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04.01.2001

18:41 Uhr

Pons-Wörterbücher, Heureka-Klett und Klett-Learntraining sind potenzielle Kandidaten – Geschäft rund um Inhalte

Klett-Verlag will Töchter fit für die Börse machen

VonANDREA JOCHAM, H-P. SIEBENHAAR

Mit dem Schulbuch lässt sich keine goldene Nase mehr verdienen. Der Stuttgarter Klett-Verlag - Marktführer in diesem Segment - sucht daher nach neuen Geschäftsfeldern. In Zukunft will das traditionsreiche Medienunternehmen mit dem Handel im Internet wachsen.

STUTTGART. Die Verlagsgruppe Klett - seit über 100 Jahren in den Händen der gleichnamigen Familie- will im großen Stil umbauen: Klett plant sich als umfassender Bildungsanbieter zu profilieren. Die Stuttgarter, die heute als Inbegriff des deutschen Schulbuchverlages gelten, setzen auf ein Mix von Text- und Übungsbuch, Hotline, Chatroom und digitalen Begleitern. So wollen sie ihre starke Marktposition im 21. Jahrhundert sichern.

Mit Heureka-Klett ist die Gruppe schon jetzt einer der größten Anbieter von Lernsoftware. Insgesamt heißt die Marschrichtung Internet. Derzeit überlegt Klett, die auf CD-Rom erscheinende Software von Heureka-Klett online anzubieten. Rund 10 Mill. DM pro Jahr will die Gruppe in das Internet investieren. Längst denkt Verleger Michael Klett, der die Gruppe seit 1969 führt, auch über den Börsengang von Firmentöchtern in Zukunftsmärkten nach. So will er die neuen Investitionen im Internet finanzieren. Neben Heureka-Klett ist Klett-Learntraining potenzieller Kandidat für das Parkett.

Die Börsengänge haben für die Stuttgarter noch einen Zweck jenseits des Internets: "Wir machen einen Börsengang, wenn wir erkennen, dass wir einen Markt besetzen müssen", sagt Klett-Finanzchef Arthur Zimmermann. So verfolgt der Verlag mit den Pons-Wörterbüchern nach eigener Aussage eine Weltmarktstrategie. Die Marke Pons soll mehr Lernprogramme für Sprachen anbieten. Mit Pons macht Klett derzeit einen Umsatz von rund 22 Mill. DM und will ab 2001 schwarze Zahlen schreiben. Trotz der Börsenpläne für die Töchter erklärt Klett: "Wir wollen ein selbstständiges Unternehmen und ein Familienunternehmen bleiben.

Mit Klett-Lerntraining, einer Art virtueller Nachhilfe per Internet, hat Klett bereits ein Standbein in der New Economy. Die Stuttgarter haben außerdem den schulfreien Nachmittag im Visier, den sie mit Online-Lernen füllen wollen. Klett erwartet, dass die neue Mobilfunkgeneration UMTS ab 2004 den Durchbruch beim Online-Lernen bringen wird. Er kritisiert, dass trotz aller Sonntagsreden nach dem Motto "jedem Kind sein Notebook" nicht absehbar sei, wann und wie die Schulen sich an das Netz schlössen. Dabei verlangten die neuen Lernmöglichkeiten eine "ganz andere Gestaltung des Schulwesens". Am Frontalunterricht, dessen Wurzeln in den Kadettenanstalten des 16. Jahrhunderts zurück reichen, habe sich wenig geändert, bedauert der Verleger. Klett setzt daher auf das Geschäft mit dem Nachmittag.

Bei Klett-Learntraining geht es nicht nur darum, bisherige Klett-Arbeitshefte ins Internet zu stellen. Sie sollen mit Dienstleistungen ergänzt werden. So können sich Abiturienten Probeklausuren nicht nur herunterladen, sondern auch von einem "Trainer" korrigieren zu lassen.

Äußerlich ist am Stuttgarter Sitz allerdings noch wenig von Aufbruchsstimmung zu spüren: Ein verschachtelter Backsteinbau mit abgetretenen Linoleum-Böden und Holzpaneelen an den Wänden verbreitet die Atmosphäre der 60er Jahre. Selbst nutzt Michael Klett das Web kaum. Aber der agile 62jährige treibt die strategische Neuausrichtung seines Verlages auf die digitale Zukunft mit Hochdruck voran. Er will verhindern, dass Klett wegen sinkender Schülerzahlen und schärferem Wettbewerb bei Schulbüchern wie in den 80er Jahren an den Rand einer Krise gerät.

Schon in den 90ern hatte sich Michael Klett vom Konzept eines klassischen Schulbuchverlages verabschiedet. Und das, obwohl Klett hier noch immer die höchsten Renditen von 8 bis 11 % des Umsatzes erzielt. Rund 18,2 % des Umsatzes bestreitet die Gruppe aber inzwischen mit den Fernschulen, die sie in den vergangenen sechs Jahren übernommen hat. Zudem baut sie einen Fernstudiengang für Informatik in Darmstadt auf. 1999 machte die Sparte erstmals Gewinn.

Chancen sieht Klett heute im Markt für Nachhilfeprodukte, den er allein offiziell auf 800 Mill. DM beziffert. Darüber hinaus rechnet er damit, dass die "Nebenwerke" - also Arbeitsmaterialien zu den Schulbüchern - in den nächsten fünf Jahren rund die Hälfte des Schulbuchgeschäfts ausmachen könnten, gegenüber heute etwa einem Drittel. Das ist Zukunftsmusik: Vorraussichtlich liegt es im laufenden Jahr an den rückläufigen Umsätzen bei den "Nebenwerken", dass die Klett-Gruppe ihre Ziele nicht erreichen kann.

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