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28.01.2003

10:00 Uhr

Porträt

Der Getriebene

VonMartin Noe´, Handelsblatt

Sigmar Gabriel wird vom Kanzler gerne als das größte politische Talent der SPD gepriesen. Doch jetzt scheint der niedersächsische Ministerpräsident zum Opfer seines Förderers zu werden. Gabriel reagiert mit panischen Vorschlägen. Und fragt sich, wo seine Zukunft liegt.

Es muss sieben Uhr abends werden an diesem langen Tag, bis Sigmar Gabriel das erste Mal Grund zum Lachen hat. Meckernd, fistelig, irgendwie unpassend blubbert es aus dem Trumm von Mann heraus und breitet sich in der Künstlergarderobe des Wilhelmshavener Pumpwerks aus. Hebt ab vom langen, papiergedeckten Tisch, streicht an den Spiegeln vorbei mit ihren teils schon erloschenen Birnen und bleibt irgendwo an der spinnwebenverhangenen Decke hängen. Noch einmal zitiert der Ministerpräsident aus der Forsa-Umfrage, die ihm die Staatskanzlei hier an die Küste nachgefaxt hat: "37 Prozent können sich Sigmar Gabriel als Kanzler vorstellen. 25 Prozent Roland Koch." Kicher. "Gibt es eigentlich eine Sprungbeförderung?"

Sieht ganz so aus, als wäre dies das Einzige, was Sigmar Gabriel politisch noch retten könnte. Folgt man den Umfragen, steht der CDU-Kandidat Christian Wulff knapp vor der absoluten Mehrheit, die mit ihm verbündete FDP liegt bei gut fünf Prozent, und die SPD dümpelt seit Wochen bei 36 Prozent herum. Regierungschef wird Gabriel nach dem 2. Februar nur dann bleiben, wenn die Liberalen nicht in den Landtag kommen und die Wahlforscher grob danebenliegen.

"Kämpfen, Junge, kämpfen", hat ihm Bundeskanzler Gerhard Schröder geraten, wohl wissend, dass er für Gabriels Absturz in den Umfragen verantwortlich ist. So rennt Gabriel durchs Land, von Kundgebung zu Diskussionsrunde, von Pressekonferenz zu Landfrauen-Frühstück: piekfein im grauen Anzug mit Weste durch sein pfützenübersätes, matschbraunes Reich. Die dunklen Haare straff nach hinten gestrichen, als wollte er sein breites Gesicht ein wenig windschnittiger machen.

Jetzt also Pumpwerk Wilhelmshaven, ein Kulturzentrum. Schwarz gestrichene Wand, plumpe Kiefernholzbretter, sieht nach Punk-Rock aus, nach Dixieland, ein Ort der Rest-Engagierten. So wirkt auch Gabriel. Als könnte er sich selbst nicht mehr hören. Wirft den drei- oder vierhundert Leuten ein paar Brocken aus seiner Rede hin. Redet vom "Raubzug durch die Sozialkassen", den die CDU plane. Sagt: "Lieber ein Drei-Liter-Auto und die Ökosteuer als ein Krieg für Öl." Es lohnt nicht, die Argumente wiederzukäuen.

Nach 35 Minuten hat er schon keine Lust mehr. Vergisst sogar, die Landtagskandidaten vorzustellen. Lässt sich beklatschen. Schreibt vereinzelt Autogramme. Drängt durch die Menge, Richtung Theke, und wahrscheinlich wäre er gar nicht mehr zu sich gekommen, wenn sich ihm nicht zwei Männer von der örtlichen Bürgerinitiative gegen den geplanten Tiefseehafen in Wilhelmshaven in den Weg gestellt hätten, vor der Brust eine selbst gebastelte Plexiglasbox. Darin ein aufgemalter Strand, ein wenig blaues Meer und, in den Sand gesteckt, ein Eine-Milliarde-Euro-Schein: der Preis für den Hafen, der hier die Strandkörbe verdrängen soll.

"Darf ich fragen, welchen Beruf Sie haben", fragt Gabriel den Wortführer. Als der "Soldat" antwortet, hat er ihn: "Herr Soldat, damit Ihr Sold bezahlt werden kann, muss es ein paar Leute geben, die nicht nur am Strand liegen, sondern arbeiten. Und jetzt packen Sie Ihr Geschenk ein. Ich will?s nicht." Da wird seine Brust breiter, die Genossen rings um ihn freuen sich. Seine Fähigkeit blitzt auf, mit ein paar Worten richtig und falsch zu scheiden. Und dafür Beifall zu bekommen. "Street credibility" nennt man das bei Rockstars. Er ist ein Politikdarsteller, wie geboren für eine Hauptrolle.

"Gabriel" ist immer der erste Name, der Schröder einfällt, wenn er die größten politischen Talente der SPD nennen soll. 43 Jahre alt, Scheidungskind, zwischen Vater und Mutter hin und her geworfen, bis sie ihr Sorgerecht gerichtlich erkämpft hat. Gymnasiallehrer wäre er gern geworden, aber das Land stellt keine ein, als er seinen Abschluss in Deutsch und Politik hat. Er schlägt sich in der Erwachsenenbildung durch, bis er in seiner Heimatstadt, im schwarzen Goslar, direkt ein Mandat erringt. Später wird er Fraktionschef im Landtag, und als der zeitweilige Ministerpräsident Gerhard Glogowski sich von Firmen Reise und Hochzeitsfest spendieren lässt, ist er, hoppla, Ministerpräsident.

Er macht seinen Job gut, auch wenn er manchmal wie ein Autonomer agiert. Die schönste Geschichte, die man sich dazu in Hannover erzählt, ist die von Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper beim Friseur. Da sitzt sie, als ein Journalist anruft und fragt, was sie denn von der Abschaffung der Orientierungsstufe halte, die der Ministerpräsident gerade verkündet hatte. Die Orientierungsstufe, also der gemeinsame Unterricht bis zur sechsten Klasse, ist in Niedersachsen das, was Gesamtschulen für Hessen sind: tief empfundene Sozialdemokratie. Dumm, dass die Ministerin nichts von der Abschaffung wusste.

Gabriel sagt später, es tue ihm Leid. Einer seiner Wahlsprüche lautet: "Lieber einmal entschuldigt, als zehnmal um Erlaubnis gefragt". "Er ist kein Teamplayer", sagt ein enger Mitarbeiter. Ein anderer schildert ihn als schnell aufbrausend, aber genauso schnell versöhnt. "Der Druck muss ja raus." Gabriel lacht, als er in der Forsa-Umfrage liest, er werde als "gutmütig" eingeschätzt.

Sei?s drum, im Herbst noch hätte jeder auf seine Wiederwahl gesetzt. 44 Prozent bekommt die SPD da in Umfragen. Wenn er nach Berlin kommt, mögen ihn die Journalisten, weil er intelligent ist und ein netter Kerl, nicht ehrpusselig und gar nicht zugeknöpft. Ein Gewinnertyp dazu.

Von da an ging?s bergab. Warum? "Ich glaube nicht, dass wir strategische Fehler gemacht haben", sagt er. Die landespolitische Bilanz ist allerdings bestenfalls gemischt: Erfolgen in der Bildungspolitik und beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit steht ein unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum gegenüber. Und Gabriel macht Schulden, dass es kracht. Aber das hat unter dem Ministerpräsidenten Schröder auch keinen gestört.

Bleibt Berlin als Grund. Die Bundes- SPD liegt in der politischen Stimmung nur noch bei 25 Prozent. Gabriel muss sich absetzen, wo immer er kann. Spätestens seit der Kanzler just an dem Tag, als die Niedersachsen ihr Plakat "Ein Prozent Steuern für 100 Prozent Bildung" kleben wollten, das Aus für die Vermögensteuer verkündete, ist Gabriel immer da, wo er Volkes Meinung vermutet: beim Vorschlag, die Steuerreform vorzuziehen; im Widerstand gegen die Dienstwagensteuer; beim Protest gegen Eichels Sparpolitik; und beim Versuch, die Landtagswahl zu einem Votum über den Irak-Krieg zu machen.

Das wirkt sprunghaft, und es nützt auch nichts, wie Gabriels abschmierende Sympathiewerte im Land zeigen. Ein wahlloser Modernisierer läuft Amok. Andererseits: Was soll er sonst tun? Nichts?

Über Schröder, mit dem er befreundet ist, sagt er nichts Böses. Höchstens, dass die rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl "zehn Wochen Durcheinander produzierte". In Gabriels Umgebung beklagt man sich deutlicher: "Wir haben keine Unterstützung, nichts." Und man spricht davon, dass Schröder nach der Wahl, als er sich ins Gewerkschaftslager tragen ließ, "Erfolgsdepressionen" hatte.

Darunter wird Gabriel wohl nicht leiden. Oppositionsführer im Landtag wolle er nicht werden, hat er mal gesagt. Jetzt klingt das nicht mehr so unbedingt. Arbeitsdirektor in einem Unternehmen wäre schön, Bundesminister noch besser. Er ist ja noch jung und wirkt auch so mit der Lücke zwischen den Schneidezähnen. Aber er ist skeptisch: "Politik ist ein hartes Geschäft. Wenn die politische Bühne weg ist, dann ruft keiner mehr."

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