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29.01.2001

16:58 Uhr

Reaktion auf neue Vorwürfe gegen den Sender

MDR verordnet sich neue Stasi-Überprüfung

Nach 1991 wird der Sender zehn Jahre später erneut seine Mitarbeiter überprüfen lassen. Der MDR reagiert auf Vorwürfe, zur zweiten Heimat von Stasi-Spitzeln geworden zu sein. Die jüngsten Vorwürfe zielen nicht mehr nur auf Volksmusikmoderatoren; auch eine Magazin-Moderatorin und ein Nachrichtenchef sollen für die DDR-Spionage tätig gewesen sein.

dpa LEIPZIG. Beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) werden die weit über 2  000 Mitarbeiter erneut auf Verstrickungen in das einstige Spitzelsystem der DDR-Staatssicherheit überprüft. Das hat der MDR- Rundfunkrat am Montag in Leipzig beschlossen. Die Drei-Länder-Anstalt reagierte damit auf wiederholte Vorwürfe, vielen ehemaligen Stasi- Zuträgern eine berufliche Heimat zu bieten. Erst voriger Woche waren erneut Vorwürfe gegen bekannte MDR-Moderatoren öffentlich geworden.

Der Rundfunkrat folgte einem Vorschlag von MDR-Intendant Udo Reiter. Danach werden sämtliche fest angestellten und festen freien Mitarbeiter bei der Gauckbehörde überprüft. Damit geht der Beschluss weit über die Regelung von 1991 hinaus. Seinerzeit hatte der damalige Rundfunkbeirat nur die Überprüfung aller leitenden, aller programmrelevanten sowie der Mitarbeiter in der Verwaltung vom Sachbearbeiter an aufwärts angeordnet. Der 43-köpfige Rundfunkrat will sich selbst ebenfalls erneut von der Behörde durchleuchten lassen.

"Mit diesem entschlossenen Schritt schaffen wir Vertrauen in der Belegschaft und in der Öffentlichkeit", sagte Reiter. Alle Befunde sollen - wie schon beim ersten Überprüfungsdurchlauf 1991 bis 1996 - zur abschließenden Bewertung dem Personalausschuss des Rundfunkrats vorgelegt werden. Der MDR werde sich an die Empfehlungen des Gremiums halten und, falls erforderlich, auch die möglichen rechtlichen Konsequenzen ziehen, sagte der Intendant.

Vorwürfe an Nachrichtenchef und Magazinmoderatorin

Am vergangenen Freitag waren die Moderatorin des ARD-Politikmagazins "Fakt", Sabine Hingst, sowie der Nachrichtenchef der Wortwelle "MDR info", Ingolf Rackwitz, und ein TV-Moderator der Regionalsendung "Sachsen-Spiegel" mit Stasi-Vorwürfen konfrontiert worden. Sie dürfen vorläufig nicht mehr auf dem Bildschirm oder am Mikrofon erscheinen. In ihren Fällen werde der Sender Eilanträge bei der Gauckbehörde stellen, sagte Reiter.

Während der bisherigen Stasi-Überprüfung bei der fünftgrößten ARD-Anstalt waren nach Angaben des Senders 76 Problemfälle bekannt geworden. Je nach Schwere der Schuld, die vom Personalausschuss bewertet wurde, seien die Journalisten nicht mehr für den MDR tätig oder weiter beschäftigt worden. Rundfunkrat und Intendant stellten sich nun ausdrücklich hinter die Arbeit des Personalausschusses. Der Sender beschäftigt gegenwärtig rund 2 030 Angestellte und mehrere hundert freie Mitarbeiter.

Zu den in letzter Zeit beim MDR bekannt gewordenen Stasi-Fällen gehörte auch der des beliebten Volksmusik-Moderators Horst Doberschütz. Er bekannte sich kürzlich dazu, jahrelang als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi tätig gewesen zu sein. Doberschütz verzichtete auf die weitere Moderation des "Musikanten- Stammtischs" im MDR 1 Radio Thüringen.

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