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06.02.2002

19:18 Uhr

Renault sucht mit einem völlig neuen Fahrzeug-Konzept den Erfolg in der Business-Klasse

Renaults gewagter Auftritt

VonPETER HANNEMANN

Renault war bisher für automobile Extravaganz in den kleinen Klassen zuständig. Mit dem Vel Satis bricht der französische Konzern nun auch mit den Konventionen in der Oberklasse.

PARIS. Das französische Unternehmen Renault richtet vor allem mit seinen andersartigen Modellen der Oberklasse neues Interesse auf sich. Designer, Vertriebs- und Marketingexperten erleben mit Spannung das Eintreten von Renault in eine völlig neue Autowelt.

Design-Vorstand Patrick le Quement hat mit dem Hochdach-Coupé Avantime bereits einen ersten nonkonformistischen Vorgeschmack gegeben. Nun aber kommt das für den französischen Konzern viel wichtigere Auto auf den Markt: Der Vel Satis soll sich mit seinem unkonventionellen Fahrzeugkonzept vom Establishment der Oberklasse absetzen.

Zunächst wurde die neue Linie heftig mit Kritik überzogen. Jaguar-Chef Wolfgang Reitzle ist der Meinung: "Dieses Heck funktioniert in der Oberklasse nicht" und VW-Designchef Warkuß nennt den Vel Satis hämisch "eine kostenlose Designklinik für alle". Nur Mercedes-Pkw-Vorstand Jürgen Hubbert äußert sich schon moderater: "Ich finde gut, was die machen. Das hilft uns."

Aber le Quement sagt zu Recht, "dass Renault mit einem weiteren Stufenheckmodell in der Oberklasse kaum eine Chance gehabt hätte". Tatsache ist, dass der Zuspruch von Tag zu Tag wächst - auch unter den Händlern, wie der deutsche Renault-Sprecher Reinhard Zirpel beteuert.

Wer dieses Auto mit seinem großzügigen Platzangebot, seinem lichten Interieur und der etwas erhabenen Sitzposition im fließenden Verkehr beobachtet, erfährt schnell, welch stattliche, ja repräsentative Limousine (4,82 m lang, 1,86 m breit, 1,58 m hoch) Renault auf die Räder gestellt hat. Der französische Staatspräsident Chirac dürfte sich in ihm wohlfühlen.

Bequeme Sessel mit integrierten Gurten, Holzintarsien rundum, hochwertiger Kunststoff sowie Instrumente im High-Tech-Stil empfangen die Passagiere. Hier ist nicht nur eine noble Karosse für komfortables Reisen entstanden, der Vel Satis gibt auch ein perfektes Chauffeur-Auto ab. Selbst groß gewachsene Menschen können es sich im Fond bequem machen. So viel Platz wird sonst nur in der Luxusklasse geboten.

Den bewusst anderen Weg in die Business-Klasse beschritt Renault laut le Quement von innen nach außen. "Erst das hohe Wohlfühlklima im ästhetisch anspruchsvollen Innenraum führte schließlich zu den äußeren, für manche noch ungewohnten Proportionen", sagt er. Mit der futuristischen Frontpartie, den großzügigen, wie Portale wirkenden Türen sowie dem bulligen Heck mit Panoramascheibe entstand ein Fahrzeugkörper, der am ehesten ausgemachte Avantgardisten ansprechen dürfte.

Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass er keineswegs formale Reize vermissen lässt. Auf jeden Fall ist der Vel Satis ein Statement, das man ernst nehmen sollte. Auch die schrägen Ebenen im Verlauf des Armaturenträgers haben durchaus etwas Stil prägendes. Der moderne Automobilist dürfte sich jedenfalls mit dem neuen Flaggschiff von Renault nicht schlecht angezogen fühlen.

Einmal in Bewegung, setzt sich das gute Gefühl fort. Die Ingenieure haben ihr neues Modell ganz im Sinne einer klassengemäßen Fortbewegungsart auf eine komfortbetonte Fahrwerksauslegung hin entwickelt. Der einst vom Konkurrenten Citroën geprägte Slogan "Fahren wie Gott in Frankreich" bekommt bei Renault eine ganz neue Qualität. Nicht sänftenweich, sondern eher straff-komfortabel rollt der Vel Satis ab. Das gelingt vor allem über lange Fahrbahnwellen vorzüglich. Allenfalls breitere Querfugen oder kurz aufeinander folgende Wellen mag der große Renault nicht so gerne. Er quittiert sie mit trockenen Stößen und wenig Rücksicht auf die Insassen.

Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, was kritisch anzumerken ist. Ansonsten geht der ambitionierte Vel Satis mit zwei Vierzylinder- sowie zwei Sechszylindertriebwerken (jeweils als Benziner und Diesel) in einer Leistungsspanne von 150 bis 241 PS mit dem gebotenen Geräusch- und Antriebskomfort zu Werke.

Da hier eine neue Kundschaft interessiert, überzeugt und schließlich erobert werden muss, plant Renault zunächst vorsichtig: Pro Jahr sollen vorerst nicht mehr als 50 000 Autos zu Preisen zwischen 29 500 und 40 000 Euro Kunden finden.

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