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04.06.2000

18:00 Uhr

Regionale Einflüsse spielen eine starke Rolle

US-Firmen verlieren Vorsprung beim E-Commerce

VonSIGRUN SCHUBERT

Die Erkenntnis setzt sich durch: Das Internet ist kein globaler Marktplatz, sondern ein Netz regionaler Märkte. Internet-Unternehmen aus den USA versuchen sich eine gute Ausgangsposition im Kampf um die internationalen Umsätze zu verschaffen. Dazu müssen sie eine ganze Reihe von Schwierigkeiten überwinden.

NEW YORK. "Es klingt schon paradox", so der schwedische Internet-Unternehmer Ola Ahlvarson, "aber das Internet ist kein globaler Marktplatz, sondern allenfalls ein Netzwerk lokaler Marktplätze." Diese Erkenntnis spricht sich nun mehr und mehr rum: Auf Konferenzen wie der International Network 2000 in New York - die mehr als 1 000 Besucher aus aller Welt lockte - , bei Analystentreffen und in den Büros von Internet-Unternehmen wird derzeit heiß diskutiert, wie sich neue regionale Märkte am besten erobern lassen. Vor allem für amerikanische Unternehmen ist die Expansion in neue Märkte ein drängendes Problem. Star-Analyst Henry Blodget vom Investmenthaus Merrill Lynch ist überzeugt: "US-Unternehmen, die die Internationalisierung verpassen, haben keine Chance, die enormen Wachstumsraten, die die Börsenkurse bisher in die Höhe getrieben haben, bei zu behalten."

Zu diesem Schluss kommt auch das Marktforschungsunternehmen eMarketer: "Die amerikanische Vorherrschaft im Internet schwindet, während die Zahl der Internet-Nutzer in Nordeuropa, Asien und Latein-Amerika enorm zunimmt", heißt es im Report zur International-Network-2000-Konferenz. Nach den Prognosen werden bis zum Jahr 2003 weniger als ein Drittel (31,8 %) der Internet-Nutzer aus den USA kommen, die Zahl der westeuropäischen Web-Surfern liegt mit erwarteten 28 % nur knapp darunter. 26 % der Internet-Nutzer werden dann in Asien leben.

Beim elektronischen Handel - dem so genannten E-Commerce - werden sich die Gewichte ebenfalls verschieben, so die Analysten. Das Marktforschungsunternehmen International Data Corp. (IDC) sagt voraus, dass der Anteil des E-Commerce-Umsatzes, der außerhalb der USA erwirtschaftet wird, bis 2003 auf 56 % klettern wird. 1998 waren es noch 26 %. Im elektronischen Firmenkundengeschäft, dem B2B, wird der US-Anteil von jetzt mehr als 60 % bis zum Jahr 2004 auf unter 40 % sinken. Das Gesamtvolumen des B2B soll nach den jetzigen Voraussagen bis dahin 7,3 Bill. $ erreicht haben.

Im elektronischen Einzelhandel - dem B2C - soll der europäische Umsatz von 16,8 Mrd. $ Ende 1999 auf 420,45 Mrd. $ steigen. Die guten Wachstumsprognosen für die regionalen Märkte wecken Begehrlichkeiten: "Der Kampf um die internationalen Umsätze hat gerade erst begonnen", ist Bob Davis, CEO des Web-Portals Lycos, das von der spanischen Telefongesellschaft Terra für 12,5 Mrd. $ übernommen werden soll, überzeugt.

Kein einfaches Unterfangen: "Wer versucht, das amerikanische Geschäftsmodell einfach in neue Märkte zu exportieren, wird Schwierigkeiten bekommen", warnt Frank Rosenbusch, Managing Director des Venture Capital Fonds Econa aus Berlin. Rich Zahradnik, President des Fußball-Portals Goalnetwork.com, spottete denn auch bei der internationalen Konferenz Network 2000 über die Naivität, mit der vieler seiner Kollegen die Internationalisierung vorantreiben: "Viele amerikanische Geschäftsleute glauben, Europa ist ein Land." Auch Marty Chavkin, vom am neuen Markt in Frankfurt notierten US-Unternehmen Fortunecity.com glaubt, dass es US-Unternehmen schwer haben werden, sich jetzt noch als Newcomer im deutschen Markt zu positionieren: "Jetzt Marktanteile zu erobern, wird mit Sicherheit viel teurer sein, als noch vor einem Jahr."

Internet-Zugangsanbieter AOL hat einige dieser Schwierigkeiten bereits deutlich zu spüren bekommen: In vielen Regionen bleiben die Abrufzahlen von AOL deutlich hinter denen von lokalen Anbietern zurück. In Grossbritannien wird AOL beispielsweise von dem kostenlosen Anbieter Freeserve übertroffen, in Brasilien hat Konkurrent UOL die Gunst der Nutzer auf seiner Seite, in Deutschland ist T-Online die Nummer eins und in Italien ist es Tiscali. Zudem scheint vielen amerikanischen Internet-Unternehmen die Erfahrung mit den internationalen Kunden zu fehlen: Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research fand heraus, dass knapp die Hälfte der internationalen Kunden, die bei amerikanischen Web-Sites bestellten, vergeblich auf ihre Waren warteten.

Die amerikanischen Anbieter müssen sich darauf einstellen, dass sich die elektronischen Geschäftsmodelle in Europa selbstständig entwickeln werden. Vor allem beim drahtlosen, mobilen Internet und dem so genannten M-Commerce, dem Handel über das Handy, hat Europa eine starke Ausgangsposition: "Beim drahtlosen Internet und beim interaktiven, digitalen Fernsehen wird Europa die Führungsrolle übernehmen", zeigt sich Peter Bradshaw, Analyst beim Investmenthaus Merrill Lynch, überzeugt.

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