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16.01.2003

07:09 Uhr

PROFIL: Nick Hayek ist neuer Chef der Swatch-Group

Der diplomierte Rebell

VonJan Dirk Herbermann

Der Sohn folgt seinem Vater Nicolas als Chef der Swatch-Group. Wie der Papa ist auch Nick Hayek ein Querdenker und Exzentriker, der die Provokation kultiviert.

GENF. Es war eine lange Geheimniskrämerei, fast schon typisch schweizerisch. Wann würde Nick Hayek im Chefsessel seines Vaters Nicolas sitzen? Wann würde der Junior die "Konzernleitungsführung" bei Swatch übernehmen?

Auf den Bilanzpressekonferenzen des größten Uhrenherstellers der Welt wurde der Senior immer wieder mit der Frage nach seinem Abgang gelöchert. Seit dem 1. Januar ist der Generationenwechsel am Swatch-Stammsitz im westschweizerischen Biel vollzogen. Auf Nicolas folgt Nick. Ein Exzentriker löst den anderen Exzentriker ab.

Sein Vater bleibt Nicks großes Vorbild. Er ließe sich lieber mit dem 74-jährigen Patron vergleichen als "mit einer schwachen Persönlichkeit", beteuert der Spross. Gleichzeitig stellt der 48-Jährige aber klar, dass er keinesfalls unter einem Vaterkomplex leide. Er wolle keine Kopie des Alten sein.

Doch zumindest das Gesicht ist fast das gleiche. Die starke Nase, die buschigen Brauen, die wachen Augen. Beide paffen mit Genuss schwere Zigarren. Beide tragen regelmäßig mehr als eine Armband-Uhr aus ihrem Sortiment - es reicht von der günstigen Swatch bis zu den sündhaften teuren Modellen von Glashütte und Breguet. Dabei schmücken sie sich abwechselnd mit Objekten von jeder der 18 Marken des Hayek-Imperiums. Niemand soll sich benachteiligt fühlen. Die Swatch bleibt das Fundament. "Fast jede und jeder auf der Welt kennt Swatch. Mehrere Hundert Millionen Uhren sind verkauft worden", sagt Nick Hayek mit Stolz. "Und - sehr wichtig - ohne Swatch gäbe es in der Schweiz auch keine Uhrenindustrie mehr."

Während Hayek senior in den siebziger Jahren eine ganze Wirtschaftsbranche vor dem Untergang rettet, sucht der Sohn den eigenen Weg ins Leben. Ein Studium an der renommierten Hochschule St. Gallen schmeißt er nach einigen Semestern. Er malocht für ein halbes Jahr in einer Gießerei als Praktikant.

Seine große Rolle findet der junge Nick dann in Paris. An einer Filmakademie in der Seine-Metropole lässt er sich ausbilden. Er gründet eine Produktionsgesellschaft in Paris. Als Höhepunkt seines Schaffens gilt der Film Family Express mit US-Star Peter Fonda. Zwar ist der Streifen kommerziell nicht eben ein Hit, für Nicks Emanzipation kann jedoch kaum etwas Besseres passieren. Noch heute erinnert sich der gelernte Regisseur mit Wehmut an die turbulenten Tage rund um den Set.

Doch dem mächtigen Sog des Hayekschen Imperiums kann - und will - Nick nicht länger widerstehen. So realisiert er zunächst Werbefilme für Swatch und organisiert Events. Seit 1994 steht der junge Hayek dann endgültig voll auf der Gehaltsliste des alten Hayek. In der Swatch AG rückt er weiter nach oben, zuletzt wird er Chef.

Seinem Image als Querdenker ist der Junior auf seinem unkonventionellen Weg nach oben aber stets treu geblieben. Für eine Fotostrecke posierte er als angestrengter Denker auf einer grünen Wiese, über seine Führungsphilosophie sagt er offen, er sei ein Teamplayer: "Ich bin sozusagen einer zum Anfassen."

Auch jenseits der Werkstore sorgt der "diplomierte Rebell" für Furore. Als er den Kanton Swatch als 27. Landesteil seiner Heimat proklamierte, trauten viele der konservativen Eidgenossen ihren Ohren nicht. Auf der Generalversammlung von Swatch lauschten die Aktionäre jedoch gespannt der Vision des ehemaligen Filmemachers. Der Kanton Swatch, so erklärt Hayek, sei kein politisches Gebilde, sondern eine Einstellung. "Er hat keine Grenzen, und es werden keine Steuern verlangt. Bürger kann werden, wer Freude am Leben hat. Die Kantonalbank zahlt kein Geld aus, sondern Zeit."

Der Kanton Swatch, so resümiert Hayek, vereinige "das Beste der Schweiz" in sich. Andere Qualitäten seiner Landsleute bringen den neuen Chef jedoch schon mal zur Weißglut. So zischt er etwa "don?t be swiss", wenn ihm etwas nicht schnell genug geht. Er liebt es nicht, wenn sich die Bedenkenträger auf breiter Front zu Wort melden. Auch sonst bezieht er klar Position: "Wenn Unternehmen Bilanzen fälschen, ist das Problem nicht das System. Wenn Sie Gangster an der Spitze haben, dann können Sie Systeme haben, wie Sie wollen."

Vom Stress und den Gefahren des Unternehmensalltags erholt sich der begeisterte Hubschrauberpilot im Schoße des Hayek-Clans. Seit 1991 ist er mit Liliana aus dem ehemaligen Jugoslawien verheiratet, die Beziehung zu seiner Mutter ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Doch der Fixpunkt von Hayek junior ist und bleibt der Senior. Der Alte überwacht auch in Zukunft die Konzernführung als Präsident des Verwaltungsrats (VR) und hat als Hauptaktionär ein vitales Eigeninteresse am Erfolg seines Sohnes. Kurz vor seinem Abgang als CEO ließ Papa Hayek wissen: "Ich sehe meine Aufgabe als VR-Präsident darin, zu sichern, dass die Firma sich weiterentwickelt wie bisher."

Vita

Er wird 1954 als Sohn von Nicolas Hayek geboren. Nach der Matura (Abitur) studiert er zwei Jahre lang Marketing an der Hochschule St. Gallen. Fünf Jahre ist er in Paris, studiert dort an der Filmakademie und arbeitet im Anschluss als Regisseur. 1994 kehrt er in die Schweiz zurück und wird Vizepräsident und Marketingleiter von Swatch. Seit 1. Januar dieses Jahres ist er Chef der Swatch Group.

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