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08.01.2003

07:43 Uhr

PROFIL: Manfred Wittenstein ist Inhaber und Chef der Wittenstein AG

Visionär und Kunstfreund

VonWolfgang Gillmann

Manfred Wittenstein hat Ideen und ein Gespür für Märkte. Trotz Wirtschaftskrise ist der Mittelständler erfolgreich mit High-Tech-Getrieben. Wittensteins zweite Leidenschaft ist die Kunst.

IGERSHEIM. Er ist kein typischer Tüftler. Obwohl sein Unternehmen, die Wittenstein AG, in Baden-Württemberg beheimatet ist und genau dem Klischee eines erfolgreichen mittelständischen Maschinenbauers dieser Region entspricht. "Ich sehe mich eher als Generalist", sagt Manfred Wittenstein und lässt die Augen hinter seiner Brille blitzen. "Ich muss den Markt sehen und dafür das richtige Produkt anbieten."

Den richtigen Blick für den Markt hat der Wirtschaftsingenieur gleich zu Beginn seiner Karriere als Unternehmer. Als er 1979 seine Promotion an der TU Berlin abbrechen muss, weil "die Familie ruft", erkennt der damals 37-Jährige schnell, dass die Fabrik seines Vaters mit Nähmaschinen für die Herstellung von Damenhandschuhen keine Zukunft mehr hat.

Da macht ihn ein befreundeter Unternehmer auf den Roboter-Markt aufmerksam. Hier sieht er seine Chance und steigt auf den Bau so genannter Planetengetriebe um, bei denen drei kleine Zahnräder ein größeres umkreisen wie Planeten einen Fixstern.

Wittensteins Strategie geht auf. Heute ist sein Unternehmen aus Igersheim in der Nähe von Bad Mergentheim Weltmarktführer mit Getrieben, die Roboter, Werkzeugmaschinen und Aufzüge antreiben. In Zahlen: rund 75 Millionen Euro Umsatz und 600 Beschäftigte. Die größte Tochterfirma, Alpha Getriebe, wurde von der Fraunhofer-Gesellschaft im vergangenen Jahr zum innovativsten Unternehmen Deutschlands gewählt.

Visionen für neue Märkte nennen Mitarbeiter als die Stärke des Unternehmers mit dem markanten Bürstenhaarschnitt. "Er setzt Impulse für neue Produkte und gibt die Hauptrichtung vor", beschreibt ihn Betriebsrat und Aufsichtsrat Manfred Dorsch. Zwischen dem Betriebsrat und dem Vorstandschef Wittenstein - seine Familie hält das gesamte Kapital - gibt es anscheinend kaum Probleme. "Wir ziehen an einem Strang", betont Dorsch, der aber nicht Mitglied der schwach vertretenen IG Metall ist.

Auch der Arbeitgeberverband hat im Betrieb keine Chance. Wittenstein ist ausgetreten. "Das Erste, was ich getan habe, als ich das Unternehmen übernommen habe", sagt der sonst eher ruhige Firmenchef, der seine Worte mit Bedacht wählt, und wird richtig energisch. An "Schaukämpfen und altbackenen Verfahren" hat er kein Interesse. Auch die Politik reizt ihn nicht: "Nicht effizient, da kann ich mir die Leute nicht aussuchen."

Vielmehr interessiert den Unternehmer mit dem hellen Kinnbärtchen die Kunst. "Sie begleitet uns überall." Zwischen den neuen Fabrikhallen steht eine Moses-Büste von Ernst Fuchs. Er hat sie vor drei Jahren gekauft. "Es war Liebe auf den ersten Blick", schwärmt er. Sie steht im "Weltgarten". Dort wachsen Pflanzen und Bäume aus allen Regionen, mit denen er Geschäfte macht. Er will noch weitere Büsten aufstellen: von Newton, Platon und Einstein. "Alles Menschen, die unser Denken stark beeinflusst haben." Noch hat er keine passenden Skulpturen gefunden. "Sonst werde ich sie in Auftrag geben", sagt Wittenstein und lacht.

Auch sonst hat die Kunst für ihn eine hohe Bedeutung. Der Chef, der in erster Ehe mit einer Schauspielerin verheiratet war, spielt in seiner Freizeit Querflöte, liest gerne Romane von Hermann Hesse und Thomas Mann und organisiert einen Operngesangs-Wettbewerb im benachbarten Bad Mergentheim. Die Unternehmensräume nutzt er für wechselnde Ausstellungen mit jungen Künstlern aus der Region.

Als Schöngeist sieht sich der Unternehmer deshalb aber nicht. Er will vor allem die Trennung zwischen Arbeitswelt und Freizeit aufheben. "Das hat mich immer gestört." Dass dabei etwas für das Unternehmen abfällt, gibt er freimütig zu. "Wir müssen die Aufmerksamkeit für die Region stärken", begründet Wittenstein, der auch Vizepräsident der IHK Heilbronn-Franken ist, sein Engagement.

Für sich persönlich hat der 60-Jährige genaue Vorstellungen für den Übergang ins Privatleben. "Ich mache diese Legislaturperiode noch zu Ende." Mit 65 will er sich vom operativen Geschäft zurückziehen. "Ich sehe mich dann mehr als strategischen Berater." Der jetzige Vorstand Karl-Heinz Schwarz, seit 14 Jahren in der Firma, soll den Chefposten übernehmen.

Doch das Unternehmen soll in Familienhand bleiben. Ob die 27-jährige Tochter des Chefs, ältestes von vier Kindern, die ihren Dr. Ing. macht, einmal einsteigen wird, ist noch offen. Seine jüngste Tochter aus zweiter Ehe ist erst vier. Sie hat sich aber mit ihrem Kindersitz einen festen Platz im Porsche 911 Turbo des Vaters gesichert.

Vita

Er wird am 2. September 1942 in Berlin geboren. Nach dem Abitur studiert er Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin und macht dort 1972 sein Diplom. Er gründet 1975 eine Firma für Kunststoff- Tiefziehmaschinen und arbeitet nebenher an seiner Promotion. 1979 muss er unerwartet die Firma seines Vaters übernehmen. Er formt sie zu einem Unternehmen für Spezialgetriebe um und gründet zahlreiche Tochterfirmen. 2001 wird er Chef der neu gegründeten Wittenstein AG.

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