Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2003

10:31 Uhr

Private Equity für die Kleinen

Die große Dürre

VonCordelia Chaton

Allen Dementis der Banken zum Trotz: Ihre Bereitschaft, Mittelständlern noch Kredite zu geben, hat stark abgenommen. Doch es gibt Alternativen: Manche finden sogar private Investoren.

HB DÜSSELDORF. Ein norddeutscher Estrichbauer mit elf Angestellten nahm sehr hohe Kredite in Anspruch. Als die Bank befand, dass das Verhältnis von Verbindlichkeiten zum monatlichen Gewinn zwei Tage lang nicht mehr stimmte, kündigte sie - und der Insolvenzverwalter übernahm.

Der Fall ist nicht untypisch: In Deutschland kracht es zwischen den Mittelständlern und ihren Banken. Kredite sind immer schwieriger zu bekommen - oft mit fatalen Folgen fürs Geschäft. Kenner schätzen, dass jeder dritte Mittelständler betroffen ist.

Als die Konjunktur florierte und die Börse boomte, waren Banken freigiebig. Seit zwei Jahren läuft es jedoch nicht mehr so gut. "Viele Unternehmen haben unheimlich investiert und sitzen jetzt auf riesigen Finanzierungskosten", weiß der Hamburger Insolvenzverwalter Torben Herbold.

In der Folge hagelt es Insolvenzen. Unternehmen mit einer geringen Eigenkapitaldecke sind besonders betroffen: "Vor allem im Osten hatten die Unternehmen gar keine Zeit, etwas zur Seite zu legen", beobachtet Christa Hoffmann bei der Mittelstands und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU. -

Hinzu kommt Basel II. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine neue Regelung für die Kreditvergabe ab 2007, die das internationale Bankensystem sicherer machen soll. Eine Auswirkung ist, dass die Banken die Unternehmen einer schärferen Bewertung ihres Kreditrisikos, dem so genannten Rating, unterwerfen. Damit haben sie schon jetzt begonnen.

Doch die größere Risikoscheu der Geldinstitute ist nicht das einzige Problem, das die Mittelständler mit den Banken haben. Martin Aschenbach, Finanzspezialist der Münchner Beratung Aschenbach & Löbig, berät Unternehmen bei Verhandlungen mit Banken. Seine Nischengeschäft floriert. Denn die Tricks der Geldhäuser sind ausgebufft.

Beispielsweise bucht eine poolführende Bank beim verschuldeten Unternehmen monatlich 5 000 Euro ab - ohne dessen Zustimmung. Begründet wird das mit dem erhöhten Risiko. "Ebenfalls gern angewendet wird die bezahlte Projektberatung: Ein Finanzinstitut bietet selbstlos die Neustrukturierung der Passivseite an - natürlich gegen Bares", erzählt Aschenbach.

Oder die Bank wendet die Schuldenfalle an: Meist hat ein Unternehmen ein langfristiges Darlehen mit niedrigen Zinsen und einen kurzfristigen Dispo mit hohen Zinsen. Da die Unternehmen das Darlehen tilgen und kein neues bekommen, müssen sie den Dispo dauernd in Anspruch nehmen und werden über die Zinsstruktur abgewürgt. Vorteil für die Bank: Dispos sind sofort kündbar. Und bei Insolvenz bestimmt die Bank.

Oder sie treibt das Unternehmen einem Restrukturierungsfonds in die Arme. "Der spricht meist Kündigungen aus und zerstört mehr Werte, als er schafft", beobachtet Aschenbach.

Ein typisches Beispiel für Ärger mit der Bank ist Peter Schlitt. Der Ingenieur hat in Dietzenbach bei Frankfurt die edle Mountainbike-Schmiede ADP Engineering GmbH gegründet. Seine "Rotwild"-Räder kosten bis zu 5 500 Euro. Schlitt macht rund 4 Millionen Euro Jahresumsatz und beschäftigt zehn Mitarbeiter.

Als Kunde der Dresdner Bank verfügte ADP über ein Darlehen plus Kreditrahmen. Das Darlehen ist fast getilgt, doch der Kredit wurde nicht erhöht. Stattdessen verlangte die Bank ein monatliches Ansparkonto. "Die Liquidität seitens dieser Bank war die geringste, aber der Ärger der größte", resümiert Schlitt.

Der Jungunternehmer telefonierte die Hotlines für Gründer ab. "Aber alle Kreditprogramme müssen über die Hausbank laufen; das ist ein Teufelskreis", ärgert er sich. Schließlich fand Schlitt doch eine Lösung: Private Darlehen retteten ihn aus dem Finanzloch. Jetzt hat er die Bank gewechselt und ist zufriedener.

Schlitt hat Lösungen gefunden, mit denen sich Mittelständler zunehmend beschäftigen müssen: Private Equity, Buy out oder stille Darlehen, aber auch Leasing und Factoring heißen die Zauberwörter. Vor allem aber, so Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft, müssten sich die Unternehmen um eine höhere Eigenkapitalquote bemühen.

Preiswerter als neue Geldgeber zu finden, ist jedoch das gute Verhältnis zur Hausbank. Aber die meisten Mittelständler wollen keine angelsächsischen Verhältnisse, bei denen sie alles offen legen. Angesichts der neuen Form des Ratings bleibt ihnen aber keine Wahl. Stefan Wittek, Berater bei Münchmeyer Corporate Finance in Hamburg, beobachtet Verständnisprobleme: "Banken ziehen standardisierte Werkzeuge zu Rate. Eine Stichtagsbetrachtung schließt selten das Marktumfeld oder die Branche ein." Klar ist, dass Unternehmen zu neuen Präsentationsformen finden müssen. Am besten ist der dran, der sich frühzeitig um die Verbesserung seiner Bonität kümmert.

Das versuchte auch der Geschäftsführer eines Frankfurter Beratungsunternehmens. Die Sparkasse gab ihm ein tolles Rating. Doch für einen Überziehungskredit verlangte sie eine persönliche Bürgschaft. Der Unternehmer lehnte ab und einigte sich mit der Bank auf den Kauf von Wertpapieren, die als Sicherheit gesperrt wurde. Doch ein schlechter Nachgeschmack bleibt ihm: "Banken verdienen ihr Geld damit, dass sie Geld gegen Risiko ausleihen. Dass sie jetzt überhaupt kein Risiko mehr eingehen wollen, ist absurd."

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×