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23.04.2003

06:00 Uhr

Praxisprojekt zeigt erste Erfolge beim Handel mit Emissionen

Rangeleien innerhalb der Wirtschaft

VonSilvia von Weiden

Kostenbremse oder Preistreiber - Unternehmen, Verbände und Experten streiten über die Folgen des Emissionshandels. Selbst innerhalb einzelner Branchen sind sich Firmen nicht einig.

DÜSSELDORF. Schlechte Nachrichten von der Energiewirtschaft: Als Folge des Emissionshandels sei mit deutlichen Steigerungen bei den Strompreisen zu rechnen. "Sie können sich verdoppeln", kündigt Bernd-Michael Zinow, Leiter Wirtschaft und Politik beim Energieerzeuger EnBW AG in Karlsruhe, an. Belastet sehen sich davon vor allem energieintensive Branchen. "Wir stellen uns auf Strompreiserhöhungen zwischen 22 und 31 Prozent ein", sagt Christof Bauer, Leiter der Energiewirtschaft bei der Degussa AG in Hanau. Auch die Stahlindustrie gibt sich skeptisch. Nach Schätzungen der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Düsseldorf könnten sich einige Stahlprodukte um mehr als 20 Prozent verteuern.

Es gibt auch andere Szenarien. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Köln, des Öko-Instituts Freiburg und der Umweltorganisation WWF sieht für die Wirtschaft die Chance, durch den Zertifikatshandel jährlich 500  Mill. Euro zu sparen.

Erste Praxiserfahrungen zeigen positive Ergebnisse: So gibt es in Hessen ein Pilotprojekt zum Emissionshandel namens Hessen Tender. Es wurde vom Umweltministerium des Landes initiiert und von der Industrie mit 1 Mill. Euro unterstützt. Sechs Unternehmen aus der Energie- und Papierbranche haben dabei ihre Vorhaben zur Emissionsminderung ausgeschrieben - etwa ein umweltfreundliches neues Kraftwerk. Das bauen sie zwar selbst. Für das eingesparte Kohlendioxid gibt es jedoch eine Auktion, an der sich Unternehmen beteiligen, die nicht in CO2-Einsparungen investieren und nun ihre Energiebilanz aufpolieren wollen.

Insgesamt 1,3 Millionen t CO2 will die Initiative vor allem durch den Einsatz moderner Kraftwerkstechnik bis 2009 einsparen. Per Auktion wurden kürzlich rund zehn Prozent des Einsparvolumens angeboten. "Mit 6,58 Euro pro Tonne CO2 hat sich ein Preis herausgebildet, der weitaus niedriger liegt als von vielen Industrieverbänden angenommen", berichtet Martin Kruska von der Energieberatungsagentur Eutech in Aachen, die das hessische Projekt wissenschaftlich begleitet hat. Schätzungen der EU-Kommission gehen pro Tonne CO2 von 15 bis 75 Euro aus, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) von 200 Euro.

Gute Wettbewerbschancen rechnet sich die Ruhrgas AG in Essen aus. Als "sehr attraktiv" bewertet der Leiter Energiewirtschaft Klaus-Robert Kabelitz die neuen Regelungen, die Emissionsgutschriften aus Projekten zur Treibhausgasreduktion mit Partnern in anderen Ländern ermöglichen. Kein Wunder, ist das Unternehmen doch Beteiligungspartner des russischen Energiekonzerns Gazprom.

Immerhin 46 Prozent der CO2-Emissionen in der Europäischen Union sollen bis 2010 gehandelt werden. "Wir gehen davon aus, dass der Emissionshandel ein ökonomisch sehr wirksames Instrument ist", sagt Franzjosef Schafhausen, Leiter der Arbeitsgruppe "Nationales Klimaschutzprogramm" im Bundesumweltministerium. Noch bis zum März 2004 hat die Bundesregierung Zeit, die Vereinbarungen in nationales Recht zu gießen und verbindliche Vorgaben für die Umsetzung zu machen. Wie die Regelungen konkret aussehen werden, darüber verhandelt sie derzeit mit den Verbänden. Es geht vor allem um die Frage, welche Branche wie viele Emissionsrechte erhält.

Rangeleien innerhalb der Wirtschaft gibt es schon. So argumentieren einige Konzerne der Chemie, dass jene Betriebe im Vorteil seien, die sich bei den Emissionsminderungen im Zuge der freiwilligen Selbstverpflichtung der Industrie bislang zurückgehalten hätten. Sie könnten nun ein viel größeres Reduktionspotenzial einbringen und dieses zu Geld machen als Unternehmen, die beim Klimaschutz in Vorleistung gegangen seien. Die Industrie hätte deshalb viel lieber eine Brüsseler Einigung auf nationale Pools gesehen, um die freiwillige Selbstverpflichtung fortzuführen. "Wir hoffen auf eine Regelung, die nicht zu brancheninternen Wettbewerbsverzerrungen führt", sagt Degussa-Manager Christof Bauer.

Weitere Beschwerden kommen aus der Energiewirtschaft: "Wir stehen vor großen Investitionen in moderne, fossile Kraftwerke, die nun mit erheblichen Kosten für Emissionen belastet werden", sagt Bernd-Michael Zinow von EnBW. Die Bundesregierung signalisiert bereits Entgegenkommen bei der Ökosteuer. Franzjosef Schafhausen: "Es muss eine Abstimmung zwischen ökologischer Steuerreform und dem Emissionshandel gefunden werden."

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