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20.06.2000

12:30 Uhr

Privater Sektor als Motor für Wachstum und Beschäftigung unerlässlich

Das neue Unternehmertum in China

VonThomas Heberer

Lange Zeit waren die Unternehmer in China und Vietnam verfemt. Heute jedoch sind sie längst keine Randgruppe mehr. Inoffiziellen Daten zufolge gibt es mehr als eine Million Privatunternehmer. Ein beträchtlicher Teil von ihnen sind Einkommens- und Vermögensmillionäre. Lange Zeit waren die Unternehmer in China und Vietnam verfemt. Heute jedoch sind sie längst keine Randgruppe mehr. Inoffiziellen Daten zufolge gibt es mehr als eine Million Privatunternehmer. Ein beträchtlicher Teil von ihnen sind Einkommens- und Vermögensmillionäre.

In den sozialistischen Staaten China und Vietnam waren Unternehmer jahrzehntelang tabu: Es gab sie nicht mehr bzw. durfte sie nicht mehr geben. Als "Kapitalist" oder "Bourgeois" gescholten, galten Unternehmer seit den 50er-Jahren als antisozialistische Elemente. Erst mit den Wirtschaftsreformen ab Ende der 70er-Jahre traten wieder kleine Selbstständige und schließlich in den späten 80er-Jahren Privatunternehmer auf. Seit einigen Jahren wird in China über die ökonomische Funktion von Unternehmern auch lebhaft diskutiert. So hieß es 1994 in einem Zeitschriftenaufsatz, die Unternehmerschaft sei die "wertvollste Ressource" der Volkswirtschaft eines Landes. Eine solche Schicht müsse herangebildet und gefördert, der Staatssektor dürfe nicht mehr bevorzugt werden. Intellektuelle müssten zur Aufnahme einer Unternehmertätigkeit ermuntert werden, und es bedürfe auch "wissenschaftlicher Unternehmer".

Weil Unternehmer in China populärer geworden sind, wird eine Abgrenzung zwischen chinesischen und "westlich-kapitalistischen" Unternehmern zunehmend schwierig. Gerade deshalb bemüht man sich im früheren Reich der Mitte, den chinesischen Unternehmer als kulturelles Spezifikum darzustellen. Der chinesische Unternehmer unterscheide sich vom westlichen durch seine "chinesische Besonderheit", heißt es: Er sei "Reformer", "Held" und agiere im Interesse gesellschaftlichen Bedarfs und der Hebung des gesellschaftlichen Wohlstands Chinas. Gleichzeitig gelten die chinesischen Unternehmer als "sozialistisch", da sie die "materielle und geistige Kultur des Sozialismus" aufbauen helfen. Nach offizieller Lesart haben sozialistische Unternehmer im Unterschied zu westlichen zwei zentrale Kriterien zu erfüllen: Sie müssen Neuerer sein und zugleich politische Qualitäten besitzen.

Dem entspricht die Forderung nach "sozialistischen Unternehmern chinesischen Stils", wobei solche Unternehmer zugleich Revolutionäre seien, gehörten sie doch zur "Avantgarde der ökonomischen Revolution". So verbinden sich in China traditionelle konfuzianische Vorstellungen von Unternehmern, die - kontrolliert - im Interesse von Staat und Gesellschaft wirken, korporatistisch in bestehende Strukturen eingebunden werden und paternalistisch-sozialistischen Vorstellungen entsprechen, mit Vorstellungen von der Anpassung an moderne weltwirtschaftliche Strukturen. Unternehmer sind in China und Vietnam in vielen Fällen auch Funktionäre. Dies hat seinen Grund in der spezifischen Eigentumsform der Unternehmen und in der Tatsache, dass die Unternehmer meist durch übergeordnete Verwaltungsgremien eingesetzt werden. Auch die Einkommensinteressen der Kader begünstigen diese Konstellation: Einkommen aus Unternehmertätigkeit sind weitaus höher als die aus Parteiaktivitäten. Zudem müssen Unternehmer politisch aktiv werden, um ihre auf rechtsunsicherem Terrain agierenden Betriebe erfolgreich führen zu können. Es ist fast zwingend für sie, Mitglied in der Kommunistischen Partei oder - alternativ - in einem Gremium mit gewisser öffentlicher Schutzfunktion (Volkskongresse, Konsultativkonferenzen, Massenorganisationen) anzustreben. In China ist die Stimmung zunehmend unternehmerfreundlich.

In Vietnam dagegen gelten Privatunternehmer immer noch zuvörderst als antisozialistische Kräfte, die vom Staat strikt zu kontrollieren sind, auch wenn ihr Potenzial für die Wirtschaftsentwicklung genutzt werden soll. Die Behörden haben praktisch jede Möglichkeit, willkürlich gegen Unternehmer vorzugehen, handelt es sich nach offizieller Doktrin doch um kapitalistische und damit rückwärts gewandte Elemente. Allerdings wird inzwischen auch in Vietnam die Diskussion über den "vietnamesischen", sprich "sozialistischen" Unternehmer geführt. So spricht der Sozialwissenschaftler Dao Cong Tien davon, dass die sozialistische Marktwirtschaft der "kulturellen Ausstrahlungskraft des Staates" unterliege. Daher handele es sich bei den "Arbeitgebereinnahmen" auch nicht um das Ergebnis von Ausbeutung, dienten diese doch der Schaffung von Arbeitsplätzen und der nationalen Entwicklung. Diese kulturnationalistische Interpretation bestimmt auch das Unternehmerbild in Vietnam: Der Unternehmer müsse im Interesse der Nation agieren, gleichzeitig habe der Staat als "Staat des Volkes" für Rechtsstaatlichkeit zu sorgen. Unternehmer müssten gesetzlich abgesichert und geschützt werden, trügen sie doch dazu bei, Vietnam stark, die Menschen wohlhabend und die Gesellschaft egalitär zu machen. Alle diejenigen, die diesem Weg folgten, seien "sozialistisch orientiert".

Der Ökonom Pham Xuan Nam vertritt die konfuzianisch geprägte Auffassung, der vietnamesische Unternehmer sei im Unterschied zu westlichen Unternehmern moralisch und nicht ökonomisch motiviert. Bei der Arbeit folge er seinem Herzen. Er halte die Gesetze ein, zahle seine Steuern stets korrekt und respektiere Leben und Würde seiner Untergebenen. Nur dies sichere Geschäftserfolg, ansonsten drohe der Ruin. Privates

Unternehmertum gilt in beiden Ländern als ökonomisch notwendig: Die Mehrheit der Staatsbetriebe wirtschaftet in den roten Zahlen, ist ineffizient und kann sich weder auf dem Binnen- noch auf dem Weltmarkt behaupten. Während Staatsunternehmen Arbeitskräfte entlassen müssen, entwickelt sich der private Sektor zum Motor für Wachstum und Beschäftigung. Dass die chinesische Wirtschaft immer noch mit relativ hohen Prozentsätzen wächst, ist dem nicht-staatlichen Sektor geschuldet. Die Partei musste diese ökonomischen Erkenntnisse gewissermaßen ideologisch unterfüttern, um das Unternehmertum nicht nur akzeptabel werden zu lassen, sondern auch kreative und innovative Persönlichkeiten zur unternehmerischen Selbstständigkeit zu ermutigen. Die Begriffe vom "sozialistischen" oder "chinesischen" Unternehmer haben genau dies ermöglicht. Dieser Pragmatismus hat bewirkt, dass Unternehmer heute keine Randgruppe mehr sind. Immer mehr intellektuelle und gut ausgebildete Köpfe wählen den Weg des Unternehmertums.

Freilich: "Den" chinesischen oder vietnamesischen Unternehmer gibt es nicht. Verallgemeinerungen wie "konfuzianischer Unternehmer", sind unangebracht. Die Unternehmer bilden keine einheitliche, homogene Gruppe. Es gibt unterschiedliche Kategorien, etwa Groß-, Mittel- und Kleinunternehmer, bäuerliche und industrielle, erfolgreiche und erfolglose. Es gibt Push-Unternehmer, die sich selbstständig gemacht haben, weil sie mit den Arbeitsbedingungen in ihrem früheren Betrieb unzufrieden waren, und Pull-Unternehmer, die das unternehmerische Wirken und dessen soziale und finanzielle Möglichkeiten reizen und die deshalb ihren Job aufgegeben haben. Sehr unterschiedlich ist auch die Herkunft der Unternehmer. Neue industrielle Unternehmerpersönlichkeiten stammen in China und Vietnam meist nicht aus der Unterschicht, sondern aus der lokalen Subelite, der unteren Mittelschicht, partiell auch aus politischen "Randgruppen", die vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen wurden. Westliche Sozialwissenschaftler vertreten die Auffassung, dass es in den postsozialistischen Gesellschaften oft talentierte Kräfte aus der Unterschicht seien, die im Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft reich würden - und zwar keineswegs nur auf legalem Wege, weil sie sich bisher staatliches Eigentum privat aneigneten. Diese Auffassung trifft für China und Vietnam nur eingeschränkt zu. Solche Personen finden sich im Handel, im einzelwirtschaftlichen Sektor oder in der Schattenwirtschaft. Gerade letztere ist freilich ein gutes Übungsterrain für die Ausbildung größerer Privatunternehmer.

Wie in anderen Ländern engagieren sich auch in China und Vietnam Angehörige der bisherigen Oberschicht - also vor allem die Funktionäre und ihre Angehörigen - als Unternehmer. Das hat mehrere Gründe: Erstens begreifen sie auf Grund ihres Kenntnisstandes den Wandel, zweitens wollen sie ihre traditionelle Rolle trotz des Wandels aufrechterhalten, und drittens verstehen sie durchaus marktorientiert zu wirtschaften. Die Herkunft der Unternehmer in China und Vietnam ähnelt der der New Business Class in der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa. Die Parallelen bestehen unter anderem darin, dass die bisherige Nomenklatura zwar nicht über Geldkapital, dafür aber über soziales Kapital verfügt, das aus ihren früheren Ämtern und ihren Beziehungen resultiert. Dieses Kapital können die Neu-Unternehmer in ihrer veränderten Funktion nutzen. Auf diese Weise versuchen sie, ihren Verlust an politischer Macht auszugleichen. Dieser Verlust war in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bislang stärker als in China und Vietnam. Politisch wichtig ist, dass der Wechsel von Funktionären in das Unternehmertum deren Werte- und Zielorientierung grundlegend verändert. Sie sind kaum noch und kollektivistisch orientiert, sondern unternehmerisch, also marktwirtschaftlich.

Der Verfasser ist Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Ostasien an der Universität Duisburg.

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