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02.04.2003

08:14 Uhr

Regenbogenfarbene Protestaktion aus Italien

Phänomen Friedens-Fahne

Normalerweise glänzen die alten Palazzi in Rom abends in warmen Ocker-Tönen, die Hauswände sind nackt und nüchtern. Aber mit dem Krieg gegen den Irak hat sich das Stadtbild Roms und vieler anderer italienischer Städte verändert. An unzähligen Häuserwänden leuchten Fahnen in allen Regenbogenfarben, sie tragen die Aufschrift "Pace" (Frieden) - und sind das Sinnbild einer der größten pazifistischen Protestaktionen der vergangenen Jahrzehnte.

HB/dpa ROM. "Ich finde das einfach großartig, auf einmal nehmen die Menschen wieder aktiv an den politischen Geschehnissen teil und äußern auf diese völlig neue Weise ihre Meinung zum Krieg", sagt der 35-jährige Nicola aus Rom.

Die Regenbogen-Flaggen sind mittlerweile ein echtes Phänomen. Über zwei Millionen Exemplare wurden bereits verkauft, hängen aus Fenstern, zieren Balkone, Autos, Schaufenster und Monumente. Die Friedens-Fahnen-Manie schwappt derzeit sogar schon auf weite Teile Europas über. Dabei ist relativ unklar, wo diese Bürgerinitiative ihren Ursprung hat. Denn eigentlich hatte einst die Schwulen- und Lesbenbewegung ein ähnliches Banner zu ihrem Symbol erkoren - und das bunte Tuch sogar rechtlich schützen lassen.

Wahrscheinlich waren es Globalisierungsgegner, die die Farben der Flagge einfach auf den Kopf stellten, eine siebte Nuance hinzufügten und das Ganze mit dem Schriftzug "Pace" versahen. Berühmt wurde die Fahne dann im Frühjahr bei den Mailänder Pret-a-Porter-Schauen, als Top-Model Naomi Campbell ein Pace-Top in den Regenbogenfarben von Dolce & Gabbana vorführte. "Aber der Erfolg kommt wohl unter anderem auch daher, dass die Fahnen einfach schön aussehen und die Städte viel bunter und jünger machen", sagen Beobachter.

Auch in Deutschland macht das Friedens-Banner mittlerweile Furore. Für stolze zehn Euro kann die Fahne auf der Webseite www.friedensfahnen.de bestellt werden. In Italien kostet sie derzeit fünf bis sieben Euro und steht in unzähligen Läden und Straßenständen zum Verkauf. Dennoch meinen Kritiker, die Flaggen-Begeisterung sei mittlerweile zu einem kalkulierten Geldgeschäft geworden. "Anfangs fand ich die Idee toll, aber jetzt finde ich das Ganze einfach zu kommerziell", meint eine 25-jährige Deutsche, die seit drei Jahren in Italien lebt.

Die Anhänger der Initiative pochen hingegen vor allem auf die Botschaft, die sich hinter dem bunten Farben-Mix verbirgt. Denn viele Italiener sind nicht glücklich mit der Politik von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der den Krieg der USA als legitim bezeichnet. Letzten Umfragen zufolge sind über 80 Prozent der Italiener gegen die Politik der Vereinigten Staaten und lehnen den Krieg ab. Allein in Mailand haben sich bis heute rund 500 Taxi-Fahrer dafür entschieden, mit kleinen Friedens-Fähnchen gegen den Krieg zu fahren. "Unsere Kunden sind begeistert - und kein Verkehrspolizist kann mir verbieten, mit der Flagge zu fahren", sagt Alfonso Facciolo von der Mailänder Taxi-Vereinigung.

Zuletzt ließ auch der Präsident des Fußballclubs Inter Mailand, Massimo Moratti, vor einem Heimspiel eine Regenbogenfahne auf das Spielfeld tragen. Sogar Amerikaner zeigen verstärkt Interesse an dem italienischen Friedens-Symbol: So bestellte die New Yorker Designerin Anita Jorgensen kürzlich 1000 Stück. "Die Kampagne "Pace da tutti i balconi" (Frieden von allen Balkonen) ist auf dem besten Weg, ein weltweites Phänomen zu werden", kommentierten italienische Medien.

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