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27.03.2003

11:12 Uhr

Projekt steckt noch in den Kinderschuhen

Frankreich will „CNN à la Française“

Der hart umkämpfte Medienmarkt im Irak-Krieg ist für Frankreich Anlass, die Bemühungen um eine eigene Medien-Präsenz zu verstärken. Präsident Jacques Chirac will mit einem "CNN à la Française" in französischer Sprache die Haltung Frankreichs verbreiten - "Frankreich sollte stärker im Bilderkampf vertreten sein", hat er kürzlich gesagt. Das bedeutet nicht, dass ein solcher Sender absolut regierungstreu sein sollte - gedacht wird an eine "französische Sichtweise internationaler Ereignisse", heißt es im Elysée.

HB/dpa PARIS. Die Pläne liegen bereits seit über zehn Jahren in den Schubladen, doch ihre Umsetzung scheiterte immer wieder an internen Streitigkeiten und Differenzen. Der Irak-Krieg könnte jetzt die Entwicklung beschleunigen. "Auf den Bildschirmen gibt es Bilder der amerikanischen Koalition und des irakischen Fernsehens - es fehlt ein Gegengewicht zu den Kriegsparteien", schreibt "Le Monde".

Nach den Plänen der Regierung in Paris soll das Projekt 2004 auf Sendung gehen. Skeptiker bezweifeln allerdings, ob Chirac wie geplant im kommenden Juli die baldige Geburt des Senders ausrufen kann. Nach einer ersten Rechnung der französischen Nationalversammlung könnten im Haushalt 2004 etwa 30 Mill. ? für den "französischen CNN" reserviert werden - eine Summe, die von Kritikern belächelt wird. "Wenn Frankreich die Weltmeinung wirklich beeinflussen will, kostet das mindestens 100 Mill. ?", sagt der konservative Abgeordnete François Rochebrune.

Französische Regierung denkt an ein Kooperationsobjekt

Um marktbeherrschenden und finanzstarken Sendern wie dem britischen BBC World und dem amerikanischen CNN die Stirn bieten zu können, ist der Weg noch weit. "Wir müssten uns sehr viel bescheidenere Ziele setzen und schrittweise ein weltweites Korrespondentennetz aufbauen", sagt der Generaldirektor des Nachrichtenkanals LCI (La Chaine Info), Jean-Claude Dassier, der sich eine Kooperation mit dem geplanten Sender sehr gut vorstellen könnte.

Auch die französische Regierung denkt an ein Kooperationsprojekt zwischen dem öffentlichen Fernsehen France Télévisions und dem privaten TFI, zu dem LCI gehört. "Wenn so ein Sender nicht absolut unabhängig ist, kann man das Projekt sofort vergessen", betont Dassier, der auch eine Zusammenarbeit mit den bestehenden Netzen der französischen Nachrichtenagentur AFP und dem internationalen Rundfunksender Radio France International befürwortet.

ARD und ZDF haben sich bereits von Vorstellungen über eine Beteiligung des deutsch-französischen Senders Arte an diesem Projekt distanziert. Die Schwierigkeiten eines europäischen Nachrichtensenders seien an Euronews klar zu erkennen, meint der ARD - Vorsitzende Jobst Plog.

Die Bemühungen von LCI, seinem Vorbild CNN nachzueifern, stecken noch in den Kinderschuhen. So hatten beispielsweise beide Sender im Vorfeld des Irak-Krieges die Pariser Pressekonferenz von Präsident Jacques Chirac, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder direkt übertragen - allerdings kappten die Franzosen die Leitungen, sobald Chirac seine Erklärung beendet hatte. Um die Pressekonferenz in vollständiger Länge zu verfolgen, mussten die Franzosen umschalten - auf CNN.

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