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28.01.2003

10:00 Uhr

Porträt

Der Steher

VonOliver Stock

Nie standen Christian Wulffs Chancen besser. Zum dritten Mal schon bewirbt sich der Christdemokrat als Ministerpräsident in Niedersachsen. Unverdrossen verkauft er seine Farblosigkeit als Farbe. Und profitiert vom Formtief der Sozialdemokraten in Berlin.

Die Telefonkonferenz läuft ab wie immer: Angela Merkel wünscht einen "guten Morgen", Roland Koch erwidert den Gruß dröhnend und geht gleich zum Tagesgeschäft über. Edmund Stoiber haspelt seine Glückwünsche für die guten Umfragewerte des Hessen ins Telefon und vergisst auch nicht, Christian Wulff in Niedersachsen zu loben. Der Spitzenkandidat aus Hannover kommt selbst erst nach 15 Minuten zu Wort.

Wulff, 43 Jahre alt, zum dritten Mal von der CDU ins Rennen um den Posten des Ministerpräsidenten im Leineschloss geschickt, drängt sich nicht nach vorne. "Ich bin kein Machtmensch", sagt er und legt die Handflächen wie zum Gebet aneinander. Zwei Mal, 1994 und 1998 - jedes Mal gegen Gerhard Schröder -, hat ihm seine Zurückhaltung Niederlagen bei den Landtagswahlen eingebracht. Diesmal könnte sie das Geheimnis seines Erfolgs werden. "Die Menschen", glaubt Wulff, "haben die Nase voll von Spaß- und Ankündigungspolitikern."

Seine Spindoktoren, also seine engsten politischen Berater, haben diese Erkenntnis zur Strategie erhoben und ihrem Zögling eingeschärft, diesen einmal beschrittenen Weg auf gar keinen Fall zu verlassen. Und Wulff hat begriffen. "Ich bin ein Modellversuch", sagt er. Er muss seine Farblosigkeit als Farbe verkaufen. "Ich bleibe mir treu", nennt er das, setzt sein verbindlichstes Lächeln auf und blickt seinem Gegenüber gerade ins Gesicht. Dann zwingt er sich noch zu einer Pointe: "Ein Medienkanzler in Berlin und ein Anscheinserwecker in Hannover sind doch genug, oder?"

Der Anscheinserwecker heißt Sigmar Gabriel, ist derzeit noch SPD-Ministerpräsident in Niedersachsen. Und der hatte es einen Tag zuvor geschafft, den Herausforderer, der so gern den kühlen Klaren aus dem Norden gibt, bei einem Fernsehduell zur Weißglut und zum Verstoß gegen die eigenen Spielregeln zu bringen. Es sei die SPD gewesen, die die Menschen in der Finanz- und Gesundheitspolitik "hinter die Fichte geführt" habe, sprach Wulff in die aufnahmegierigen Kameras. Die Moderatoren fassen nach: "Würden Sie Herrn Gabriel einen Lügner nennen?" Wulff zaudert, Gabriel stichelt: "Nun sagen Sie mal etwas dazu!" - "In einer Reihe von Fragen, würde ich ihn einen Lügner nennen, weil er wider besseres Wissen die Unwahrheit gesagt hat." Zu mehr lässt sich der wägende Jurist Wulff nicht hinreißen. Aber der Satz, den Gabriel mit professioneller Empörung auskostet, genügt, um Wulff die Laune zu verhageln. "Ich würde so etwas nicht noch mal sagen", meint er eine kurze Nacht später. Da hat er bereits wieder in seine Rolle gefunden. Seitdem heißt Gabriel nur noch der "Anscheinserwecker".

Die Verachtung, die Wulff in diesen Ausdruck legt, verpufft beim Seniorennachmittag auf der Hämelschenburg ungehört. Die Schlossherren dieses mächtigen Bauwerks der Weserrenaissance schauten einst von hier oben auf ihre Untertanen in Emmerthal und Hameln her-ab. Heute schauen hier 450 CDU-Anhänger zu ihrem Spitzenkandidaten auf, als er durch Kaffeeduft und Zigarrenrauch den weiß verputzten Rittersaal Richtung Podium durchschreitet. "Eine Viertelstunde zu spät", bemerkt eine Dame tadelnd, wiegt den Kopf, so dass die Fasanenfeder auf ihrem Hut wie ein Fächer ins Wedeln gerät. Aber auch sie schweigt, als der Hoffnungsträger eingerahmt von rotgelben Tulpensträußen, das Jackett zuknöpft, ans Mikrofon tritt und sich mit ruhiger Stimme bemüht, mehr Inhalte als Ironie zu bieten.

Wulffs Programm heißt Wirtschaft. In seinem Text, dessen immergleiche Bausteine er seit Wochen in gezückte Schreibblöcke und eingeschaltete Mikrofone diktiert, predigt er mehr Geld und damit mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen. Er würzt seine Rede mit polemischen Angriffen auf den Gegner: Die Ende vergangenen Jahres nach Belgien verkaufte niedersächsische Traditionsbrauerei Gilde in Hannover "hat den Siebenjährigen Krieg, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Rot-Grün hat sie nicht überstanden." Schröder sei gegangen, die Probleme habe er dagelassen. Dazu gehöre beispielsweise das "Minuswachstum" der Wirtschaft, nach Wulffs Erkenntnis eine Wortschöpfung der Genossen. "Wenn sie Zimmerpflanzen mit Minuswachstum haben, wachsen die in den Boden." Die Zuhörer klatschen. "Setzen Sie sich für eine bessere Unterrichtsversorgung ein, und wählen Sie die SPD ab", ruft Wulff in den Saal und greift damit den amtierenden Ministerpräsidenten bei dessen Lieblingsthema an. Acht Lehrer hat Gabriel in seinem Kabinett. "Wenn die nicht mehr regieren dürfen, ist die Unterrichtsversorgung im Land gleich verbessert", fügt der Angreifer hinzu. Durch den Rittersaal geht ein Glucksen.

Wulff könnte jetzt weiter anheizen. Doch das wäre gegen seine Natur - und gegen seine Taktik. Den Part des Festzeltredners überlässt er seinem 32-jährigen niedersächsischen CDU-Generalsekretär David McAllister. Bislang funktioniert die Arbeitsteilung: Der Ältere liefert die Inhalte, der Jüngere bringt die Leute auf die Tische. Ernst Albrecht und Wilfried Hasselmann, das letzte CDU-Duo, das einst in Niedersachsen Erfolg hatte, hielten es genauso. McAllister ist heute nicht dabei, deswegen bleibt Wulff den längsten Teil seiner Rede bei Argumenten, und die Zuhörer bleiben auf den Stühlen. Nach einer knappen Stunde, als Wulff sich wieder setzt, rauscht Beifall. Die Senioren lächeln, als erwachten sie aus einem freundlichen Traum. Eine Hoffnung hat sich bei ihnen festgesetzt: Diesmal könnte ihr Mann es schaffen, diesmal wirklich.

Sie rechnen ihm an, dass er sich in dem knappen Jahrzehnt, dass seit seiner ersten Kandidatur vergangen ist, nicht hat kleinkriegen lassen. "Schließlich haben auch der Stoiber und der Kohl gegen Schröder verloren", wendet eine Autogrammjägerin ein, bevor sie dem davoneilenden Spitzenkandidaten hinterherläuft. Für sie ist Wulff kein Verlierertyp, sondern einer, der durch Niederlagen erst groß geworden ist. Wulffs Wahlkampfteam ist gern dabei behilflich, diese Legende durchzustricken. Als sich der Wahlkampfbus durchs winkende Volk seinen Weg zurück vom Schlosshof auf die Landstraße bahnt, wird drinnen neben Kaffee und Mandarinen der Lebenslauf des Kandidaten gereicht: viele Jahre ohne Vater aufgewachsen, früh die an MS erkrankte Mutter gepflegt, Anwalt, verheiratet, Vater einer Tochter. Seit 1978 bekleidet Wulff Parteiämter. Seit 1998 zählt er zur christdemokratischen Führungsspitze. Das Amt des stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden sicherte er sich nach seiner letzten Wahlniederlage in Niedersachsen. So einer, lautet die Botschaft, gibt niemals auf, der hat Steherqualitäten.

Und wenn doch? Wenn es auch diesmal nicht klappen sollte? Wenn die als Partner fest gebuchte FDP die Sache verpatzt? Gibt es einen Plan B? Wulff greift zur Wasserflasche, etwas anderes rührt er im Wahlkampf nicht an. "Natürlich gibt es ihn, es gibt sogar einen Plan C und D", antwortet er, und es klingt geradezu beleidigt. Als würde man ihm unterstellen, nicht alle Möglichkeiten einzukalkulieren. "Aber ich denke nicht daran", sagt er. "Nach dem 2. Februar wird zwei Tage gefeiert, fünf Jahre hart gearbeitet, und dafür werden wir dann wieder gewählt."

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