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12.01.2001

14:00 Uhr

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Reich an Erfahrung

VonStefanie Scharbau

Die Werbeindustrie nennt sie die konsumkräftigen "jungen Alten". Auf dem Arbeitsmarkt reißt sich jedoch kaum jemand um erfahrene Arbeitnehmer. Das könnte schon bald zum Problem für die Unternehmen werden.

HB DÜSSELDORF. Die ältesten Führungskräfte meines ehemaligen Arbeitgebers sind heute maximal 40 bis 50 Jahre alt", sagt Jürgen Germann. Der Ex-Geschäftsführer der Hucke AG, Lübbecke, kann nicht verstehen, dass er schon mit 51 Jahren in dem Textilunternehmen nicht mehr gebraucht wird. "Das Unternehmen wurde umstrukturiert, infolgedessen ist meine Position weggefallen." Das war zumindest die offizielle Begründung. Der gelernte Textileinzelhändler, der sich nach alter Manier ohne Studium hochgearbeitet hat, hält dagegen Sparmaßnahmen für den wahren Grund seiner Beurlaubung vor Ablauf des Vertrages.

Das Altersproblem existiert nicht nur in der Textilbranche. Wer ab 45 einmal arbeitslos ist, hat Schwierigkeiten, eine neue Anstellung zu finden. "Im naturwissenschaftlich-technischen Bereich herrscht Fachkräftemangel. Dennoch landet die technische Intelligenz im Alter über 45 Jahren auf dem Abstellgleis", stellt das Institut für Angewandte Innovationsforschung (IAI) an der Ruhr Bochum-Universität in einer aktuellen Studie fest. Laut Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sucht mehr als jeder vierte Ingenieur im Alter von 55 bis 60 eine Stelle, während die Berufsgruppe insgesamt mit 7 % eine eher niedrige Arbeitslosenquote aufweist. Der Geschäftsführer der VDI-Hauptgruppe, Karl-Heinz Simsheuser befürchtet einen "spürbaren Verlust an Innovationskraft deutscher Unternehmen, wenn erfahrene Ingenieure nach einem Arbeitsplatzverlust keine neue Anstellung mehr finden".

Radikale Verjüngungskur

Die Zeit, in der Unternehmen Hunderttausende von Stellen abbauten und Mitarbeiter in Frührente schickten, ist zwar vorbei. Dennoch führt beispielsweise RWE zurzeit eine radikale Verjüngungskur durch. Bis Ende 2004 sollen 7 000 Mitarbeiter in den Vorruhestand entlassen werden. Jan Zilius, Personalvorstand der RWE AG, geht davon aus, dass 80 % aller bis dahin 51-Jährigen das Unternehmen verlassen. Dennoch wolle er darauf achten, dass der Konzern nicht "über Gebühr Know-how verliert und die Älteren ihr Wissen rechtzeitig an Jüngere weitergeben können". Auch Unternehmen wie Viag (aufgegangen in Eon), Siemens oder Opel legen noch immer Frühverrentungsprogramme auf. Gleichzeitig suchen sie dringend Fach- und Nachwuchskräfte oftmals erfolglos.

Junge Leute sind kaum noch vorhanden

"Es gibt nicht mehr Massen junger Leute, die in den nächsten Jahren aus den Hochschulen kommen. Sie sind schlicht nicht mehr vorhanden", weiß Arbeitswissenschaftler Marcus Kottmann vom IAI. Während sich 1990 beispielsweise noch 20 000 junge Leute für ein Studium der Elektrotechnik, des Maschinenbaus oder der Verfahrenstechnik einschrieben, ist es heute nur noch knapp die Hälfte. Noch dramatischer sieht es in Teilen der Naturwissenschaften aus. Bis zum Jahr 2002 wird die Zahl der Chemie- und Physik-Absolventen gegenüber 1992 um über 70 Prozent einbrechen.

Vor diesem Hintergrund sollten vorhandene Ressourcen genutzt werden, anstatt sie frühzeitig auszusortieren. Die Unternehmen erkennen langsam das Problem, zumindest wollen sie nur ungern in Verbindung mit einem Frühverrentungsprogramm in der Zeitung stehen.

Auch Arbeitnehmer müssen Einsatz zeigen

Auch die Arbeitnehmer müssen Einsatz zeigen, wollen sie bis zum regulären Rentenalter wettbewerbsfähig bleiben. "Wenn Manager ihre Weiterbildung in den Jahren, in denen sie überwiegend mit Führungsaufgaben beschäftigt waren, vernachlässigt haben, rächt sich das irgendwann", erklärt Arbeitswissenschaftler Kottmann. Der Textilfachmann Germann hat sich mittlerweile - mit guten Referenzen - auch in anderen Branchen beworben. "Ich bekomme immer die gleichen Antworten: Sie sind zu alt und Sie wollen zu viel Geld." Dem Institut für Angewandte Innovationsforschung zufolge führen Alter und Gehaltsforderung allein allerdings nur selten zu einer Ablehnung bei der Bewerbung. "In erster Linie muss die fachliche Expertise stimmen", sagt Kottmann. "Gerade in den Ingenieurwissenschaften fehlt vielen älteren Führungskräften das Fachwissen. Sie werden schnell von jüngeren Kollegen überholt."

Diskrepanz zwischen Old und New Economy

Auch die falsche innere Einstellung kann zu Problemen führen. Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen Jung und Alt in der New Economy: "Der Manager muss sich in ein junges Team einfinden können. Der Umgang miteinander ist anders als in traditionellen Unternehmen, ebenso die Arbeitsweise und natürlich auch die Arbeitszeiten", fügt Kottmann hinzu. Oft fehlen klare Hierarchien, ein Experte arbeitet eine Zeit lang als Projektleiter, dann fügt er sich wieder in ein anderes Team ein.

"Alter fängt im Kopf an", betont Sigurd Schmidt von der Deutschen Bank. "Am ehesten fällt das in der New Economy und in Unternehmen, die sich mit neuen Medien beschäftigen, auf." Das Hauptproblem bestehe darin, dass ältere Arbeitnehmer "abblocken und durch ihre Einstellung nicht mehr wettbewerbsfähig sind." Schmidt hat eine ungewöhnliche Berufsbezeichnung: Head of Human Resource, Zukunftsszenarien und Trendforschung. In dieser neugeschaffenen Position kümmert er sich um die Personalentwicklung und will die Deutsche-Bank-Mitarbeiter auf die Anforderungen von übermorgen vorbereiten. Die Arbeitnehmer sollen Selbstverantwortung übernehmen, sich als Unternehmer im Unternehmen fühlen und in einen "intergenerativen Dialog" miteinander treten. Im Klartext: "Jeder Arbeitnehmer muss sich selbst in regelmäßigen Abständen die Frage stellen: Was bin ich für den Betrieb noch wert?" Das sind Anforderungen, von denen sich nicht nur erfahrenere Mitarbeiter überrollt fühlen dürften - "die Zeiten, in denen die Schwachen von den Starken getragen werden konnten, sind vorbei", betont Schmidt.

Spielerisch neue Kenntnisse erlangen

Mit Hilfe einer elektronischen Plattform im Unternehmens-Intranet will die Deutsche Bank ältere Arbeitnehmer an die neuen Herausforderungen des Banker-Berufes heranführen. Quasi spielerisch sollen auch leitende Angestellte neue Kenntnisse erlangen, zur Weiterbildung motiviert werden und vor allem in Projekten mit Jüngeren zusammenarbeiten. Schmidt gibt zu, dass "Best Agers" - nur die Werbebranche besetzt den Begriff positiv - ohne Studium oder Weiterqualifikation am ehesten unter Druck stehen: "In höheren Positionen können die Mitarbeiter etwas länger überwintern, da sie auf dienstbare Geister zurückgreifen können. Doch auch hier fällt mangelnde Kompetenz früher oder später auf."

Branchen wie die Biotechnologie oder die Beratung haben das Problem schon vor längerer Zeit erkannt und reagiert. Weiterbildung wird dort als persönliche Weiterentwicklung verstanden. Sabbaticals, also mehrmonatige Auszeiten, seien eine Möglichkeit, dem Arbeitnehmer Zeit zu geben, sich auf sich selbst zu besinnen und neue Kraft zu tanken, erläutert Marcus Kottmann.

Und jüngere Arbeitnehmer können vielleicht darauf hoffen, dass irgendwann eintritt, was Holger Hillmer, Arbeitsmarktexperte beim VDI, mutmaßt: "Es gibt so viele Modeerscheinungen im Management. Vielleicht ist es bald wieder in, erfahrene Mitarbeiter zu beschäftigen."

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