anfachen.

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