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19.01.2001

09:31 Uhr

Robert Hendry geht

Analyse: Eine schwere Aufgabe für Forster

VonStefan Menzel

Die deutsche Tochter Opel bringt dem US-Autokonzern General Motors seit Jahren nichts als Ärger. Jetzt soll der BMW-Manager Carl-Peter Forster dafür sorgen, dass es wieder aufwärts geht - eine schwere Aufgabe.

HB FRANKFURT. Robert Hendry steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Vor wenigen Minuten hat er seinen Abschied von Opel angekündigt, die monatelange Unsicherheit ist vorüber. "Vor der Pressekonferenz war er sehr angespannt", sagt einer seiner Mitarbeiter, aber jetzt hat der scheidende Opel-Chef im Frankfurter Kongresszentrum sogar Zeit für ein Schwätzchen mit seiner Sekretärin.

Hendry wird bei seinem Abgang im Frühjahr einen Scherbenhaufen hinterlassen. Im vergangenen Jahr verkaufte die Rüsselsheimer General-Motors-Tochter auf seinen wichtigen europäischen Stammmärkten gerade noch 1,5 Millionen Autos. In der Bilanz schlägt sich das mit einem Verlust von einer knappen Milliarde Mark nieder - das schlechteste Ergebnis seit fünf Jahren. Der Marktanteil sank in Deutschland auf 12,2 Prozent. Damit liegt Opel nur noch auf einer Höhe mit den Nobelkarossen von Mercedes - eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.

Aber wie so oft standen in Rüsselsheim in den vergangenen Monaten Grabenkämpfe und interne Auseinandersetzungen im Mittelpunkt. Typisch Opel: Statt sich um Autos und Kunden zu kümmern, hat sich die Führung der GM-Tochter lieber mit Personalquerelen befasst - und wechselt wieder einmal den Vorstandsvorsitzenden aus. Der Konflikt um Hendry hat auch routinierten Opel-Managern ordentlich zugesetzt. "Die vergangenen vier, fünf Monate sind unter die Haut gegangen", fasst ein Vorstand zusammen. Die Auseinandersetzungen gingen so weit, dass sich Vorstandsmitglieder bei Sitzungen anbrüllten. Dabei gibt es beim Rüsselsheimer Automobilhersteller durchaus positive Ansätze. Die gravierenden Qualitätsmängel aus den frühen 90er-Jahren sind inzwischen vergessen. Auch die Konzernmutter General Motors hat erkannt, dass die deutsche Tochter nicht zur Billigmarke verkommen darf und schießt zusätzliche Milliardenbeträge für neue Investitionen dazu. Opel muss Autos mit hohem technischen Anspruch verkaufen - sonst sinkt das Image ins Bodenlose, und noch mehr Kunden wenden sich ab.

Trotzdem dominierte die Auseinandersetzung um Hendry das Geschehen bei Opel. Besonders stark war die Opposition gegen den Vorstandsvorsitzenden im Aufsichtsrat. Selbstherrlichkeit und mangelnde Kritikfähigkeit, so lauteten die zentralen Vorwürfe gegen den Amerikaner. "Es ist unerträglich mit Hendry geworden", urteilt ein führender Opel-Manager über die vergangenen Wochen. Hendry war erstmals im Sommer 2000 massiv wegen seines Führungsstils angegriffen worden.

Wieder einmal ist bei Opel jetzt die Hoffnung groß, dass ein neuer Vorstandsvorsitzender die Probleme in den Griff bekommt. Doch in Rüsselsheim wissen sie genau, dass ein neuer Mann nicht automatisch Erfolg bringt: Auch Hendry war bei seinem Amtsantritt im November 1998 mit viel Vorschusslorbeeren bedacht worden. Aber der Opel-Chefposten ist ein Schleudersitz: Innerhalb von drei Jahren bekommen die Rüsselsheimer jetzt ihren vierten Vorstandsvorsitzenden.

Offiziell wagt es bei Opel derzeit niemand, den bereits feststehenden Hendry-Nachfolger beim Namen zu nennen. Auch Hendry selbst spricht nur davon, dass künftig ein "qualifizierter Europäer" das Zepter in Rüsselsheim schwingen soll. Doch hinter den Kulissen steht schon länger fest, wer als neuer Opel-Vorstandschef inthronisiert wird: der 46-jährige frühere BMW-Vorstand Carl-Peter Forster, Spezialgebiet Produktion. Intern heißt es bei Opel, Forster habe bereits einen Vertrag mit der GM-Europazentrale in Zürich abgeschlossen.

Auf Forster wartet viel Arbeit. Sogar GM-Konzernchef Rick Wagoner gesteht ein, dass die großen Opel-Modelle Vectra und Omega in den vergangenen Jahren nicht schnell genug erneuert worden sind. Der späte Modellwechsel ist jetzt eine der Ursachen für den drastischen Absatzverlust von General Motors in Europa. Wie die anderen Chefs vor ihm auch soll Forster die Probleme jetzt lösen. Vor allem sein deutscher Pass dürfte ihm bei der Belegschaft einen Vertrauensvorschuss sichern. Robert Hendry hatte es zutiefst geschadet, dass er sich standhaft weigerte, Deutsch zu lernen. Das brachte ihm in Rüsselsheim schnell den Ruf ein, lediglich ein Abgesandter der Detroiter GM-Zentrale zu sein - und kein echter Opel-Mann. Da passt es ins Bild, dass GM-Chef Rick Wagoner dem 56-jährigen Hendry schon einen neuen Job angeboten hat. Doch der lässt durchblicken, dass er keinen neuen Vertrag über drei oder fünf Jahre unterschreiben will, allenfalls "noch eine kürzere Sache" komme in Frage.

Hendrys Nachfolger Forster sorgte zuletzt für Schlagzeilen, als er im März nach Unstimmigkeiten mit Konzernchef Joachim Milberg seinen Vorstandsposten bei BMW verlor. Die Münchener sind jetzt auch dafür verantwortlich, dass Opel-Chef Hendry zwar seinen Rücktritt verkünden, aber noch keinen Nachfolger präsentieren konnte. BMW will Forster nur mit gebührendem zeitlichen Abstand aus dem weiterhin bestehenden Vertrag entlassen. Wahrscheinlich wird es erst zur Jahresmitte so weit sein. Trotz Vertrauensvorschuss fängt Forster in Rüsselsheim bei null an. Auch für bewährte Führungskräfte ist er dort derzeit noch ein unbeschriebenes Blatt. "Ich kenne Herrn Forster nicht", sagt etwa Wolfgang Strinz, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Opel. Der deutsche Pass wird für den neuen Chef nicht mehr als eine Starthilfe dabei sein, einen Ausweg aus den Querelen der vergangenen Monate zu finden.

"Er braucht auch eine klare Zusicherung aus Detroit, dass er als Opel-Chef frei und unabhängig von General Motors agieren kann", fasst ein Insider zusammen. Andernfalls drohten neue Auseinandersetzungen zwischen deutschen und amerikanischen Managern - und wieder würden die Autos bei Opel aus dem Blickfeld verschwinden. Doch vielleicht ist allen Beteiligten inzwischen klar, dass Forster diese Kompetenzen braucht. Nur wenn er schnell produktbezogene Entscheidungen treffen kann, hat Opel die Chance, verlorene Marktanteile zurückzuholen.

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