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03.01.2003

15:08 Uhr

Prognosen bis Ende 2003 sind aber gegensätzlich

Umfrage: Keine EZB-Zinsänderung im Januar

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihrer Zinssenkung vom Dezember nach einhelliger Einschätzung von Volkswirten im Januar keine weitere folgen lassen.

Reuters LONDON. Die Prognosen für den Leitzins in der Euro-Zone bis Ende 2003 fallen nach der am Freitag veröffentlichten Reuters-Umfrage jedoch gegensätzlich aus: die eine Hälfte der Volkswirte erwartet wegen der schwachen Konjunktur weitere Zinssenkungen im ersten Halbjahr, die andere Hälfte geht von stärkerem Wachstum und höheren Leitzinsen ab dem zweiten Halbjahr aus.

Unter den 51 befragten Volkswirten erwarten 50 von der EZB in der kommenden Woche die Entscheidung, den Leitzins von 2,75 Prozent nicht zu ändern. Die Notenbank hatte im Dezember die Zinsen um einen halben Prozentpunkt gesenkt, da sie einen Rückgang der Inflation in diesem Jahr unter ihre Toleranzgrenze von zwei Prozent erwartet und der schwachen Konjunktur einen Impuls geben wollte.

Risikofkatoren für die Konjunktur

Bei 50 Prognosen für die weitere Zinsentwicklung sagten 25 Analysten als nächsten Zinsschritt eine Erhöhung voraus. Die moderate Inflation, der Euro-Kursanstieg und das Risiko eines Irak-Krieges für die lahmende Konjunktur werde die EZB aber damit mindestens bis zum zweiten Halbjahr 2003 abwarten lassen. Die andere Hälfte der Experten erwartete dagegen eine weitere geldpolitische Lockerung. Dabei prognostizierten 18 eine Zinssenkung um 25 Basispunkte bis Ende März, sieben Volkswirte rechnen damit im April, Mai oder Juni. Bis zum Ende dieses Jahres erwarten die Volkswirte im Mittel einen etwas höheren Leitzins von 3,00 Prozent. Die Prognosen liegen mit einer Spanne von 2,00 bis 3,75 Prozent jedoch weit auseinander.

Entscheidend für die höchst unterschiedlichen Vorhersagen sind die Konjunkturprognosen, die wegen der vielen Unbekannten sehr unsicher sind. Im vergangenen Jahr hatte sich die erhoffte Erholung im zweiten Halbjahr nicht eingestellt, so dass die Wirtschaft den meisten Prognosen zufolge nur um knapp ein Prozent gewachsen ist nach 1,5 Prozent 2001. Für 2003 liegen die Vorhersagen bei einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von knapp zwei Prozent. Doch mit dem drohenden Irak-Krieg und seinen Folgen für Ölpreis und Wechselkurs, der noch wackeligen US-Konjunktur, der Ertragskrise der Banken und den gelähmten Aktienmärkten ist die erwartete Belebung einem ganzen Bündel von Risikofaktoren ausgesetzt.

"Es herrscht nicht genug Vertrauen in die Erholung, deshalb sagen viele eine weitere Zinssenkung der EZB voraus", sagte Adolf Rosenstock von Nomura in Frankfurt, der wie viele eine Zinssenkung um 25 Basispunkte erwartet. Die Inflationsrate, die nach drei Jahren mit Raten über zwei Prozent in diesem Jahr endlich unter die EZB-Zielmarke sinken soll, könne bei einer weiteren Euro-Aufwertung überraschend niedrig ausfallen, sagte Daniela Etschberger von Dresdner Kleinwort Wasserstein. Allein in den vergangenen Wochen hat der Euro fünf Prozent auf Kurse um 1,04 Dollar zugelegt. Sollte diese Tendenz anhalten, wird nach Ansicht von Holger Schmieding von der Bank of America eine Zinssenkung im Februar oder März wahrscheinlicher.

Deutsche Konjunktur muss angekurbelt werden

Zwei Banken rechnen sogar mit weiteren 50 Basispunkten auf einen Schlüsselzins von 2,25 Prozent. Auch die Analysten von ABN Amro, die nicht an der Umfrage teilnahmen, setzen auf eine Zinssenkung in diesem Ausmaß. Die EZB habe inzwischen eine pragmatischere Haltung und ziele entgegen ihrer offiziellen Strategie stärker auf eine konjunkturelle Unterstützung ab. Auch wenn die Notenbank das niemals öffentlich zugeben werde, wolle sie vor allem die schwache deutsche Konjunktur ankurbeln und nehme dabei höhere Inflationsraten in den kleineren, wachstumsstärkeren Ländern in Kauf.

Die EZB habe mit ihrer Zinssenkung ein Gegengewicht zu den Abwärtsrisiken für das Wachstum schaffen wollen, deshalb sei das Ausmaß der weiteren konjunkturellen Eintrübung entscheidend für den nächsten Zinsschritt, schreibt auch Michael Schubert von der Commerzbank in einem Kommentar. Eine Zinssenkung wäre nach seiner Kalkulation wahrscheinlich, wenn die Wirtschaft in den ersten beiden Quartalen gar nicht oder nur minimal um 0,1 Prozent zum Vorquartal wachsen würde. Die Commerzbank geht jedoch von Oktober 2002 bis Juni 2003 von immerhin 0,3 Prozent Wachstum im Schnitt aus. "Wir erwarten eine längere Phase unveränderter Leitzinsen, bevor die EZB im späten Verlauf von 2003 durch eine erste Zinserhöhung den Expansionsgrad der Geldpolitik zurückzunehmen beginnt."

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