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08.07.2000

15:37 Uhr

Ränkespiele sind nicht seine Sache

Mohammad Chatami - Revolutionär ohne Machtgier

VonBirgit Cerha

Der iranische Präsident setzt auf die Macht des Wortes. Gegen den Widerstand der Fundamentalisten will er sein Land von Innen verändern.

Fast 80 % der Wähler gaben Chatami ihre Stimme

Fast 80 % der Wähler gaben Chatami ihre Stimme

Selbst unter den heftigsten Attacken seiner Gegner bleibt Mohammad Chatami entschlossen, Iran in eine freiere Zukunft zu führen - Gier nach Macht ist seinem Wesen fremd. Wahrscheinlich, so meinen seine Freunde, würde er lieber in der Nationalbibliothek sitzen und in Büchern stöbern.

Mohammad Chatami wurde nicht für die Politik geboren. Philosophie, Religion und Geisteswissenschaften sind seine Domäne. Sie hat er erlernt. Tricks, ausgeklügelte Ränkespiele sind nicht seine Sache.

Freunde erinnern sich an seine verärgerte Reaktion, als eine Gruppe liberaler Geistlicher ihn mit der Idee konfrontierte, sich 1997 den Wahlen zur Präsidentschaft zu stellen. Niemand ahnte damals, welch schicksalhafte Wende Iran damit nehmen würde. Fast 80 % der Wähler gaben diesem Mann, der als erster hoher Politiker der "Islamischen Republik" Toleranz gegenüber Andersdenkenden auf seine Fahnen schrieb, ihre Stimme.

Wenn heute fanatische iranische Exil-Oppositionelle, getrieben von Hass, Vergeltungssucht und eigenem Machtstreben, Chatami als "Marionette" abqualifizieren, dann übersehen sie, dass es Chatami gewesen war, der den Iranern den Mut gab, sich selbst für ihre Ziele einzusetzen, für einen "Iran frei von Zwang".

Ungeachtet aller Widrigkeiten, aller noch so brutaler und skrupelloser Widerstände, des Verlustes seiner entschlossensten Mitstreiter, hält Chatami durch, weil er sich nach den Worten enger Vertrauter einen idealistischen Glauben an seine Verpflichtung gegenüber der Nation bewahrt hat und von der tiefen Überzeugung getrieben wird, dass das iranische Volk endlich die Macht der Wahl erhalten muss.

Die Kindheit in einer toleranten Familie in Yazd prägte den Sohn eines Ayatollah. Auch er wählte die geistliche Laufbahn und erweiterte seinen Horizont durch Philosophiestudien im Westen. In Hamburg leitete er drei Jahre lang das "islamische Zentrum".

Während der Revolution Chomeinis 1978/79 spielte er nur eine untergeordnete Rolle. Doch als Minister für Kultur bescherte er dem Land von 1982 bis 1992 den Hauch eines "kulturellen Frühlings", bis er dem Druck seiner erzkonservativen Gegner wich und sich völlig aus der Politik zurückzog.

Chatami besitzt die ungewöhnliche Fähigkeit, Hoffnung auszustrahlen, ohne panische Ängste auszulösen. Offene Konfrontation gehört nicht zu seinem Stil. Ohne Blutbad soll sich das System von Innen verändern. Chatami baut auf die Macht des Wortes. Ob diese Kraft ausreicht, um seine machtbesessenen Gegner zu besiegen, wird sich für den Iran als Schicksalsfrage erweisen.

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