Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.01.2003

09:57 Uhr

Preisrückgänge

Analyse: Sparsamkeit wird zum neuen Ideal

VonStefan Menzel

Überall fallen die Preise: Reisen sind günstiger zu haben, Autos gibt es mit Standard-Rabatten, im Einzelhandel locken Nachlässe von 20 und 30 Prozent. Und jetzt wird extreme Sparsamkeit auch noch hoffähig: Die Elektronik-Kette Saturn wirbt erfolgreich mit "Geiz ist geil", Fiat folgt schon mit "Geiz ist cool".

Die Unternehmen reagieren damit auf den verbreiteten Käuferstreik, der dem deutschen Einzelhandel zu schaffen macht. Die verfügbaren Einkommen sinken in konjunkturell schlechten Zeiten, also müssen sich die Unternehmen etwas Neues einfallen lassen. Saturn macht mit seiner populären Kampagne aus der Not eine Tugend: Geiz wird zum Ideal erklärt, Sparsamkeit ist die neue Tugend. Das lockt Kunden in die Läden und sorgt für steigende Umsätze.

Publikumswirksame Sparsamkeit nach dem Vorbild Saturn könnte bald auch zum Muss für andere Branchen werden. Beispiel Auto: Die Reglementierungen im Pkw-Handel sind von der EU-Kommission im vergangenen Jahr weitestgehend aufgehoben worden. Das sorgt für mehr Wettbewerb innerhalb dieses Sektors und damit auch für fallende Preise. Schon länger wird mit Rabatten in dieser Branche um Kunden geworben, jetzt hat mit Seat auch zum ersten Mal ein Autohersteller seine Preise gesenkt.

Im Flugbereich sind neue Billiganbieter auf den Markt gekommen und haben für sinkende Ticketkosten gesorgt. Die Preise könnten weiter fallen und auch in der Flugbranche zu Kampagnen nach dem Muster Saturn führen. Günstige Anbieter wie Ryanair sind durch die verhältnismäßig hohen Erträge etablierter Anbieter wie Lufthansa oder Air France erst angelockt worden. Das ist Marktwirtschaft pur: Neue Firmen treten in den Markt ein, weil findige Unternehmer im richtigen Moment eine Chance entdecken.

Die Preiskämpfe könnten sich auch aus einem anderen Grund weiter verschärfen. Vor einem Jahr ist der Euro eingeführt worden: Die europäische Einheitswährung sorgt für mehr Transparenz, für bessere Chancen zum Preisvergleich über Grenzen hinweg - beste Voraussetzung für fallende Preise. Und das betrifft nicht nur einzelne ausgewählte Branchen, sondern alle Unternehmen.

Die aktuellen Preisrückgänge mögen für die eine oder andere Branche nicht besonders angenehm sein. Doch die Preiskämpfe sind Ausdruck einer lebendigen Marktwirtschaft. In konjunkturellen Krisenzeiten suchen die Unternehmen nach einer Chance, ihre Ladenhüter loszuwerden. Einige Firmen schaffen das gut, andere haben damit Probleme.

Eine Kampagne wie "Geiz ist geil" setzt zudem bewährte Markenartikler unter Druck. Sie müssen befürchten, durch den Billigtrend ihre exponierte Markt- und Markenstellung zu verlieren. Aber auch das ist Markt: Gute Marken werden die Krise und die Zeit niedriger Preise überstehen. Wer seine Marke hingegen nicht gut im Griff hat, muss sich auf ernste Probleme einstellen.

Am Ende bleibt allerdings in allen Unternehmen die Hoffnung, dass die Preise wieder anziehen. Denn irgendwann wird die aktuelle Entwicklung auch ihr Ende haben - und es geht wieder nach oben. Auch das ist Marktwirtschaft pur.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×