Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.04.2003

06:32 Uhr

PROFIL: Kemal Sahin ist Gründer und Inhaber der gleichnamigen Gruppe

Sahin – der Falke in der Fremde

VonStefanie Scharbau

Kemal Sahin will die Vorteile beider Völker in sich vereinen: Preußische Tugenden und südländische Herzlichkeit. Sahin gehört die größte türkische Firmengruppe in Deutschland.

BERLIN. Der Wirtschafts- und Arbeitsminister lobt den türkischen Unternehmer überschwänglich: "Kemal Sahin ist eine der ersten Ich AGs", sagt Wolfgang Clement. Damals habe es den Begriff zwar noch nicht gegeben, aber Sahin habe die Idee vorbildlich in die Tat umgesetzt. Heute, 21 Jahre nachdem Sahin sich mit einem Teppich- und T-Shirt-Handel selbstständig gemacht hat, leitet er das größte türkische Unternehmen in Deutschland, die Sahinler-Gruppe.

Kürzlich hat Sahin eine Autobiografie mit dem Titel "Der Falke in der Fremde" veröffentlicht. Sahin, der türkische Name bedeutet Falke, will damit, wie er sagt, jungen Menschen Mut machen. Als ihn ein 17-jähriger Türke vor einigen Wochen bei einer Buchvorstellung in Anwesenheit des Wirtschaftsministers fragt, wie er erfolgreich sein könne, antwortet der Geschäftsmann: "Sie müssen Einsatz zeigen, Fleiß und Ehrgeiz beweisen. Bieten Sie einem Unternehmer an, zur Not auch das Klo zu putzen." Als Sahin sieht, dass diese Antwort nicht nach dem Geschmack des Ratsuchenden ist, fügt er hinzu: "Das Wichtigste ist allerdings die Begeisterung. Zeigen Sie, dass Sie Ihre Arbeit mit dem Herzen machen."

Ganz so freiwillig und begeistert ist Sahin selbst allerdings nicht zum Firmenboss geworden. Nach einem Ingenieur-Studium in Aachen bekam er als türkischer Staatsbürger keine Arbeitserlaubnis. Um in Deutschland bleiben zu können, gründete der Sohn eines einfachen Bauern aus Anatolien ein Unternehmen. Seine Firma wuchs rasant, heute beschäftigt der 48-Jährige weltweit 12 000 Mitarbeiter, überwiegend im Textilbereich.

Der Türke mit Wohnsitz in Aachen und Istanbul freut sich über das Lob und den Zuspruch, den er heute aus Politik, Wirtschaft und der türkischen Gemeinde in Deutschland erfährt. Trotzdem weiß er, dass Clement sich nicht zuletzt deshalb so positiv äußert, weil er unter den zahlreichen türkischen Zuhörern bei der Buchvorstellung in Berlin Pluspunkte machen will. Sichtlich hin- und hergerissen zwischen Stolz und Verlegenheit, lehnt Sahin sich auf seinem Stuhl auf der Bühne zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und blickt häufig zur Decke.

Trotz seiner Erfolge und vieler Auszeichnungen ist der Geschäftsmann bodenständig geblieben. Die Erscheinung des gut 1,70 Meter großen Mannes ist nicht elegant. Mit seinem grauen Anzug, einem schilffarbenen Hemd und einer schräg gestreiften Krawatte ist er dennoch adrett gekleidet. "Ich bin kein Markenliebhaber und kaufe, was mir gefällt. Egal, ob es ein Hemd für zehn oder 100 Euro ist", sagt Sahin. Es gehört zu seinem Arbeitsverständnis, dass er sich auch in den Läden von H&M, Aldi oder Karstadt umguckt. Die Händler gehören zu seinem Kundenkreis. Selbstverständlich trage er aber auch Anzüge der eigenen Filialkette. Adessa bietet Mode zu günstigen Preisen an.

Der Geschäftsmann macht keinen Hehl aus seiner Herkunft und erzählt, dass er am Anfang seiner Karriere häufig nicht wusste, wovon er seine Rechnungen bezahlen sollte. Diese Erfahrungen hat er nicht vergessen. Wohl auch aus diesem Grund hat er sich eine menschliche, fast herzliche Art bewahrt. Ein enger Mitarbeiter schwärmt davon, dass die Tür seines Chefs stets offen stehe, "egal, ob die Putzfrau oder ein hoher Angestellter ein Problem hat."

Die Sahinler-Gruppe wächst; selbst in Zeiten, in denen die Textilbranche Umsatzeinbußen zwischen vier und acht Prozent hinnehmen muss, steigerte das Unternehmen die Verkaufszahlen. "Die Lebensgeschichte von Sahin zeigt, dass man als Zuwanderer in Deutschland beruflich und gesellschaftlich erfolgreich sein kann", behauptet Innenminister Otto Schily. Sahin muss als Vorbild herhalten: für seine Landsleute und für den erfolgreichen Weg in die Selbstständigkeit. Seine Zuhörer von seiner Einstellung zu überzeugen: "Die Deutschen sind häufig zu unflexibel, denken in starren Bahnen und verhalten sich zu reserviert, zu wenig kontaktfreudig", kritisiert er in so freundlichem Ton, dass auch Minister Clement sich ein Lächeln nicht verkneifen kann. Die Deutschen könnten noch viel von ihren türkischen Mitbewohnern in Bezug auf Freundlichkeit und Offenheit lernen. Auch wenn er die preußischen Tugenden sehr schätze. Schließlich habe er sie ja schon selbst übernommen.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×