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21.01.2003

14:37 Uhr

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Risiko der Bescheidenheit

Die Köpfe der Cheftechnologen sind geduckt, die Budgets gekürzt. Ein neues Risikobekenntnis ist aber entscheidend, erklärt Sun-Geschäftsführer Dr. Helmut Wilke (Foto), denn im Abschwung gibt es zur Innovation keine Alternative.

CIOs und CFOs behaupten selten einmütig: es gibt weniger Geld für Innovation. Das ist wahr, es ist aber auch falsch. Denn, Budgets gibt es immer. Nachdem sich die CIOs heute fragen lassen müssen, was sie mit den Millioneninvestitionen in E-Commerce-Projekte gemacht haben, bietet die angeordnete Schrumpfkur der Etats den allerbesten Vorwand, Innovationspläne in der Schublade zu lassen. Wer kein Budget hat, muss sich nicht mit Neukonzepten exponieren. Die ehemals strategische Rolle der IT ist damit zum "Kostenfaktor" degradiert und quer durch alle Branchen ein seltsamer Rollenwechsel zu beobachten. Denn viele CIOs haben - freiwillig oder nicht - das Ruder an die Finanzstrategen abgegeben. Nicht der Wille zu Innovation und Produktivität ist nunmehr das Maß der Geschäfte, sondern das Spardiktat. Das ist bedenklich. Analyst Peter G. W. Keen formulierte es unlängst so: "Während einer Rezession gibt es keinen Weg als den der Innovation." Meine vereinfachte Formel lautet: Krise braucht Innovation. Innovation braucht Mut zum Risiko. Der fehlt indes. Kein Wunder, schließlich haben die Cheftechnologen viele Projekte losgetreten, bei denen sich die Amortisierungserwartung längst der Wirklichkeit beugen musste. Insofern sei es den IT-Verantwortlichen nicht verübelt, dass sie leiser treten. Trotzdem, Querschnittstechnologien zur Produktivitätssteigerung und Rationalisierung sind nach wie vor tragend für viele Geschäftsmodelle. Ihr Einsparungspotenzial ist aber begrenzt, ihr unmittelbarer Return schwer messbar. Bedenkt man, dass IT-Infrastruktur - egal ob Hardware oder Software - funktional vergleichbar ist mit Stromzufuhr oder Wasserversorgung, amortisiert sie sich meist in Teilabschnitten und ist angesichts ihrer Komplexität nicht in Euro und Cent auszurechnen. ROI heißt in Bezug auf IT eben vielfach "Return-on-Risk". Dieser Return ist gewachsen. Unter anderem deshalb, weil das Risiko gesunken ist, mit unreifer Informationstechnologie Kapital zu versenken. Software- oder Hardwareprodukte basieren heute auf bewährten Entwicklungen - wie der Java Programmiersprache. Verdrehte Welt Umverteilt haben sich auch das Risiko und die Kompetenzen der Verantwortlichen. Der CIO hat weiterhin das Know-how, der CFO neuerdings wieder das Geld. Das ist unter Umständen keine günstige Konstellation. Werden IT-Budgetentscheidungen aus den Fachabteilungen herausgenommen, wird der Rentabilitätsabgleich von der Innovationskraft entkoppelt. Heute braucht es gewaltigen Mut, breit angelegte IT-Reformen anzupacken, egal ob es um Rekonsolidierung von Hardware oder Standardisierung von Software geht. Deshalb ist es ein bemerkenswertes Kunststück, wenn CIOs mit zusammengestrichenen Geldern auch noch Mehrwerte erzielen. Der Geschäftsnutzen von Automatisierung und Rationalisierung hat dabei eindeutig auf der Hand zu liegen, womit Innovationspläne oft der Kostentaktik geopfert werden. Sicher, von Trendwende kann keine Rede sein, aber immerhin ist hier Rekonvaleszenz in Sicht: 2003 sollen langfristige IT-Anschaffungen wieder um 0,8 Prozent wachsen, berichtet IDC. Dataquest spricht davon, dass jeder dritte europäische CIO seine Ausgaben im nächsten Jahr um rund 3 Prozent steigern will. Nicht die Zahlen sind relevant, es ist das Plus davor. Deutschland hinkt positivem Trend hinterher Leider hinkt Deutschland dem positiven Trend hinterher, wobei politische Entscheidungen zur gebremsten Investitionsbereitschaft beitragen. Bis die Finanzstrategen wissen, was beispielsweise die erhöhten Bemessungsgrundlagen der Sozialabgaben genau kosten, bleibt das Sparverdikt verhängt. Andererseits hat sich der Markt durch gekappte Etats quasi zum Nachfragemarkt gekehrt. Für die Einkäufer ist das erfreulich, für uns Hersteller nur dann, wenn wir in langfristig ausgelegter Solidargemeinschaft mit unseren Geschäftspartnern gewirtschaftet haben. Logischerweise werden Anwender bei Lizenzneuverhandlungen oder Upgrades ihre Spielräume zugunsten besserer Konditionen voll ausschöpfen. Kostendruck heißt, dass CIOs zweischneidig argumentieren müssen: auf's Geld schauen im großen Stil - und synchron dazu Mehrwerte bei Präzisionsprojekten schaffen. Sicher, früher wurde auch auf den Cent genau gerechnet, man investierte aber trotzdem. Heute ist man dabei, sich krank zu sparen. Es zeugt von alarmierende Zuständen, wenn Deutschland - wie Meta Group Geschäftsführer Luis Praxmarer unlängst feststellte - bei den IT-Ausgaben im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt mittlerweile unter den EU-Durchschnitt gerutscht ist. An Innovationsstrategien muss festgehalten werden, alles andere wäre kurz und falsch gegriffen. Es gibt keine Alternative zur Innovation, Zurückhaltung ist das wahre Risiko. (*) Dr. Helmut Wilke war bisher in verschiedenen Positionen in der IT-Branche tätig. Er ist seit 1. Mai 2001 Geschäftsführer und Vizepräsident der Sun Microsystems GmbH. Lesen Sie mehr über den Sun Microsystems Deutschland-Chef in seinem Portrait weiter ...

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