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21.12.2016

16:54 Uhr

Weltkolumne

Der Pulli des Grauens

VonKerstin Leitel

Derzeit sind die Briten besonders wagemutig: Überall auf der Insel laufen Menschen mit seltsamen Pullis herum. Nur die Premierministerin scheint bei diesem Trend nicht mitzumachen – aus gutem Grund. Eine Weltgeschichte.

Weltgeschichten-Stempel-2016-12-19

LondonDie Briten gelten nicht unbedingt als das modischste Volk auf dieser Welt: Viele lästern über die auf der Insel so beliebten altbackenen Twin-Sets, Gummistiefel oder Karo-Outfits. Aber an einem Tag im Jahr zeigen sich viele Briten in einem besonders ausgefallenen Outfit: Einem dicken Strickpullover mit Weihnachtsmotiv. Selbst manch ein Investmentbanker, der sonst nur mit schnieken Anzug in der City unterwegs ist, zieht sich einen der so populären Strickmonster über.

Pullis mit einem dicken Santa Claus, mit Rudolph dem Rentier oder auch nur blinkenden Weihnachtsbäumen sind gefragt und sorgen schon Wochen vor Weihnachten für Gesprächsstoff. Zeitungen und Zeitschriften geben Tipps, wo die besten (beziehungsweise hässlichsten) Exemplare dieses Jahr zu kaufen sind, Kaufhäuser werben mit der diesjährigen Kollektion. Sogar die deutschen Discounter Aldi und Lidl haben auf der Insel solche Motiv-Pullis im Sortiment.

Eigentlich ist nur der 16. Dezember „Christmas Jumper Day“, aber viele Briten feiern den Trend ausgiebig - lange vor und nach dem Stichtag. Hinter der Aktion steht eine wohltätiger Gedanke: Jeder, der einen solchen Pulli trägt, sollte zwei Pfund (2,40 Euro) an „Save the Children“ spenden.

Rot, grün und weiß sollte der Pullover sein, und - nach Einschätzung der britischen Zeitung „Telegraph“ - kann man dieses Jahr mit einem dicken Santa, einem Schneemann mit tatsächlich hervorstehender Karrottennase oder einem 3D-Rentier punkten.

Aktuell angesagt sind aber auch Pullis mit weihnachtlichen Szenen aus dem Star-Wars-Universum, Pullis mit blinkenden, eingenähten LED-Lämpchen und Pullis mit Ninja-Lebkuchenmännern. Der Pulli sollte grob gestrickt sein, um am Hals ein leichtes Kratzen zu verursachen, empfiehlt die Zeitung ihren Lesern.

Selbst Politiker machen mit. So hat sich etwa Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei, in einem Pullover ablichten lassen und erklärt, für „Save the Children“ zu spenden, auch wenn unklar ist, ob sein recht dezentes Oberteil tatsächlich den Kriterien für einen „Christmas Jumper“ entspricht.

Premierministerin Theresa May hat sich nicht in einem solchen Pulli blicken lassen. Aus vermutlich gutem Grund: Die Garderobe der modebewussten Politikerin hat bereits einen heftigen Streit ausgelöst. Für ein Interview hatte sich die 60-Jährige in einer modischen, braunen Lederhose ablichten lassen. Für dieses Kleidungsstück, fand die Presse schnell heraus, fordert die britische Designerin Amanda Wakeley 1000 Pfund, umgerechnet 1190 Euro.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Eine solche Summe habe sie allenfalls für ihr Hochzeitskleid ausgegeben, ätzte die Abgeordnete Nicky Morgan daraufhin – und wurde Medienberichten zufolge postwendend zur „persona non grata“ in Mays Regierungssitz erklärt. Seitdem steht May in der Kritik – nicht nur wegen der Hose, sondern auch wegen der Reaktion von ihren Vertrauten auf Morgans Kommentar. Vielleicht hätte die Premierministerin doch einen Christmas Jumper anziehen sollen.

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