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15.01.2003

17:12 Uhr

Regenerative Energien nur Ergänzung

Energiebranche blickt auf Kohle und Öl

Die deutsche Energiebranche ist um eine Richtigstellung bemüht: Nicht Wind, Wasser oder Sonne seien in absehbarer Zeit die großen Stützen der heimischen Energieversorgung, sondern auch weiterhin die fossilen Energien, betonen in diesen Tagen immer wieder die Vertreter der führenden deutschen Konzerne auf der "Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft" in Berlin.

vwd BERLIN. Kohle sei weiter unverzichtbar, und die Ölreserven reichten sowieso noch für 100 Jahre. Der Grund für den Fokus, den die Branche auf die fossilen Brennstoffe zu lenken versucht, ist klar: Die politische Förderung erneuerbarer Energien verursacht Kosten, die die Unternehmen zunehmend nicht mehr zu tragen bereit sind.

Einig zeigten sich am Mittwoch die Vorstandsvorsitzenden der RWE AG und der Vattenfall Europe AG, Dietmar Kuhnt und Klaus Rauscher. Deutschland werde noch für Jahrzehnte auf "erhebliche Beiträge" der fossilen Energien, also auch der Kohle, angewiesen sein, betonte Kuhnt bei dem Branchentreffen in Berlin.

Rauscher bezeichnete die Braunkohle-Verstromung als einen "unverzichtbaren Bestandteil der Energiewirtschaft in Deutschland". Kohle habe einen Anteil von mehr als 52 Prozent an der Stromversorgung und sei damit der wichtigste heimische Energieträger. Braunkohle sei langfristig verfügbar und subventionsfrei wettbewerbsfähig und in Ostdeutschland zudem ein nicht wegzudenkender Wirtschaftsfaktor.

Regenerative Energien nur Ergänzung

Erneuerbare Energien können - darin sind sich die Konzernlenker von RWE und Vattenfall Europe ebenfalls einig - die fossilen Energien trotz der massiven politischen Förderung auch in den kommenden Jahrzehnten nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Der "Erntefaktor" sei noch zu gering, betont Rauscher. Anders ausgedrückt: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt hier noch nicht. Die nutzbare Wasserkraft sei in Deutschland nahezu ausgeschöpft, die Photovoltaik stehe erst am Anfang ihrer Entwicklung. Und mit dem zunehmenden Ausbau der Windkraft stiegen auch der Bedarf an Regelenergie - und damit an konventioneller Kraftwerkskapazität.

Dass die Bundesregierung dennoch die erneuerbare Energien per Gesetz weiter puscht, verursacht nach RWE-Berechnungen allein in diesem Jahr Mehrkosten von über zwei Mrd EUR, die von den Unternehmen und Verbrauchern getragen werden müssten. "Die Belastung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ist für viele Unternehmen nicht mehr tragbar", kritisiert auch Werner Marnette, Vorstandsvorsitzender der Norddeutsche Affinerie AG aus Hamburg und Vorsitzender des Energieausschusses des BDI. Auch sein Unternehmen gehört zu den energieintensiven Konzernen, die sich von der derzeitigen Politik besonders ungerecht getroffen sehen.

Mehr Ölreserven als jemals zuvor

Auch Ölmanager Wilhelm Bonse-Geuking warnte am Mittwoch davor, Kosten-Nutzen-Relationen bei der Förderung von erneuerbaren Energien zu vernachlässigen. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen BP AG betonte, Panikmache mit Blick auf zu Ende gehende fossile Brennstoffe gelte nicht.

Schon die jetzigen Ölreserven reichten für über 100 Jahre. Dabei seien technologische Fortschritte, die insbesondere bei der Ausbeute der Lagerstätten mit Sicherheit noch erreicht würden, noch gar nicht eingerechnet. Bonse-Geuking verweist darauf, dass der "Club of Rome" bereits vor 30 Jahren vorhergesagt habe, 1998 gebe es "keinen Tropfen Öl mehr".

Heute habe man dagegen mehr Ölreserven als jemals zuvor. Die deutsche Energiewirtschaft betont ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern - und fordert auch im Hinblick auf die ergeizigen deutschen Klimaschutzziele einen Richtungswechsel in der Förderpolitik der rot-grünen Koalition. Eine Renaissance der Kernkraft - die etwa Vattenfall-Europe-Chef Rauscher für möglich hält - steht dabei nicht unbedingt auf der Tagesordnung. Doch die Branche lockt mit anstehenden Großinvestitionen von insgesamt rund 30 Mrd. Euro. Allein in der deutschen Strombranche ergebe sich auf Grund der Altersstruktur des Kraftwerkparks ein Re-Investitionsbedarf von 40.000 Megawatt zwischen 2010 und 2025, erläuterte RWE-Lenker Kuhnt. Die entsprechenden Entscheidungen seien in den nächsten zwei bis fünf Jahren zu treffen.

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