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19.06.2000

16:28 Uhr

dpa BERLIN. Christiane Herzog hat die Diagnose Krebs schon 1997 erfahren. Anmerken hat sie sich nie etwas lassen: Nicht bei den vielen Repräsentationspflichten, die das mit Terminen übervolle Amt ihres Manns Roman Herzog als Staatsoberhaupt mit sich brachte. Nicht bei den zahlreichen Terminen, die sie in ihrem Einsatz für Mukoviszidose-Kranke absolvierte. "Sie hat sich nie geschont", sagt ein Vertrauter. Pflichterfüllung war für sie keine altmodische Tugend. Sie war gewissermaßen eine preußische Bajuwarin. Auch als die Erkrankung ihr immer mehr die Kraft nahm stand sie immer noch in persönlichem Kontakt mit Mukoviszidose-Kranken, die sie zum Teil schon über Jahre kannte. Am Montag erlag sie - nur 63 Jahre alt - ihrem Krebsleiden.

Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Christiane Herzog - wie es bei allen Gattinnen der sechs Bundespräsidenten vor ihr der Fall war - erst mit Amtsantritt ihres Mannes. Bei denen, die ihre Hilfe brauchten, war die First Lady aber schon vorher ein Begriff. Schon 1986 hatte die Tochter eines Pfarrers aus Landshut die Mukoviszidose- Hilfe e.V. gegründet. Es sei eher ein Zufall gewesen, dass sie sich gerade für diese Erkrankten engagiert habe, erzählte sie einmal. Als ihr Mann noch baden-württembergischer Innenminister war, besuchte sie eines Tages die Eltern eines betroffenen Kindes. Von da an ließ die studierte Pädagogin das Schicksal derer, denen die Kraft zum Atmen fehlen kann, nicht mehr los.

Das Ehepaar Herzog hatte stets auf Arbeitsteilung Wert gelegt. In dem Buch von Ursula Salentin über die sieben Präsidentinnen-Gattinnen wird sie zitiert, dass sie sich nie als "die Nelke in seinem Knopfloch" verstanden habe. Sie hielt auf der einen Seite Roman Herzog während seiner beruflichen Laufbahn als Rechtsprofessor, Minister, Präsident des Bundesverfassungsgerichts und schließlich als Staatsoberhaupt den Rücken frei und erzog die beiden Söhne. Auf der anderen Seite widmete sie sich auch voll ihrem ehrenamtlichen Engagement. Beide ließen sich den Raum zu eigenständiger Entfaltung, wie Christiane Herzog öfters hervor hob.

Was sie an Pflichten übernahm, erledigte Christiane Herzog mit eiserner Disziplin. "Ich bin der Meinung, man kann sich nicht nur die schönen Dinge aussuchen", sagte sie vor einem Jahr. "Unser größtes Problem in Deutschland ist doch, dass wir die Flügel zu sehr hängen lassen, uns zu sehr selbst bemitleiden, die Schuld bei anderen suchen, bevor wir fragen, was wir selbst tun können." Um ihren Schutzbefohlenen noch stärker helfen zu können, rief sie ab 1997 auch die Fernsehreihe "Zu Gast bei Christiane Herzog" ins Leben, in der sie mit ihren gratis auftretenden Gästen - wie zum Beispiel Thomas Gottschalk oder Michael Schumacher - kochte und gleichzeitig für ihre Stiftung warb. Die Erlöse der Sendungen und der Verkauf ihrer Kochbücher kamen ebenfalls den Mukoviszidose-Kranken zu Gute.

Roman Herzog machte seiner Frau am 1. Juli 1999 eine öffentliche Dankerklärung. In seiner letzten Rede im Amt sagte er: "Wir sind, so weit es sich irgendwie vertreten ließ, getrennt marschiert, aber wir haben vereint geschlagen ... Ihr hat diese Methode eine starke eigene Rolle und ein unbestreitbares Eigengewicht eingebracht, aber sie hat ihr auch mehr Lasten aufgeladen, als ich ihr von Rechts wegen hätte zumuten dürfen..." Das Ehepaar hatte Pläne für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Amt. So wollten beide vielleicht eine längere Zeit in Rom leben, um auszuspannen. Die Krebserkrankung wurde erst am vergangenen Freitag in der Öffentlichkeit bekannt. Roman Herzog war in der Sterbestunde an der Seite seiner Frau.

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