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29.01.2003

07:45 Uhr

Rohstoff unter der Lupe

Knappes Angebot treibt den Platinpreis

VonWolfgang Drechsler

Das Edelmetall Platin ist so teuer wie seit 17 Jahren nicht mehr. Den jüngsten Preisanstieg lösten kurzfristig drohende Engpässe bei der Versorgung aus. Aber auch mittelfristig erwarten Experten, dass die Nachfrage das Angebot übersteigen wird. Gefragt ist Platin in der Autoindustrie ebenso wie im Computer- und Mobilfunkbereich.

KAPSTADT. Im Schatten des steigenden Goldpreises ist Platin, das andere große Edelmetall, fast unbemerkt mit knapp 650 $ pro Feinunze auf den höchsten Stand in fast 17 Jahren geklettert. Zuletzt hatte das weiße Metall im September 1986 solche Höhen erklommen. Gestern notierte es knapp unter dem Hoch bei 643 $. Anders als der Goldpreis, der von der geopolitischen Unsicherheit, der Börsenschwäche und dem schwachen Dollar profitiert, beruht der Preissprung bei Platin auf möglichen Versorgungsengpässen.

Zuletzt hat es Spekulationen über einen Streik im russischen Buntmetallkomplex Norilsk gegeben, wo Platin als Nebenprodukt bei der Palladium- und Nickelförderung gewonnen wird. Schon früher hatten Gerüchte über plötzliche russische Lieferungen oder Engpässe immer wieder zu größeren Preisausschlägen bei Platin geführt. Hinzu kommt die Sorge, dass Produktionsstörungen auf einer südafrikanischen Mine des Produzenten Lonmin zu Lieferproblemen führen könnten.

Die starken Preisschwankungen liegen vor allem darin begründet, dass Platin nur in wenigen Ländern gefördert wird - und somit eine große Abhängigkeit von wenigen Produzenten besteht. Südafrika fördert heute rund 80 % allen Platins und ist damit praktisch Monopolist. Auch von den bis 2010 neu erschlossenen Vorkommen dürften 90 % aus dem südafrikanischen Bushveld kommen. Die hier um 1920 von dem deutschen Geologen Hans Merensky entdeckten Platinlagerstätten sind groß genug, um den ganzen Weltmarkt für mindestens 100 Jahre allein zu beliefern. Russland folgt mit etwa 15 % abgeschlagen an zweiter Stelle; der Rest entfällt auf Kanada.

Ein weiteres Manko liegt darin, dass sich das nahezu stabile Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage am Platinmarkt verschiebt. Viele Experten sind überzeugt, dass die wegen der schwachen Weltwirtschaft zuletzt stagnierende Nachfrage in den nächsten zehn Jahren das Angebot übersteigen wird. Für 2012 rechnet Rene Hochreiter, Bergbauspezialist von BoE Securities in Johannesburg, trotz beträchtlicher Produktionssteigerungen am Kap mit einem jährlichen Nachfrageüberhang von fast 1 Mill. Unzen.

Das Londoner Edelmetallhaus Johnson Matthey weist zudem in seinem Interimsbericht (November) auf den starken Bedarf des Schmucksektors in China hin (+13 %). Chinas Juweliere verarbeiten bereits jetzt die Hälfte allen Platins in der Branche; der einstige Spitzenreiter Japan nur noch ein Viertel. Enttäuschend gestaltete sich die Nachfrage jedoch in Nordamerika, wo der Verkauf an Platinschmuck im Jahr 2002 mit +2 % hinter den Erwartungen geblieben ist. Insgesamt stieg die Nachfrage nach Platinschmuck im vergangenen Jahr weltweit um 9 %.

Anders als Gold, mit dem sich Platin jahrelang im Tandem bewegte, ist das härtere Platin aber nicht primär ein Schmuckmetall sondern auch ein wichtiger Rohstoff für die Industrie. Zu den großen Abnehmern gehört die Autozuliefererbranche. Die international immer härteren Umweltauflagen sorgen für eine steigende Nachfrage nach Katalysatoren, die je nach Fahrzeugtyp zwischen einem sechs Gramm Platin enthalten. Als viel versprechend könnte sich zudem die Verwendung von Platin in Auto-Brennstoffzellen erweisen. Die Zellen haben das Potenzial, eines Tages die Vorherrschaft des herkömmlichen Motors zu brechen. Nach Ansicht von Angloplat - Chef Barry Davison dürften schon im Jahr 2010 allein in diesem Segment rund 500 000 Unzen gebraucht werden. Doch einen großen Teil ihrer Platinvorräte hat die Autoindustrie 2002 aufgebraucht. Experten prophezeien daher spätestens ab 2005 einen Nachfrageüberhang bei Platin. Hinzukommt, dass dass viele Hersteller wegen des extrem volatilen Palladiumpreises, der von 1 100 $ (Anfang 2001) auf 250 $ pro Unze gefallen ist, wieder auf Platin umgeschwenkt sind. Unverzichtbar ist das Edelmetall auch bei Mobiltelefonen und Computerfestplatten, die viele Bestandteile der Platin-Metallgruppe enthalten.

Wer das Risiko von Einzelaktien scheut und direkt in Platin investieren will, kann dies mit Hilfe eines Open- end-Zertifikats tun wie es z.B. seit neuestem von der Dresdner Bank angeboten wird. Der Kurs bewegt sich in Einklang mit dem Platinpreis und konnte in den letzten Monaten kräftig zulegen. Daneben bieten wegen des Mangels an reinen Platinfonds Edelmetallfonds eine Anlagealternative.

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