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02.07.2000

17:40 Uhr

Polizei hat Abu-Sayyaf-Rebellen in Verdacht

"Spiegel"-Reporter offenbar auf Jolo entführt

Ein Reporter des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ist offenbar am Sonntag auf der philippinischen Insel Jolo entführt worden. Der Polizeichef der Region Sulu, Candido Casimiro, teilte mit, Andreas Lorenz sei bei dem Ort Patikul mit vorgehaltener Waffe von Mitgliedern der islamischen Rebellengruppe Abu Sayyaf verschleppt worden. Der Leiter der Auslandsredaktion des "Spiegel", Olaf Ihlau, nahm den Bericht nach eigenen Angaben sehr ernst. Die philippinische Zeitung "Daily Inquirer" veröffentlichte einen Brief der deutschen Geisel Renate Wallert, in der sie ihre Situation als erbärmlich beschrieb.

ap/dpa/afp JOLO. Ihlau sagte, der 48-Jährige recherchiere seit Freitag auf Jolo über die Entführung von 20 Menschen, unter ihnen die Familie Wallert, die am Ostersonntag auf der malaysischen Ferieninsel Sipadan gekidnappt worden waren. Laut Casimiro traf sich Lorenz am Sonntag in der Stadt Jolo in einem Cafe mit vier Männern, von denen drei mit Pistolen bewaffnet waren. Dann seien die Männer, Lorenz und dessen Fahrer Yahco Paradji mit dem Mietwagen des Journalisten in das benachbarte Dorf Kasalamatan bei Patikul gefahren, sagte Casimiro. Dort wiesen die Männer den Fahrer an, den Wagen zu stoppen.
Laut Paradji umstellten daraufhin andere bewaffnete Männer das Auto und bedrohten Lorenz. Dieser habe sich zunächst gewehrt, sei dann aber mit vorgehaltener Waffe verschleppt worden. Die Polizei erhielt später nach eigenen Angaben Informationen, wonach Abu-Sayyaf-Rebellen des Anführers Radulan Sahiron den Reporter in dem Dorf Ladi festhalten.

Reporter musste schon einmal frei gekauft werden

Ihlau sagte, Lorenz habe sich beim "Spiegel" zuletzt am Samstag telefonisch gemeldet. Unmittelbar vor der Entführung telefonierte er am Sonntagvormittag mit seiner Familie und sicherte dabei zu, in der Nähe der Stadt Jolo bleiben zu wollen. Ihlau betonte, Lorenz gehöre zu den erfahrensten Reportern des "Spiegel" und habe es nicht nötig, sich durch waghalsige Aktionen besondere Meriten verdienen zu wollen.
Der Journalist war bereits Anfang Juni auf dem Weg zum Lager der Geiseln zusammen mit zehn weiteren Personen - unter ihnen Mitarbeiter der Fernsehsender ZDF, Sat1 und RTL - von Abu-Sayyaf-Kämpfern festgehalten worden. Die Gruppe kam aber gegen Zahlung von 25 000 $ (rund 52 000 DM) Lösegeld noch am selben Tag frei. Laut Ihlau gingen in der Redaktion bis Sonntagnachmittag keine Lösegeldforderungen ein. Betende und fastende Prediger leisten verzweifelten Geiseln Gesellschaft

In einem verzweifelten Brief der Göttingerin Renate Wallert machten die Geiseln derweil erstmals seit Wochen wieder selbst auf ihre Lage aufmerksam. Sie seien "in einer jämmerlichen Situation und leben unter den schlimmsten Umständen", hieß es in dem Schreiben. "Sie können sich nicht vorstellen wie es ist, für mehr als zwei Monate unter solch schrecklichen Umständen festgehalten zu werden", schrieb Frau Wallert weiter.
philippinische Polizei sorgte sich unterdessen um 13 Mitglieder einer christlichen Gruppen, die den Geiseln am Samstag Reis und Trinkwasser brachten. Der Rebellenführer Ghalib Andang erklärte, die Prediger hätten darum gebeten, mindestens 40 Tage im Dschungellager bleiben zu dürfen. Sie wollten für die Geiseln beten und fasten. Andang sagte, dem Wunsch der Gruppe sei entsprochen worden; sie dürfe die Entführten aber nur eine Stunde pro Tag sehen.

Regierung kappt den Kontakt zu den Gangstern

Die Mittelsmänner der Regierung setzten derweil ihre regelmäßigen Kontakte zu den Kidnappern vorübergehend aus. Gouverneur Tan habe dies angeordnet, solange er sich in der Hauptstadt Manila um die Wiederaufnahme von Arztbesuchen und Hilfstransporten für die Geiseln bemühe, berichtete ein Abgesandter Tans am Sonntag. Die Entführer verweigern Besuche durch Mediziner und Hilfsgütern, um die philippinische Regierung zu schnelleren Verhandlungen zu zwingen.

Chronologie: Die Entführung begann vor knapp zehn Wochen

Die Entführten waren vor fast zehn Wochen von der malaysischen Taucherinsel Sipadan in den Dschungel der benachbarten südphilippinischen Insel Jolo verschleppt worden. Unter den Geiseln sind auch zwei Finnen, zwei Franzosen, zwei Südafrikaner, zwei Philippiner, acht Malaysier und eine Libanesin. Eine malaysische Geisel war vor gut einer Woche überraschend freigelassen worden.



23. April: Schwer bewaffnete Rebellen der moslemischen Extremistengruppe Abu Sayyaf stürmen ein Restaurant am Strand der malaysischen Ferieninsel Sipadan und bringen 21 Menschen in ihre Gewalt. Unter ihnen sind Vater, Mutter und jüngster Sohn der deutschen Familie Wallert aus Göttingen sowie zwei Franzosen, zwei Finnen, zwei Südafrikaner, eine Libanesin, neun Malaysier und zwei Philippiner. Die Entführer verschleppen die Geiseln auf die südphilippinische Insel Jolo.

1. Mai: Das philippinische Fernsehen zeigt ein erstes Video, auf dem die Geiseln zu sehen sind. Eine Ärztin bringt ihnen erstmals Nahrungsmittel und Medikamente.

3. Mai: Die Kidnapper verlassen mit den Verschleppten ihr Camp im Dschungel. In den folgenden Tagen wechseln sie häufiger ihr Versteck.

4. Mai: Die philippinische Regierung lehnt die Forderung ab, das Militär aus Jolo abzuziehen.

8. Mai: Der Unterhändler Nur Misuari, Gouverneur von Mindanao, wird durch den religiösen Führer Ghazali Ibrahim abgelöst.

9. Mai: Die Geiselnehmer durchbrechen mit allen 21 Entführten den militärischen Belagerungsring.

10. Mai: In die Verhandlungen wird der von der Abu Sayyaf akzeptierte libysche Diplomat Radschab Assaruk eingeschaltet.

11. Mai: Die Entführer verlangen Lösegeld - sie nennen dies Entschädigung für «Kost und Logis».

16. Mai: Der Präsidentenberater Roberto Aventajado wird neuer Chefvermittler.

17. Mai: Die Entführer fordern für die Freilassung von Renate Wallert umgerechnet mehr als vier Millionen Mark. Die Bundesregierung lehnt dies ab.

22. Mai: Die Geiselnehmer machen die Schaffung einen islamischen Staats im Süden des Landes zur Bedingung für die Freilassung.

27. Mai: Die ersten direkten Gespräche zwischen Chefvermittler Aventajado und den Rebellen finden in dem Dorf Bandang auf Jolo statt.

2. Juni: Mehrere deutsche Journalisten werden von den Rebellen auf dem Weg ins Dschungelcamp festgehalten und erst nach Zahlung von umgerechnet 50.000 Mark wieder freigelassen.

7. Juni: Die Rebellen lehnen das Angebot einer erweiterten Autonomie für die Südphilippinen ab.

11. Juni: Die westlichen und die asiatischen Geiseln werden getrennt.

24. Juni: Die Entführer lassen einen 29-jährigen Malaysier frei.

26. Juni: Die Göttinger Eheleute Wallert und ihr Sohn Marc haben erstmals seit der Trennung der Geiselgruppen Kontakt zu einem Vermittler der philippischen Regierung.

28. Juni: Deutschland, Frankreich und Finnland sprechen sich für die Zahlung von Entwicklungshilfe anstelle von Lösegeld aus.

29. Juni: Die Entführer bieten Deutschland und den Herkunftsländern der anderen Geiseln direkte Verhandlungen an.

30. Juni: Die Kidnapper kündigen an, die Verteilung von Medikamenten für die zehn westlichen Geiseln einzustellen. Nach ihren Angaben erleidet die im vierten Monat schwangere Südafrikanerin Monique Strydom eine Fehlgeburt.

2. Juli: Der deutsche «Spiegel"-Korrespondent Andreas Lorenz wird nach Polizeiangaben auf Jolo entführt. Möglicherweise nehmen die Kidnapper auch einen christlichen philippinischen Fernsehprediger und zwölf seiner Anhänger als Geiseln, die trotz Warnungen in das Lager fahren.

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