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29.06.2000

14:11 Uhr

Herr von Bohlen, geraten Sie als Chef eines Biotech-Unternehmens wegen der kompletten Entschlüsselung des menschlichen Erbguts nun in große Euphorie?



Natürlich wussten wir längst, dass die fast komplette Genkarte des Menschen bald vorliegen wird. Von daher war das nicht neu. Aber dennoch ist es sehr bedeutsam: Bisher gab es nur eine unvollständige Karte über die Gene. Das wird nun anders, und das eröffnet der Biotechnik- und Pharmaindustrie völlig neue Chancen bei der Diagnose und Therapie von Krankheiten.

Was bedeutet die Entschlüsselung für das von Ihnen geführte Unternehmen Lion Bioscience?

Es kommt nun darauf an, die Gene alle zu finden und die Funktionen der Gene genau zu verstehen. Forscher werden weltweit bald mit einer noch viel größeren Menge an Daten umgehen müssen, mit denen sie Genfunktionen analysieren und Wirkstoffe gegen Krankheiten finden wollen. Wir liefern Software und IT-Konzepte hierfür. Darin liegt unsere Chance.

Also sind Bioinformatik-Firmen zunächst die Gewinner nach der Entschlüsselung der Gene?

Sicherlich. Aber auch die ganze Branche wird profitieren, weil die Erforschung der Genfunktionen und die darauf folgende Wirkstoffsuche und Medikamente-Entwicklung einen Schub bekommen. Die Informationstechnologie wird diese Prozesse in der Biotechnik- und auch in der Pharmaindustrie deutlich beschleunigen und verbessern. Davon haben alle etwas.

Wäre es für Lion vorstellbar, einmal selbst Wirkstoffe und Medikamente herzustellen?

Das ist für fast jedes Biotech-Unternehmen interessant. Wir suchen bereits nach Wirkstoffen, stets in enger Integration mit unseren eigenen IT-Lösungen. Unser Ziel heißt zunächst: Wir wollen die SAP der Biotech-Branche werden. Langfristig wollen wir natürlich aus der Wirkstoffsuche weiteres wirtschaftliches Potenzial schlagen.

Was heißt das für das Verhältnis zu den Pharma-Riesen?

Sie werden mehr Allianzen mit Firmen unserer Branche eingehen, weil die Verlagerung der Forschung hin zu Biotech-Unternehmen zunimmt. Diese Entwicklung liegt begründet in der Verfügbarkeit spezialisierter Mitarbeiter, die lieber zu uns kommen als zu großen Konzernen.

Die Fragen stellte Bert Fröndhoff.

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