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07.04.2003

07:37 Uhr

Printmedien büßen Anzeigen ein – Als Grund sehen Verlage schlechte Konjunktur

Der Krieg steigert die Auflagen

Kriegsgewinnler sind die Printmedien nicht: Obwohl mehr Leser Hintergrundinformationen zum Irak-Konflikt nachfragen, sanken die Anzeigenumfänge im ersten Quartal noch einmal gegenüber dem Krisenjahr 2002.

pes DÜSSELDORF. Während im Fernsehen die Sondersendungen zum Irak-Krieg messbar weniger Zuschauer anziehen, steigern die Publikumszeitschriften und Tageszeitungen mit dem Krieg ihre verkaufte Auflage. "Durch die unsichere Nachrichtenlage im Irak entsteht Nachfrage nach Hintergrundinformationen, die sie im Fernsehen nicht bekommen", stellt Holger Busch, Geschäftsführer Publikumszeitschriften im Verband deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), fest.

Abgeordnete der SPD und CDU rügten am Freitag im Bundestag während einer Jugendschutz-Debatte die "reißerische Form" der Fernseh-Berichterstattung über den Irak-Krieg. Damit haben die Print-Medien auch in der öffentlichen Diskussion um die Kriegsberichterstattung einen Vorteil gegenüber dem Fernsehen.

Die aktuellen Nachrichtenmagazine wie "Spiegel", "Focus" und "Stern" messen nach Branchenangaben hohe Nachfrage bei den Einzelverkäufen. Exakte Zahlen können die Verlage wegen der bevorstehenden offiziellen Branchenerhebung der IVW aber noch nicht nennen. "In der verkauften Auflage liegen uns noch keine endgültigen Werte vor. Aber wie stark das Interesse am Krieg ist, zeigt sich schon bei ?Focus Online?: Hier wurden die Seitenabrufe verdoppelt", sagt "Focus"-Verlagsleiter Frank-Michael Müller. Bereits vor Kriegsbeginn verkauften sich beim "Spiegel" die Hefttitel "Blut für Öl" und "Die Akte Saddam", die sich mit dem Irak-Konflikt beschäftigten, laut IVW mit 1,146 und 1,138 Millionen Exemplaren besonders gut: Andere Themenhefte lagen Anfang des Jahres um 60 000 Stück niedriger. Auch die Leserreaktionen nehmen zu: "Seit Kriegsbeginn erreichen uns deutlich mehr Leserbriefe als in den Vormonaten", sagt Jörg Keimer, Leiter des Anzeigenmarketing beim Spiegel-Verlag.

Vom größeren Zuspruch der Leser konnten die meisten Verlage im ersten Quartal kaum profitieren. Die Zahl der Anzeigenseiten ist von Januar bis März um 9 % gegenüber dem ersten Quartal des Krisenjahres 2002 zurückgegangen, belegt die Zentrale Anzeigenstatistik (ZAS). In der Regel beziehen die Verlage zwei Drittel ihrer Einnahmen aus der Anzeigenvermarktung und nur ein Drittel aus dem Vertrieb.

Der "Spiegel" büßte 27 % seiner Anzeigenseiten gegenüber dem Vorjahresquartal ein, und auch der Burda-Ableger "Focus" meldete 26,8 % weniger Anzeigenseiten. Beim Konkurrenten "Stern" aus dem Gruner + Jahr-Verlag sank die Zahl der Anzeigenseiten um 15,8 % gegenüber Vorjahr. Verlierer sind auch die TV-Zeitschriften mit minus 17 % Anzeigenseiten und die Publikumszeitschriften zum Thema Computer und Informationstechnologie. Zwar ist der Jahresbeginn in der Regel bei der Anzeigenbelegung schwächer, weil die Werbekunden ihre Strategie für das Gesamtjahr meist noch überarbeiten. "Doch dieses Mal war die Zurückhaltung der Werbekunden besonders stark", resümiert Dietmar Rehker, Geschäftsführer beim deutschen Ableger der Media-Agentur Mediacom Europe, die auch den Werbeeinsatz des Autokonzerns VW planen.

Viele Verlage haben die schwache Entwicklung zu Jahresbeginn in ihrer Budgetplanung berücksichtigt. Gewinner sind lediglich Kinder- und Jugendtitel sowie Erotikblätter, die mehr Anzeigenkunden anziehen.

Hauptgrund für den Rückgang bei den Anzeigen ist für die Verlage nach wie vor die schwache Wirtschaft. "Die allgemeine wirtschaftliche Konjunktur lahmt nach wie vor", sagt Spiegel-Manager Keimer. Doch er gibt sich optimistisch: "Für das zweite Quartal lässt sich eine bessere Auftragssituation feststellen. Das Gesamtminus kann damit signifikant reduziert werden." Dass der Irak-Krieg, der am Ende des ersten Quartals begann, zu weiteren großen Einbußen bei den Werbeeinnahmen führt, erwarten die Verlage nicht. Die Anzeigenleiter der Zeitungsverlage hätten bestätigt, dass der Krieg das Anzeigengeschäft nicht zusätzlich belastet, sagte eine Sprecherin des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger. Anzeigen würden im redaktionellen Teil ohne Kriegsberichterstattung untergebracht.

Bislang haben vorwiegend Reiseveranstalter ihre Werbepläne storniert. Beim VDZ gibt man sich unterdessen vorsichtig: "Die Länge des Krieges könnte sich auf das gesamtwirtschaftliche Umfeld auswirken", befürchtet Busch. Das würde sich unmittelbar auf den Werbemarkt auswirken.

Quelle: Handelsblatt

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