Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2003

08:39 Uhr

Rohstoff unter der Lupe

Russland bringt Palladium wieder ins Spiel

VonWolfgang Drechsler

Das klingt vertraut: Allzeithoch vor zwei Jahren. Seither rund 80 Prozent Wertverlust. Von Aktien ist allerdings nicht die Rede, sondern vom Rohstoff Palladium. Weil er so teuer geworden war, hatte die Industrie nach Ersatz Ausschau gehalten. Das rohstoffreiche Russland hat es nun in der Hand, ob die Industrie Palladium wieder entdeckt.

KAPSTADT. Kein anderes Metall hat in den letzten beiden Jahren einen ähnlich dramatischen Aufstieg und Niedergang erlebt wie Palladium, das Schwestermetall des weit bekannteren Platin. Nachdem der vor allem in Autokatalysatoren sowie in Zahn- und Elektrolegierungen verwendete Rohstoff im Januar 2001 mit 1094 $ pro Unze auf ein Allzeithoch geklettert war, ist der Palladiumpreis seitdem eingebrochen. Im Dezember 2002 sackte das weiß-silbrige Edelmetall auf 220 $ pro Unze; gegenwärtig liegt es mit 240 $ nur geringfügig darüber.

In vieler Hinsicht ist Palladium ein Opfer seines Erfolgs: Der rasante Preisanstieg zwang Palladiumverbraucher wie Auto- und Elektrokonzerne nämlich, Ersatzstoffe zu verwenden, wovon insbesondere Platin profitierte. Zwar ist Platin nach seinem jüngsten Preisschub inzwischen fast dreimal so teuer wie Palladium, doch können die Verbraucher hier, anders als bei Palladium, mit einer stabilen Produktion und geregelten Lieferungen rechnen. Platin stammt zu etwa 75 % aus Südafrika und zu rund 15 % aus Russland. Im Palladiummarkt ist das Verhältnis genau umgekehrt: Hier kamen im Jahr 2001 rund 70 % des weltweit gehandelten Metalls aus Norilsk in Nordsibirien - und ein Gutteil davon aus den dort im Kalten Krieg angelegten Vorräten, die nun aber offenbar weitgehend aufgebraucht sind. So lagen die russischen Exporte des Metalls in den Neunzigerjahren durchweg über der Produktion des Landes. Zweitgrößter Palladiumproduzent ist Südafrika mit einem Anteil von etwa 20 %. Am Kap fällt Palladium zumeist als Nebenprodukt in den großen Minen der Platinförderer Angloplat und Impala an. Um wieder in die Gunst der Anleger zurückzukehren, müssten die Palladiumproduzenten nach Ansicht von Barry Davison, Chef des südafrikanischen Platinriesen Angloplat, zunächst die nervös gewordene Kundschaft davon überzeugen, dass die ständigen Lieferausfälle der Russen eine Sache der Vergangenheit sind. "Die Anwender müssen sich auf eine gewisse Kontinuität verlassen können", mahnte Davsion auf einer Bergbaukonferenz in Kapstadt.

Leicht wird dies nicht werden: Da die Palladiumindustrie größtenteils auf festen Lieferkontrakten fußt, dürften sich die Autohersteller stark um langfristige Kontrakte mit den Produzenten alternativer Metalle bemüht haben. Eine Rückkehr zum Palladium wird deshalb nicht ohne weiteres möglich sein und dürfte, wenn überhaupt, nur langfristig geschehen. Sollte es dennoch gelingen, das Vertrauen der Kundschaft zurückzugewinnen und die Preisausschläge zu mindern, könnte Palladium laut Davison abermals eine bedeutende Rolle in der Autoindustrie spielen. "Eigentlich sollte eine kontinuierliche Versorgung des Marktes mit Palladium kein Problem sein, denn es gibt große Mengen des Metalls zu akzeptablen Preisen", sagte der Chef von Angloplat. sei. Nach seiner Ansicht war der jüngste Preiseinbruch eine zwangsläufige Folge des unrealistischen Anstiegs, der von einer extrem hohen Nachfrage und russischen Lieferausfällen verursacht worden war. Hinzu kam, dass die russische Rohstoffbranche gerade zu einem Zeitpunkt umstrukturiert wurde, als die Nachfrage nach Palladium enorm zulegte. Zwischen 1994 und 1998 stieg der Palladiumverbrauch in der Autobranche um 350 %. Aber auch Zahnärzte und Elektrokonzerne wirkten mit ihrer Nachfrage preistreibend.

Daran konnte auch nichts ändern, dass damals über 30 Explorationsfirmen ihr Augenmerk auf die Metalle der Platingruppe legten und ein beispielloser Erkundungsboom einsetzte. Studien zufolge könnte die westliche Palladiumproduktion durch den Ausbau bereits vorhandener Minen und die Erschließung neuer Lager mittelfristig um bis zu 50 % gesteigert werden. Doch dazu ist nun erst einmal eine leichte Preiserholung erforderlich.

Obwohl Palladium die Umwelt und Gesundheit stärker belastet als Platin, hat es sich als überaus effizient erwiesen und war deshalb lange Zeit schon wegen seines günstigen Preises in der Industrie äußerst begehrt. Dies erklärt, weshalb sich in den frühen Neunzigerjahren, als sein Preis lange bei wenig mehr als 100 $ pro Unze lag, immer mehr Katalysatorenhersteller für den Gebrauch von Palladium entschieden. Als Folge kletterte die Nachfrage des Metalls von fünf Mill. Unzen auf 8,5 Mill. Unzen und lag damit zeitweise um fast 50 % über dem weltweiten Platinverbrauch, der inzwischen auf etwa 6 Mill. Unzen gestiegen ist. Neben Platin hat sich auch Nickel als besonders guter Ersatzstoff für Palladium entpuppt.

Davison zufolge wird die künftige Entwicklung des Palladiummarktes entscheidend von Russland abhängen, da das Land durch seine Dominanz in der Lage ist, den Preis des Metalls zu beeinflussen. Offenbar ist genau dies auch die Strategie der Russen. Das Londoner Edelmetallhaus Johnson Matthey hat prognostiziert, dass Russland seine Palladiumlieferungen im letzten Jahr um etwa 63 % auf 1,6 Mill. Unzen zurückgefahren hat - und damit offenbar einen noch größeren Preisverfall des Edelmetalls verhinderte. Inzwischen mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass Russland den Autoproduzenten Palladium wieder nahe bringen will, indem es durch das Aussetzen seiner Platinlieferungen den Druck auf den Platinpreis verstärkt. Ob dies die Auto- und Elektroindustrie tatsächlich zum abermaligen Umstieg auf Palladium verleitet, werden erst die nächsten Jahre zeigen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×